Gedenken an Deportationen am Gleis 17: Der endgültige Übergang vom Recht ins Unrecht

Vor 85 Jahren verließ der erste Zug mit deportierten Juden den Bahnhof Berlin-Grunewald. In das Gedenken an die Schoah mischt sich die Furcht vor einem neuen Antisemitismus.
Foto: Stefan Boness/Ipon
Am Gleis 17 in Berlin-Grunewald fahren keine Züge mehr. Die von Rost überzogenen Schienen enden an zwei Rampen ähnelnden Bahnsteigen. Die Bahnsteige sind keine Bahnsteige mehr, so wie die Gleise nicht mehr dazu dienen, Menschen in die Ferne zu tragen. Nach Norden hin ist auf den Schienen ein kleines Wäldchen gewachsen.
Trotzdem haben sich am Sonntagmittag am Gleis 17 mehrere hundert Menschen versammelt. Sie sind gekommen, um zu gedenken. Denn von diesem Gleis eines ganz normalen Bahnhofs wurden 85 Jahre zuvor die ersten Berliner Jüdinnen und Juden in den Tod deportiert. Der erste Berliner „Osttransport“ verließ die Reichshauptstadt am 18. Oktober 1941 mit dem Ziel Lodz im besetzten Polen, von den Nazis Litzmannstadt genannt, wo sie ein jüdisches Ghetto errichtet hatten. An Bord des Zuges, gebildet aus älteren Personenwagen, waren mehr als 1.000 Menschen, Alte und Junge, Frauen und Männer, Kinder.
Stephan Harbarth, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, ist der Hauptredner. Er erinnert an die „Überfahrt in einen Raum, in dem Recht nicht einmal in Spuren vorhanden war“. Die Deportationen seien der „endgültige Übergang vom Recht ins Unrecht gewesen“, so Harbarth. Er vermeidet jegliche Andeutung an heutige politische Bewegungen und Parteien. Die Analogien sind dennoch unüberhörbar. „Die Zerstörung des Rechtsstaat vollzieht sich schrittweise“, sagt er, und: „Gesetzlosigkeit und Willkür breiten sich aus wie Geschwüre“. Denn: „Das Böse infiltriert Köpfe und Herzen.“
In die beiden Rampen am Gleis 17 tragen an ihren zum Gleis liegenden Absätzen in den Boden eingelassene Inschriften. Sie bestehen jeweils aus einem Datum und einem Namen.„Theresienstadt“ steht da immer wieder, und „Riga“, sehr häufig „Auschwitz“, aber auch „unbekannt“. Die Orte bezeichnen die Ziele der Züge, mit denen die Jüdinnen und Juden in den Tod verschleppt wurden. Etwa 10.000 alleine von diesem Bahnhof aus. Ungefähr 50.000, rechnet man die anderen Berliner Deportationsorte am Güterbahnhof Moabit und dem Anhalter Bahnhof hinzu.
Erst die Juden, dann alle anderen
Auch der israelische Botschafter in Berlin Ron Prosor betont das Prozesshafte der Judenvernichtung unter den Nazis. „Als dieser Zug abfuhr, hatten die Verfolgungen längst ihr Ziel erreicht“, sagt er und: „Die Deportationen begannen nicht auf den Schienen, sondern mitten in der Gesellschaft.“ Heute würden Juden in Deutschland wieder angegriffen, „sie müssen sich noch immer dafür rechtfertigen, dass sie Juden sind“. Die Ausbreitung des Antisemitismus beginne dann, wenn der Hass unwidersprochen bliebe. „Die Meinungsfreiheit darf nicht zur Aufhetzungsfreiheit werden“, sagt Prosor. „Die Geschichte lehrt uns: Bei Antisemitismus muss eine rote Linie gezogen werden. Erst trifft es die Juden und dann alle anderen.“
In früheren Jahren sind viele Überlebende zu den alljährlichen Gedenkfeiern am 18. Oktober am Gleis 17 gekommen. Heute nicht mehr. Fast alle von ihnen sind verstorben. Das Gedenken dient auch der Versicherung der Spitzen dieser Stadt, dass sich die Barbarei nicht wiederholen darf. Das ist in diesen Zeiten nicht mehr so leicht zu sagen.
Die mehr als 1.000 Verfolgten der ersten Deportation wurden zunächst in das Sammellager Levetzowstraße eingewiesen. Nur die Gebrechlichen wurden am 18. Oktober 1941 von der SS auf Lastwagen zum Bahnhof gebracht, alle anderen mussten laufen – quer durch die Stadt, vor aller Augen, mit dem „Judenstern“ auf der Brust. Der Zug war lange unterwegs. Es war kalt. Nach ihrer Ankunft in Lodz mussten die Menschen im Ghetto Zwangsarbeit leisten. Unzureichende Ernährung und medizinische Versorgung hatten zur Folge, dass viele schon bald nicht mehr arbeiten konnten. Die meisten von ihnen wurden nach Chelmno/Kulmhof gebracht und dort ermordet. Wer länger durchhielt, kam nach Auschwitz.
Das Interesse an einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sinkt dramatisch
Abraham Lehrer, Vizepräsident Zentralrat der Juden
Abraham Lehrer, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Leiter der Kölner jüdischen Gemeinde, spricht weniger über die Vergangenheit. Er redet von der Gegenwart, davon, dass die AfD, eine Partei, die in Sachsen-Anhalt mehr als 40 Prozent der Stimmen erhalten hat, plant, die Förderung von Schulfahrten zu NS-Gedenkstätten einzustellen. „Das Interesse an einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sinkt dramatisch“, diagnostiziert Lehrer.
Petra Pau, die langjährige Vizepräsidentin des Bundestags und Abgeordnete von Linke und PDS, sitzt in der ersten Reihe der Ehrengäste. Sie ist auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Parlament eine beständige Stimme für das Erinnern an die Nazi-Greuel geblieben Sie hört Lehrer zu, als er auf die Berliner Linkspartei zu sprechen kommt. Er wirft der Abgeordneten Vanessa Emde vor, sie wolle mal in den Antisemitismus rein, dann wieder hinaus. „Aber am besten fühlt sie sich mittendrin“, sagt Lehrer über Emde, die das Existenzrecht von Staaten – und damit auch von Israel – bezweifelt. Israel werde zum Unrechtsstaat gemacht, klagt Lehrer. In Wahrheit, sagt er, sei es „der alte Judenhass“, der da wieder zum Vorschein komme. Petra Pau sagt nichts.
Am Ende der Gedenkstunde sprich Kantor Simon Zkorenblut das Kaddisch, das jüdische Totengebet. Die vielleicht 400 Menschen legen weiße Rosen an den beiden Rampen von Grunewald nieder und gehen.
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