217 Jahre ungelöst: KI knackt Napoleons Geheimcode in 6 Stunden

- KI-Ingenieur Carter Church hat mithilfe von GPT-6 Astra einen 217 Jahre alten verschlüsselten Napoleonbrief in rund sechs Stunden entziffert.
- Das Schreiben entpuppt sich als militärischer Lagebericht.
- Die Entschlüsselung ergänzt zudem eine Textlücke in Napoleons Memoiren.
Ein 217 Jahre altes Rätsel ist in knapp sechs Stunden gelöst worden – dank KI. Ein Ingenieur nutzte GPT-6 Astra, um einen verschlüsselten Brief aus dem Umfeld Napoleon Bonapartes zu entziffern.
Das Schreiben hatte Napoleons Stiefsohn Eugène, Vizekönig von Italien, 1809 im Namen Napoleons verfasst. Adressiert war der Brief an General Auguste de Marmont. Bis heute war es Historikern nicht gelungen, ihn zu entschlüsseln.
Die erste Zeile ist auf Französisch verfasst, die folgenden 24 Zeilen bestehen jedoch aus zweistelligen Zahlen, einzelnen Buchstaben und erfundenen Symbolen. Carter Church, KI-Ingenieur beim Cybersicherheitsunternehmen SentinelOne, nutzte das neueste KI-Modell von OpenAI, um den Code zu knacken und die Nachricht zu transkribieren.
Inhalt des Briefes ist militärisch brisant
Nach rund sechs Stunden Arbeit kam die KI zu dem Ergebnis, dass der Brief Einzelheiten zu französischen und österreichischen Truppenbewegungen kurz vor Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und dem Habsburgerreich enthielt. Der Text offenbarte zudem die Positionen bayerischer, polnischer und französischer Streitkräfte.
«Ich habe GPT-6 Astra eingesetzt, um eine ungelöste Verschlüsselung in einem Brief an einen von Napoleons Generälen zu knacken, der 217 Jahre lang ungelesen geblieben war. Das Beeindruckende daran ist eigentlich nicht das Knacken des Codes, sondern dass Astra den gesamten multimodalen Arbeitsablauf in etwa sechs Stunden bewältigte – ausgehend von einem einzigen Bild und einer Zielvorgabe», schrieb Church auf X.
Darum geht es im Brief:
Im Jahr 1809 steuerte Europa auf einen Krieg zu. Österreich bereitete sich auf einen Kampf gegen Frankreich vor, während ein Grossteil der französischen Streitkräfte in Spanien gebunden war. Marmont, der die französischen Truppen in Dalmatien befehligte, lief Gefahr, im Falle eines österreichischen Angriffs isoliert zu werden.
Am 16. März informierte Napoleon General Marmont über die Positionen der französischen und verbündeten Hauptstreitkräfte:
«Die Russen marschieren gegen Österreich, und die Armee von Friaul umfasst heute achtzigtausend Mann.»
«Rechnet man das Korps in Dalmatien hinzu – ganz zu schweigen von den Reserven, die überall im Hinterland aufgestellt werden –, so sieht man, dass Österreich von allen Seiten zugleich angegriffen werden wird. Folglich eilt es seinem Untergang entgegen.
Wenn Sie den Marschbefehl erhalten, dürfen Sie sich nicht von einigen wenigen Truppen oder einer Ansammlung von Gesindel einschüchtern lassen.»
Die KI habe die 1202 mal 1836 Pixel grosse Abbildung zunächst in einzelne Zeilen zerlegt. «Dann identifizierte Astra die Zeichen, entschied, welche der 175 handgezeichneten Symbole identisch waren, und begann erst dann mit der Entschlüsselung», so Church.
Brief liefert das fehlende Wort in Napoleons Memoiren
Der Ingenieur erläuterte, dass Astra auf Grundlage einer einzigen Anweisung rund 1300 handgezeichnete Zeichen transkribierte, einen nicht direkt mit dem Brief verknüpften Teilschlüssel fand und den Rest des Schreibens mithilfe eines eigenen «Simulated-Annealing-Solvers» entschlüsselte.
«Es handelt sich um einen Lagebericht, der zwei Wochen vor dem Einmarsch Österreichs verschickt wurde. Zudem schliesst er eine Lücke: Napoleons eigentlicher Befehl, wie er in seinen Memoiren von 1865 wiedergegeben wird, bricht mitten im Satz ab – Marmont dürfe sich nicht von ‹einer Handvoll …› aufhalten lassen. Dieser Brief enthält den restlichen Teil im Wortlaut: ‹… Gesindel›», fügte Church hinzu.
Karin Leuthold (kle), Jahrgang 1968, arbeitet seit 2005 für 20 Minuten und ist derzeit am Newsdesk tätig.
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