Neuköllner Linke und das B-Wort: Alles klar, Bruder!

Wen der Neuköllner Linken-Politiker Ferat Koçak „Bruder“ nennt, muss nicht sein Freund sein. Über die Semantik eines Missverständnisses.
Foto: Soeren Stache/dpa
E s gibt Momente, in denen ein einziges Wort den angespannten Zustand eines ganzen Landes widerspiegeln kann. Oder vielmehr die Reaktionen auf den Kontext, in dem dieses Wort gefallen ist. Nicht nur zeigen sie, wie die eine gesellschaftliche Gruppe auf die andere blickt. Sie stehen dafür, wie fremd man sich geblieben, besser: mal wieder geworden ist.
„Bruder!“ Mit Ausrufezeichen gesprochen! Zu lesen war die Anrede in Chats des Neuköllner Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak mit Firas Remmo, Sprössling der gleichnamigen Berliner Großfamilie. Üblicherweise ein ordinäres Verwandtschaftsverhältnis zuschreibend, sind viele der Auffassung, dass „Bruder“ hier für eine problematische Nähe Koçaks zu einigen – sagen wir mal, kriminalitätsaffinen – Personen aus jener Großfamilie stehe.
Über Vergangenheit und Zukunft des Linkenpolitikers wird an anderer Stelle debattiert, ich will ihn weder verklären noch dämonisieren. Einsatz für die Menschen in Neukölln kann ihm niemand absprechen. Hier soll es um einen Moment gehen, der sich direkt am Tag nach der Berlinwahl abspielte. Also als die Sammlung erklärungsbedürftiger Details noch nicht bekannt, der erste Screenshot aus dem Chat durch Remmo junior aber bereits gepostet war.
„Er nennt ihn Bruder?!“, empörten sich viele mit sichtbarer Halsschlagader und meinten damit Koçaks Nachricht an Remmo. Als gehörte die Geschichte schon allein der Anrede wegen unverzüglich vor Gericht.
Ein Freund von mir nannte einst seine eigenen Schutzgelderpresser „Bruder“. Sie kamen in seinen Kiosk – wo er sich jeden Tag 14 Stunden lang abbuckelte – und hielten ihm auch schon mal ein Messer an den Hals. Wer das voreilig als Bestätigung für das Verhältnis zwischen Koçak und den Remmos sieht, sollte auch von den anderen Bedeutungen erfahren. Als Berliner mit afghanischer Geschichte kenne ich sie alle.
Synonym für Digger, Alter, Atze, Keule
Die Anrede „Bruder“ kann ein Vertrauensvorschuss sein oder für Augenhöhe stehen. Sie kommt als Mahnung oder Machtspiel daher, als Erwartungshaltung für Zugewandtheit, als Ausdruck einer Irritation, jedoch mit Respekt. „Bruder“ läuft als Synonym für Digger, Alter, Atze oder Keule. Das Wort ist Jugendjargon und Straßensprech, kursiert aber insbesondere als sinngemäße Übersetzung ähnlicher, warmherzig gemeinter Anreden in den Herkunftssprachen.
Und deshalb, vielleicht das Entscheidende, als identitätsstiftendes Merkmal untereinander – um dem machtvollen Othering der anderen Seite etwas zu entgegnen. Als Reaktion auf einen andauernden Prozess der Fremdmachung. Einer Stigmatisierung, die nicht erst mit „kleine Paschas“, „Messermigranten“ oder der fadenscheinigen Rede vom Stadtbild begann.
Selbst junge Teenagerinnen, ob in Kreuzberg oder im gutbürgerlichen Wilmersdorf, schreien sich, wie ich gerade erst selbst erfahren durfte, von ihren hochtourigen E-Scootern aus mit „Bruder“ an. Ganz ohne Testosteronrausch.
„Er nennt ihn Bruder?!“ symbolisierte zu Beginn der Causa Koçak das Hinterwäldlerische einer Haltung, die irgendwo zwischen „Aber ich esse doch Döner“, „Woher kommst du wirklich?“ und „Wie nützlich sind Migranten?“ feststeckt. Aus selbstverschuldeter Ahnungslosigkeit oder politischem Kalkül.
Ein Freund von mir nannte seine eigenen Schutzgelderpresser Bruder
„Bruder“ mag für einen Parlamentarier naiv sein, für sich allein genommen sagt es nicht genügend aus, um es als Beleg für illegitime oder illegale Machenschaften zu deuten.
Der Umgang damit sagt allerdings etwas über eine Gesellschaft aus, in der relevante politische, mediale und sonstige Akteure auf eine über sechs Jahrzehnte alte Einwanderungsgesellschaft starren wie das Kaninchen auf die Schlange – in Wahrheit aber die Schlange sind.
In Kabul geboren, in Berlin gereift. Schon als Kind im Widerstand gegen Exoten-Bonus und Kanaken-Malus. Heute als Autor und Producer zu unterschiedlichen Themenfeldern journalistisch unterwegs. Für TV, Print, Online und Bühne. Und fast immer politisch.
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