"Idee der Seelenverwandtschaft": Wie fühlt sich eine große Liebe an?

"Idee der Seelenverwandtschaft"Wie fühlt sich eine große Liebe an?
24.10.2026, 11:31 Uhr
Von Lauren Ramoser

Ist sie das jetzt, die große Liebe? Manche Menschen finden sie einmal, manche mehrfach, andere nie. Woran aber erkennt man, ob ein Mensch die wirklich große Liebe ist?
Gerade in der Anfangsphase des Kennenlernens fühlen sich die neu entstehenden Gefühle oftmals groß an. Mit niemandem sonst will man Zeit verbringen, nie war jemand so lustig, so einfühlsam, so verständnisvoll. Doch nach einiger Zeit, bei manchen sind es wenige Monate, bei anderen mehrere Jahre, lässt dieser erste Liebesrausch nach und dann zeigt sich, ob sich eine vertraute Liebe eingestellt hat. Die zu finden ist nicht leicht.
Zwar scheint die Auswahl an möglichen Singles durch digitalisiertes Dating heute größer denn je zuvor, die Liste der vermeintlichen Ansprüche ist es aber auch. "Es ist sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, all den widersprüchlichen Erwartungen gleichzeitig gerecht zu werden", sagt US-Therapeut Dr. Orion Taraban im Gespräch mit ntv.de. "Das kann leider zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und zu Passivität führen." Denn die Vorbilder in der Liebe sind groß.
Nichts weniger als ein Seelenverwandter
In der Literatur und Popkultur wird die Suche nach der großen Liebe nicht erst, aber spätestens seit der Romantik gerne in den Mittelpunkt der menschlichen Selbstfindung gestellt. Um Definitionen dieses einen großen Gefühls ist man daher nicht verlegen.
Im Internet gerne und viel zitiert ist eine Szene aus der amerikanischen Serie "The Office", einem humoristisch harmloseren Vorreiter von "Stromberg". Dort verliebt sich über Staffeln hinweg die Rezeptionistin Pamela Beesly in ihren Kollegen Jim Halpert. Als das Timing endlich stimmt und sie sich ihrer romantischen Liebe füreinander bewusst werden, entsteht die Beziehung, die zum Rückgrat der gesamten Serie wird. In einer Interviewsequenz der Mockumentary sagt Pam: "Als Kind geht man davon aus, dass die eigenen Eltern Seelenverwandte sind. Meine Kinder werden damit recht haben."
Die Idee der Seelenverwandtschaft taucht schon früher auf. Auch in Emily Brontës "Sturmhöhe" sagt Catherine über Heathcliff: "Er ist mehr ich selbst, als ich es bin. Woraus auch immer unsere Seelen gemacht sind, seine und meine sind gleich." Die Idee ist eine der radikalsten Beschreibungen romantischer Liebe. Nur zu lieben reicht nicht aus, der andere Mensch ist nicht bloß ein Gegenüber, sondern Teil der eigenen Identität.
Weniger dramatisch, dafür allumfassend, ist Jane Austens Idee der Liebe bei Mr. Darcy und Elisabeth aus "Stolz und Vorurteil". "Vergeblich habe ich mich dagegen gewehrt. Es hat keinen Zweck. Meine Gefühle lassen sich nicht unterdrücken", sagt Mr. Darcy schließlich. Dieses Verständnis impliziert, dass man der Liebe ausgeliefert ist, selbst wenn Kopf und Herz nicht einer Meinung sind.
Wie sich Liebe nicht anfühlt
Wie sich dieses Gefühl genau anfühlt, kann ganz unterschiedlich sein. Doch Paartherapeuten sind sich einig, wie sie sich nicht anfühlt. Psychologin und Sexologin Ann-Marlene Henning beschreibt eine Situation aus ihrer Beratungspraxis: "Wir lieben uns über alles, es fühlt sich aber nicht so an, sagt ein Paar zum Beispiel. Und ich sehe es ihnen auch nicht an. Die behandeln sich schlecht, die lassen einander kein freies Atmen", erklärt Henning im Gespräch mit ntv.de. "Liebe ist nicht nur ein Gefühl, man sollte sich auch durch eigenes Verhalten leben lassen."
Was Menschen für Liebe halten, kann auch zerstörerisch sein. Ein großes Gefühl, dass in Wut oder Kontrolle umschlagen kann. Mit Liebe hat das dann allerdings nichts mehr zu tun.
Diesen Punkt sieht auch Paartherapeut Christopher Frentrup im Gespräch mit ntv.de. "Dass diese andere Person nicht auf mich angewiesen ist und trotzdem mit mir zusammen sein will. Das ist ja ein Wunder." Ein Wunder ja, aber eines, dass sich zum Glück für viele Menschen erfüllt.
Große Liebe im Kleinen
Fern der Literatur suchen Menschen nach diesem Gefühl, für das die Messlatte so hoch liegt. Dabei fühlt man sie in vielen kleinen Situationen. "Wenn ich Dinge sagen kann, die mir nicht gefallen, obwohl ich auf Widerstand oder Ablehnung stoße", sagt Henning. "Wie weit mag ich als Partner oder Partnerin flexibel sein? Auch das könnte eine Liebeshandlung sein", sagt sie. Gut erkennbar ist die Liebe auch in der Rückschau. Dann wird klarer sichtbar, welche Menschen tatsächlich unser Herz berührt und Spuren darin hinterlassen haben und welche nicht.
Für Henning wird dieser Unterschied auch in der Sexualität deutlich. "Liebe und Sex würde ich immer trennen wollen", sagt die Sexologin. Aber wenn zu sexueller Erregung auch "Intimität und miteinander im Kontakt sein, kommt, dann hat man beides im Sack", erklärt sie. Dann fühle sich "Sex plötzlich innig, emotional und intim" an.
Eine Ruhe, die sich auch durch den Alltag der Beziehung ziehen darf. "Das darf es und braucht es auch, dass man tolle Ruhe erleben kann", sagt Frentrup über die Entspannung in einer Beziehung. Und dennoch darf die Liebe unterhaltsam sein, nur eben nicht einengend. "Und wir dürfen uns in gewisser Hinsicht davon lösen, dass es sie nur einmal gibt. Gemessen an der Lebensspanne, gibt es faktisch mehrere Menschen, mit denen wir sein können", sagt der Paartherapeut.
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