Neuer Krimi «Ein und Alles» – Endlich! Martin Suter schreibt sich zurück zur Bestform

Ein Mann verschwindet, seine Frau sucht ihn. So konventionell beginnt Martin Suters neuer Roman. Was der Bestsellerautor aus dieser Ausgangslage macht, verschlingt man in einem Zug.
Ein Verschwundener und rätselhafte Zeichen
Mila und Sascha sind seit Jahren ein Paar, glücklich verliebt. Bis Sascha eines Abends nicht mehr von der Arbeit nach Hause kommt. Am nächsten Morgen steht die Polizei vor der Tür. Bei seinem Arbeitgeber fehlt auf einem Sammelkonto für Lohnzahlungen eine grosse Summe Geld. Hat Sascha das Geld veruntreut und sich damit abgesetzt?
Für Mila undenkbar: Sie ist überzeugt, dass ihrem Mann etwas zugestossen sein muss. Und dann geschehen seltsame Dinge: Sie hört seine Schritte im Treppenhaus, das Klimpern seines Schlüsselbundes, den Schlüssel im Schloss. Doch als sie die Tür öffnet, ist niemand da.
Sie träumt von Sascha, so real, als wäre er bei ihr. Längst verschwundene Gegenstände tauchen wieder auf. Sascha scheint mit ihr zu kommunizieren, obwohl er abwesend ist. Mila folgt den geheimnisvollen Zeichen und beginnt selbst zu ermitteln.
Ein Krimi über ein grosses Rätsel
Was zunächst nach einer Geistergeschichte klingt, entwickelt sich zu einem raffinierten Gedankenspiel über das menschliche Bewusstsein.
Inspirieren lassen hat sich Suter vom italienischen Physiker und Computerpionier Federico Faggin, der eine gewagte These vertritt: Nicht das Gehirn erzeugt das Bewusstsein, sondern das Bewusstsein existiert unabhängig davon. «Wir haben kein Bewusstsein. Das Bewusstsein hat uns», stellt Suter seinem Roman voran.
Auch der Titel «Ein und Alles» verweist auf diese Vorstellung: Jeder Mensch besitzt ein individuelles Bewusstsein, vergleichbar mit einer Welle im Meer. Das Meer steht für ein allumfassendes Bewusstsein, mit dem alles verbunden ist.
Wissenschaftlich ist diese Vorstellung umstritten. Als literarische Idee funktioniert sie gut. Schliesslich fragen wir uns bei einem Film wie «Ghost – Nachricht von Sam» auch nicht ständig, ob das physikalisch möglich ist.
Suter macht daraus keine sentimentale Geister-Story. Er nutzt das Übersinnliche als Motor eines Krimis, der immer neue Wendungen nimmt. Und das Vergnügliche daran ist, dass man diese Wendungen kaum kommen sieht.
Ein brillanter Erzähler, ein wenig brillanter Erklärer
Suters Stärke ist seine Erzählkunst. Seine Sprache ist klar, direkt, unaufgeregt, manchmal von einer wunderbar trockenen, fast schweizerischen Nüchternheit.
Er benötigt keine grossen Effekte, um Spannung zu erzeugen. Ein paar Schritte im Treppenhaus, ein Schlüssel im Schloss, eine Tür, hinter der niemand steht – schon schafft er Atmosphäre.
Martin Suter: «Ein und Alles». Diogenes, 2026.
Auch das bewährte Suter-Personal fehlt nicht: zwielichtige Geschäftsleute, Machtmenschen, hartnäckige Polizisten. Es geht um Liebe, Geld und Betrug. Dazu internationale Schauplätze und ein dramatischer Showdown.
Doch so souverän Suter erzählt, so wenig überzeugt er als Erklärer. Wenn ein Professor auftritt, um Mila die Theorie des Bewusstseins näherzubringen, wird man daraus nicht wirklich schlauer. Und die Figuren bleiben emotional auf Distanz. Besonders Milas Patentante und Nachbarin, die ihr zur Seite steht, wirkt seltsam unterkühlt.
Aber Martin Suter will mit seinen Büchern nicht die Welt verändern oder erklären. Er will vor allem unterhalten. Das kann er, wenn er in Form ist. Und für «Ein und Alles» gilt: Er ist es!
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