Deutscher Buchpreis für Shida Bazyar: Geschichte eines Heimatortes

Shida Bazyar erhält für ihren Roman „Die Lücken“ den Deutschen Buchpreis. In ihrer Dankesrede machte sie auf die düstere politische Situation aufmerksam.
Sie galt als Favoritin, nun hat Shida Bazyar also den Deutschen Buchpreis gewonnen: Mit „Die Lücken“, einem Buch, mit dem man im Deutschland des Jahres 2026 alles richtig macht. Bazyar habe den Heimatroman neu definiert, so sagte Jurorin Maha El Hissy in ihrer bei der Preisverleihung am Montagabend eingeblendeten Kurz-Laudatio, und tatsächlich tritt in „Die Lücken“ vielgestaltig bundesrepublikanisches Leben zutage.
Bazyar reist in ihrem dritten Roman tief ins kleinbürgerliche Westdeutschland, in den Hunsrück, und begleitet die Geschicke der Bewohner:innen von Heimesbach, das angelehnt ist an Bazyars Geburtsort Hermeskeil. Sie beschreibt, wie jüdisches Leben im Ort verschwindet, wie der Holocaust im Nachkriegsdeutschland thematisiert oder eher nicht thematisiert wird und spinnt den Faden bis in die Jetztzeit weiter, wo nun geflüchtete Familien auf die Nazi-Nachfahren treffen.
Man nimmt es der Autorin ab, dass sie die Geschichte ihres Heimatorts bis zur Besessenheit verfolgte. Das Gefühl, das manche vielleicht ereilte, wenn sie erführen, dass ihr geliebter Großvater Nationalsozialist war, das habe sie während der Beschäftigung mit ihrem Heimatort erfahren, sagte Bazyar in dem vorab eingeblendeten Video zu den Shortlist-Nominierten.
100 Jahre deutsche Geschichte, das ist vor allem, zwangsläufig, eine Geschichte der Gewalt. Das sowas von sowas kommt, macht Bazyar eindrücklich schon am Verhalten der Kinder in Heimesbach deutlich, die die Erwachsenen spiegeln. „Und weil Angst in dieser Zeit und in der Welt dieser Kinder keinen Platz hatte, hatte sie sich für den Groll entschieden“, heißt es an einer Stelle. „Den lebten ihr die Eltern vor, den kannte sie gut.“
Keine glückliche Preisrede
Bazyar reagierte auf die Aufzeichnung gefasst, sprach lange, nachdem sie die Urkunde erhalten hat. Eine glückliche Preisrede kann man die Ausführungen dabei kaum nennen, die sie im Kaisersaal des Frankfurter Römers machte, das käme ihr auch nicht richtig vor, so Bazyar, immerhin werde mit „Die Lücken“ ein Roman ausgezeichnet, der von Verfolgten und Getöteten handele.
Die Autorin machte auf die düstere politische Situation in Deutschland aufmerksam, darauf, dass sich antisemitische und rassistische Straftaten zahlenmäßig auf einem neuen Hoch befänden, und dass es keine Minderheitengruppe gebe, die in diesem Land aktuell nicht bedroht wäre. Von wem diese Bedrohung ausgeht, sparte Bazyar dabei nicht aus, verwies auf die Deportationen, von denen nun seit 1945 erstmals wieder öffentlich gesprochen wird, auch wenn man sie Deportationen nicht nennt, verortete die Gefahr dabei allerdings nicht zuvorderst in den Parlamenten. Das Problem, sagte sie und zitierte Hannah Arendt, das Problem an 1933 war doch nicht, „was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten“.
Den Bogen zurück zur Literatur, ins Jetzt und zurück zur Preisverleihung, denn bekam sie dabei trotz düsterer Note geschlagen. Sie habe es als sehr angenehm empfunden, mit den Nominierten auf der Long- wie Shortlist gemeinsam die Ambivalenz auszuhalten, zwar Preise erhalten zu wollen, an einem Konkurrenzverhältnis untereinander aber eigentlich kein Interesse zu haben.
Wichtige Differenzierung
Moderiert wurde die Veranstaltung von dem ZDF-Mann Jo Schück, der das souverän, etwas literaturbeflissen und mit einigem Pfiff über die Bühne brachte. Literatur sei ein schönes Gegengift gegen alle Forderungen nach Eindeutigkeit, sagte er und brachte damit ein Thema ein, dass alle Grußworte im Frankfurter Römer durchzog: die Literatur als Möglichkeit, den Misslichkeiten zu Gegenwart etwas entgegenzusetzen. Wobei Ina Hartwig, der Frankfurter Kulturdezernentin (SPD), eine Differenzierung wichtig war. Sie erteilte einer rein nationalen, deutschnationalen Literaturperspektive eine klare Absage und setzte auf den Aspekt des Austausches. „Ausgrenzung bedeutet Verengung, in letzter Konsequenz Zerstörung“, sagte sie.
Sebastian Guggolz, der im Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse ein starker Konterpart des Bundeskulturstaatsministers Wolfram Weimer war und vor seiner ersten Frankfurter Buchmesse intellektuelle Neugier verströmt, zitierte Franz Fühmann. Dem 1984 verstorbenen Autor trieb als literarische Aufgabe um: Wie teile ich meine Erfahrungen mit, so dass sie zur Erfahrung des anderen werde. Auch in diesem Grußwort also: Austausch, Kommunikation als Mittel gegen die Verhärtung der Zeit. Als eine „Gegenveranstaltung zu Polarisierung der Zeit“ bezeichnete Guggolz denn auch die gesamte Buchmesse. Insgesamt ein würdiger, erfreulich unpeinlicher Abend, der von einem starken Selbstbewusstsein des Literaturbetriebs kündete.
Nominiert waren neben Shida Bazyar dieses Jahr Franziska Gänsler mit „Orca“, Valeria Gordeev mit „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“, Elias Hirschl mit „Schleifen“, Peggy Mädler mit „Selbstregulierung des Herzens“ und Dana Vowinckel mit „Anton und Alma“. Das war eine thematisch weit gespannte Kandidat*innenliste – von der Subkultur in DDR bis zum deutsch-jüdischen Beziehungsstreit, vom provinziellen Leben in der Kleinstadt bis zum Klimaprotest reicht die Bannbreite.
Vorabend der Buchmesse
Die Verleihung fand traditionell am Vorabend der Frankfurter Buchmesse statt. In einer dieses Jahr neu gestalteten Messearchitektur – die Publikumsverlage sind nun ausschließlich in den Erdgeschossen der Messehallen zu finden – wird man noch bis zum Sonntag viele dieser Autor*innen und noch viele andere mehr treffen können. Am häufigsten natürlich die Gewinnerin; sie wird die nächsten Tage omnipräsent sein.
Im vergangenen Jahr erhielt Dorothee Elmiger für ihren Roman „Die Holländerinnen“ die Auszeichnung. Sie garantiert eine hohe Auflage und auch internationale Aufmerksamkeit, die sich in vielen Übersetzungen niederschlägt.
Der Jury gehörten dieses Jahr an die Buchhändlerin Theresa Donner, der Buch-Kritiker Jan Ehlert, die Literatur-Kritikerin Maha El Hissy, die Literaturchefin der Berliner Zeitung Cornelia Geißler, die Leiterin der Literaturbüros NRW Emily Grunert, die Literaturwissenschaftlerin Stefanie Kreuzer sowie der Zeit-Literaturchef Adam Soboczynski.
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