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Saturday, October 17, 2026

Die Kunst, loszulassen – Julia Steiner: «Scheitern war keine Option»

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Bunte Luftballons und ein Stuhl – das sind Julia Steiners Requisiten, während sie zwei Stunden mit ihrem Comedy-Programm alleine auf der Bühne steht und ihr Publikum unterhält.

Zwischen Rampenlicht und Einsamkeit

Julia Steiner liebt ihren Beruf, erlebt aber auch die stillen Seiten des Erfolgs. Nach einer Vorstellung kann sie hinter der Bühne keine Kolleginnen und Kollegen abklatschen. Das sei wirklich traurig, sagt sie mit einem Lachen: «Manchmal ist es schon etwas einsam.»

Dann war ich nicht mehr perfekt.

Diese Offenheit prägt auch ihr Bühnenprogramm. Obwohl Humor ihr Geschäft ist, erzählt sie oft von Themen aus ihrem Alltag, die alles andere als lustig sind. Entscheidend sei die nötige Distanz. Was sie noch akut beschäftigt, gehöre nicht auf die Bühne, sagt die 26‑jährige Luzernerin.

Das Wunderkind, das früh funktionieren musste

Steiner galt schon früh als aussergewöhnlich begabt. Als Fünfjährige konnte sie lesen, rechnen und schreiben. «Ich kam auf die Welt und ging direkt zur Schule», sagt sie in humoristischer Manier.

Irgendwann bist du nicht mehr die Gescheiteste und Schnellste.

Kindergarten oder Kita kannte sie nicht. Heute blickt sie differenziert darauf zurück. Die intellektuellen Fähigkeiten brachten Vorteile, aber auch hohe Erwartungen.

Mit den Jahren bröckelte das Bild der immer Leistungsstarken. «Du wirst älter und merkst, dass du nicht mehr die Gescheiteste und nicht mehr die Schnellste bist.» Dann brauche es einen neuen Pfeiler, aus dem man Selbstbewusstsein ziehen kann, meint Julia Steiner. Für sie ist das heute die Kunst.

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  • Bild 1 von 6. Julia Steiners Vater war Theaterregisseur an der Kantonsschule in Willisau. Er führte Tagebuch und schrieb über seine Tochter, ab dem Moment, als ihre Mutter schwanger war. Bildquelle: zVg.

    Erwachsene Person hält ein Baby im weissen und rosa Outfit.
  • Bild 2 von 6. Aufgewachsen in einer Theaterfamilie, lernte Julia Steiner Texte in kürzester Zeit auswendig. Sie führte zusammen mit ihrer Schwester schon als Kind Szenen aus «Romeo und Julia» auf. Bildquelle: zVg.

  • Bild 3 von 6. Julia Steiner wuchs die ersten Jahre in Buttisholz LU auf. Für das Dorf- und Vereinsleben hätten sich ihre Eltern nicht interessiert. «Ich hatte das Gefühl, wir sind die komische Theaterfamilie», sagt sie beim Eintauchen in frühere Zeiten. Bildquelle: zVg.

  • Bild 4 von 6. Julia Steiners Vater starb, als sie sechs Jahre alt war. Der Verlust des Vaters und der hohe Leistungsdruck prägten sie. Bildquelle: zVg.

  • Bild 5 von 6. Als Jugendliche litt Julia Steiner unter Angstattacken. Bildquelle: zVg.

  • Bild 6 von 6. «Dieses Foto am Meer ist zu der Zeit entstanden, wo ich 17 war und es mir am schlechtesten ging», sagt Julia Steiner. Nach aussen habe sie perfekt wirken wollen, aber es sei die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen. Bildquelle: zVg.

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Der Weg dahin war steinig. Als Jugendliche litt Julia Steiner unter Angstattacken. «Dann war ich nicht mehr perfekt», meint sie. «Ich war ein Kind, mit dem man zum Arzt musste.» Das habe sie auf eine komische Art davon befreit, immer perfekt sein zu müssen.

Eine Erfahrung, die ihr neue Türen öffnete. Zum ersten Mal musste sie nicht mehr funktionieren. Seither versucht sie, weniger über Leistung und mehr über ihre Persönlichkeit nachzudenken.

Der frühe Verlust des Vaters

Steiner war erst sechs Jahre alt, als ihr Vater starb. Die Erinnerungen an ihn sind verblasst. Umso bedeutender ist für sie ein Silberring mit einem Türkis. Den Stein hat ihr Vater von seiner letzten Wanderreise in Tibet mitgebracht. «Das ist mein wertvollster Besitz», sagt die 26‑Jährige. Er sei ihr ständiger Begleiter.

Das gibt mir ein Gefühl von Zugehörigkeit.

Von grosser Bedeutung sind auch die Tagebücher ihres Vaters. Darin hielt er Gedanken über seine Tochter fest. Die Texte sind für Steiner weit mehr als Erinnerungsstücke: Sie bilden eine Brücke zu einem Menschen, den sie gerne besser gekannt hätte. Immer wieder begegne sie auf ihrer Tour Menschen, die ihren Vater noch gekannt hätten und Ähnlichkeiten erkennen. «Das gibt mir ein Gefühl von Zugehörigkeit.»

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  • Bild 1 von 3. Julia Steiner schrieb schon als Kind gerne und wollte eigentlich Autorin werden. Eher zufällig entdeckte sie 2022 die Poetry-Slam-Szene. Weil jemand kurzfristig ausfiel, stand sie plötzlich auf der Bühne. Bildquelle: zVg.

  • Bild 2 von 3. Ihr erster Poetry Slam-Auftritt 2022 war ein Erfolg. Sie gewann innert kürzester Zeit Preise und ist seit 2024 mit einem eigenen Comedy-Programm unterwegs. Bildquelle: zVg.

  • Bild 3 von 3. Julia Steiner hat Germanistik studiert und war Lehrerin, bis sie mit Comedy alles auf eine Karte setzte. Ausschlafen zu können, die künstlerische Freiheit und vom Schreiben leben zu können, empfindet sie als grosses Privileg. Bildquelle: zVg.

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Ihr Leben sei voller Ambivalenzen, sagt Steiner: Erfolg und Zweifel, Freiheit und Angst, Verlust und Dankbarkeit existieren gleichzeitig. Vielleicht macht gerade diese Widersprüchlichkeit Julia Steiner aus: eine Künstlerin, die das Leben nicht glättet, sondern in all seinen Gegensätzen sichtbar macht.

Radio SRF 1, Persönlich, 11.10.2026, 10:00 Uhr ;  srf/ruek;noes

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