Russisches Angriffs-Szenario gegen Nato "durchaus möglich"
Geheimdienste in Europa warnen vor einer begrenzten Invasion Russlands auf Nato-Gebiet. Reale Bedrohung oder Panikmache? Militärexperte Gustav Gressel analysiert, wie Putin das Bündnis testet.
22.09.2026 | 13:32 minMilitärexperte Gustav Gressel hält die Warnungen europäischer Geheimdienste, dass Russland in den kommenden Jahren einen europäischen Staat angreifen könnte, für "durchaus möglich und zu einem gewissen Grad auch wahrscheinlich". Das sagte er gegenüber ZDFheute live.
Man weiß natürlich, dass Russland die Eskalation auch mit der Nato plant und vorbereitet.
Gustav Gressel, Militärexperte
Deshalb baue das Land die militärische Infrastruktur an der Nato-Ostflanke längst aus und es gebe nachrichtendienstliche Aufklärung der Russen in Deutschland, sagte Gressel. Auch verdeckte Aktivitäten zur Vorbereitung von Anschlägen und Drohnenaktivitäten würden beobachtet.
… ist Politikwissenschaftler und Hauptlehroffizier an der Landesverteidigungsakademie des österreichischen Bundesheeres. Er beschäftigt sich mit sicherheitspolitischen und militärstrategischen Fragen mit Fokus auf Osteuropa und Russland. Von 2014 bis 2024 war Gressel beim European Council on Foreign Relations in Berlin. Vor seiner wissenschaftlichen Laufbahn war Gressel unter anderem mehrere Jahre in militärischen Diensten in seiner Heimat Österreich. Seine Offiziersausbildung absolvierte er an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.
Gressel: Russland könnte politische Schwächen ausnutzen
Wie und wo ein Angriff geschehen könnte, hänge allerdings von vielen Faktoren ab, erklärte Gressel, "die nicht direkt in russischer Hand sind". Dazu zählten der Ausgang des Krieges in der Ukraine, die innen- und außenpolitische Lage in den USA sowie der Taiwan-Konflikt.
Russische Drohnen im Luftraum der EU, Anschläge auf kritische Infrastruktur in europäischen Ländern. Befinden wir uns bereits in einem kriegsähnlichen Zustand mit Russland?
03.09.2026 | 2:27 minIn dieser Gemengelage könne es sein, dass "Russland in einer Phase der politischen Schwäche in Europa" einen militärischen Angriff gegen einen europäischen Staat beginne und damit die Nato vorführen wolle.
Russlands Kräfte weitgehend für Ukraine-Krieg gebunden
Gressel betonte aber auch, dass kurzfristige Angriffe zur Landgewinnung eher unwahrscheinlich seien. Denn dann würde Russland sich im Kriegszustand mit Nato-Staaten befinden, könne aber wegen des Ukraine-Krieges dort keine "großen Kräfte entbehren und an die Nato-Ostflanke werfen".
Denn sonst räumen die Ukrainer in der Ukraine auf mit der russischen Armee.
Gustav Gressel, Militärexperte
Im Winter sei eher mit verdeckten Operationen zu rechnen, und damit, dass Drohnen über die Grenze flögen. Dazu reparierten die Russen auch halbwegs intakte, abgestürzte ukrainische Drohnen, um sie als Attacken des Gegners auszugeben, sagte Gressel. Litauen hatte vor solchen Täuschungsversuchen gewarnt.
Nach dem Anschlagsversuch am Leipziger Flughafen will die Bundesregierung die russische Schattenflotte sanktionieren. Militärexperte Nico Lange betont, dass man zur nötigen Stärke finden müsse.
03.09.2026 | 26:07 minVorbereitungen deuten nicht auf schnellen Angriff hin
Der österreichische Politikwissenschaftler und Militärexperte sieht aktuelle Berichte über die Bereitstellung von tausenden zusätzlichen Krankenhausbetten für Militärpatienten in Russland grundsätzlich als Teil von dessen Vorbereitung auf einen möglichen Angriff.
Das heißt aber nicht, dass in der nächsten Woche hier der Angriff erfolgt.
Gustav Gressel, Militärexperte
Dass mehr Russen das Land aus Angst vor einer Zwangsverpflichtung in die Armee verließen, habe auch damit zu tun, dass die Mobilmachung nicht angekündigt werde und sie nicht wüssten, wann sie erfolgen könnte. Viele Menschen fürchteten eine schleichende Mobilisierung.
Gressel: Auf Ernstfall vorbereiten
Der deutschen Politik und den Medien riet Gressel, nicht auf Verschwörungstheorien zu hören, sondern Pläne zu schmieden, wie man im Ernstfall zurückschlagen könne. Bislang seien Deutschland und Europa in diesem Zusammenhang nicht gut aufgestellt.
Der Krieg gegen die Ukraine spiele sich auch medial ab, so Oberst Reisner bei ZDFheute live. Oft würden beide Parteien Videos von kurzfristigen Erfolgen teilen, die verifiziert werden müssten.
10.09.2026 | 23:16 minDas betreffe zum einen die Gesetzeslage - verdeckte Operationen zu planen oder gegen einen möglichen Gegner durchzuführen, sei in vielen europäischen Staaten "legal entweder nicht möglich oder sehr schwer möglich", sagte Gressel.
Zudem herrsche Furcht vor wirtschaftlichen Schäden durch Sanktionen oder das Vorgehen gegen die russische Schattenflotte. "Die schreckt viele europäische Staaten davon ab, dann eben durchzugreifen."
Trotz 21 Sanktionspaketen fließen weiter Milliarden nach Russland. Bei Schattenflotte, Gasimporten und Visa hat die EU noch Spielraum für schärfere Maßnahmen.
01.09.2026 | 1:26 minVerunsicherung als Ziel von Putin
Der russische Präsident Wladimir Putin setze auf der einen Seite darauf, die internationale Unterstützung der Ukraine zu kappen, schätzte der Experte ein. Nachdem die USA aus der "Unterstützerkoalition" ausgeschieden seien, gehe es jetzt darum, auch die europäische Unterstützung auszuschalten oder zu mindern. Dazu würden ein Propagandakrieg geführt und Parteien unterstützt, die die Bereitstellung von Rüstungsgütern beenden wollten.
Auf der anderen Seite steht nach Ansicht von Gressel der Plan, die Verunsicherung in den europäischen Gesellschaften mit der Angst vor einem Angriff zu schüren.
Das Interview führte ZDFheute live-Moderatorin Christina von Ungern-Sternberg.
Quelle: ZDF
Über das Thema berichtete ZDFheute live am 22.09.2026 um 13:38 Uhr.
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