25 Jahre 9/11 – Historikerin: «Erinnerungskultur ist immer mit Macht verbunden»

Fast jeder weiss, wo er oder sie war, als die Bilder von 9/11 vor 25 Jahren um die Welt gingen. Eine Historikerin erklärt, wie kollektives Erinnern geprägt wird – und weshalb eine lebendige Erinnerungskultur auch eine Frage von Zeit und Ressourcen ist.
Rachel Huber
Historikerin
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Rachel Huber ist Historikerin und forscht zu Erinnerungskulturen, digitaler Erinnerung und Diskriminierungsgeschichte. Sie promovierte an der Universität Luzern und ist heute assoziierte Forscherin am Walter-Benjamin-Kolleg der Universität Bern.
SRF: Der Herbst 2001 war in der Schweiz von fünf grossen Katastrophen geprägt. Vier davon spielten sich hierzulande ab. Warum ist aber insbesondere 9/11 bis heute so präsent geblieben?
Rachel Huber: Es war ein globales Ereignis und ein kollektiver Schock. Entscheidend ist aber: Das Ereignis spielt bis heute eine Rolle für unsere Gegenwart. Die Bilder werden immer wieder in neue Zusammenhänge gestellt und die politischen und geopolitischen Folgen wirken weiter.
Auch Menschen, die damals noch gar nicht geboren waren, wissen, was am 11. September geschah. Welche Mechanismen wirken hier, damit ein solches Ereignis über Generationen präsent bleibt?
Das lässt sich sehr gut mit einem Satz des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner beschreiben: «The past is never dead, it’s not even past.» («Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.»)
Bei 9/11 sieht man das besonders deutlich: Filme, Serien und Dokumentationen greifen das Ereignis immer wieder auf. Dazu kommen Jahrestage, an denen Medien ausführlich darüber berichten. Und die Generation, die diese Katastrophe selbst erlebt hat, spricht mit ihren Kindern darüber.
Warum funktioniert das beim Zuger Attentat oder beim Brand im Gotthardtunnel nicht genauso?
Das sind primär lokale Ereignisse. Für die Schweiz waren sie einschneidend und schockierend. Aber ihre Bedeutung ist weniger global. Deshalb ist die Erinnerung daran heute lokal.
Erinnerungskultur ist dynamisch und nicht planbar.
Es gibt in Zug etwa einen Erinnerungsort. Auch die Sicherheitsmassnahmen in Verwaltungsgebäuden erinnern indirekt an das Attentat. Aber diese Erinnerung läuft eher im Hintergrund.
Was entscheidet darüber, welches Ereignis im kollektiven Gedächtnis bleibt?
Erinnerungskultur ist dynamisch und nicht planbar. Sie entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Akteure: Familien, zivilgesellschaftlichen Gruppen, Politik, Behörden, Forschung und Medien.
Wie funktioniert Erinnerungskultur in der Schweiz?
Die Schweiz ist stark von einem demokratischen Aushandlungsprozess geprägt. Der Staat sollte nicht einfach vorgeben, was eine Gesellschaft zu erinnern hat.
Erinnerungskultur ist immer auch mit Macht verbunden.
Wenn Menschen oder zivilgesellschaftliche Gruppen überzeugt sind, ein Ereignis müsse erinnert werden, können daraus Gedenktafeln, Denkmäler oder andere Erinnerungsorte entstehen.
Ist die Schweiz damit zurückhaltender als andere Länder?
Ich würde sagen, die Schweiz macht das genau richtig. In einer Demokratie sollte Erinnerungskultur ausgehandelt werden.
Anders ist es in autoritären Gesellschaften, wo die politische Führung stärker bestimmen kann, was erinnert und was verdrängt wird. Erinnerungskultur ist deshalb immer auch mit Macht verbunden.
Sie bezeichnen Erinnerungskultur auch als eine Art Luxus. Was meinen Sie damit?
Erinnerung benötigt Raum und Zeit. Wenn eine Gesellschaft mit aktuellen Krisen beschäftigt ist – etwa Kriegen, Klimawandel oder steigenden Preisen –, stehen vergangene Ereignisse weniger im Vordergrund. Dann konzentrieren sich Menschen auf das, was sie unmittelbar betrifft.
Eine lebendige Erinnerungskultur zeigt deshalb auch, dass eine Gesellschaft Ressourcen und Aufmerksamkeit für ihre Vergangenheit aufbringen kann.
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