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Saturday, September 19, 2026

Exoskelett im Alltag – Dank Roboter-Anzug wieder auf Wandertour

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«Schau mal, wie er mich herumschwingt.» Brigitte Eberhard lacht. Die 85-Jährige steht am Start einer Wanderung am Flachsee. An ihren Beinen: ein futuristisches Exoskelett mit Elektromotoren. In ihren Knien: Arthrose. Lange Wanderungen? Eigentlich Vergangenheit. Doch heute wagt sie einen Versuch, der ihr ein Stück Freiheit zurückgeben könnte.

Die grosse Frage: Können sogenannte Exoskelette älteren Menschen helfen, länger mobil zu bleiben? Oder sind sie bloss ein teures Technik-Gadget?

Die Beine laufen plötzlich von allein

Bevor Brigitte Eberhard zur eigentlichen Wanderung aufbricht, steht der erste Praxistest an. In ihrer Wohnung probiert die 85-Jährige das Exoskelett zum ersten Mal aus. Es ist ein Gerät aus Motoren, Sensoren und Carbon, das ihre Beine hochzieht. Eine Art künstlicher Muskel. Die Erwartungen sind gross. Schliesslich verspricht die Technologie genau das, was vielen älteren Menschen fehlt: Unterstützung beim Gehen.

Und tatsächlich spürt Brigitte Eberhard die Wirkung sofort. «Ich muss weniger machen», sagt sie nach den ersten Schritten.

Doch die Eingewöhnung verläuft holpriger als erwartet. Das Exoskelett zieht die Beine aktiv nach vorn. «Die Beine laufen allein, ohne meinen Oberkörper. Sie nehmen ihn einfach mit. Es macht ein bisschen Angst.»

Vielleicht ist das ein neuer Trend. Das werden wir in der Zukunft sehen.

Je höher die Unterstützungsstufe eingestellt wird, desto stärker wird dieses Gefühl. Auch die Bedienung der Knöpfe und das Anziehen des Systems brauchen Übung. Die ersten Gehversuche zeigen bereits: Das Exoskelett kann helfen – aber es verlangt dem Menschen auch Anpassung ab.

Die Wanderung, die eigentlich nicht mehr möglich wäre

Nach einigen Testläufen folgt der Härtetest: eine rund zweieinhalbstündige Wanderung mit einer Seniorengruppe. Für Brigitte Eberhard ist das alles andere als selbstverständlich. Wegen ihrer Knieprobleme sind längere Strecken schwierig geworden.

Umso grösser sind ihre Hoffnungen. «Dass es mir hilft zu laufen, unterstützt und Sicherheit gibt beim Laufen», sagt sie vor dem Start. Mit dabei ist auch Nicola Hungerbühler von Pro Senectute. Er beobachtet den Versuch mit grossem Interesse. «Vielleicht ist das ein neuer Trend. Das werden wir in der Zukunft sehen», sagt er.

Auf den ersten Kilometern zieht Brigitte Eberhard viele Blicke auf sich. Die Wandergruppe diskutiert über das Gerät, stellt Fragen und beobachtet neugierig jeden Schritt.

Doch die Technik löst nicht alle Probleme. Nach gut einer Stunde wird deutlich, dass auch ein Exoskelett keine Wunder vollbringen kann. «Ich merke einfach, dass ich müde werde», sagt sie. Sie wechselt schliesslich von der schnelleren in die gemütlichere Wandergruppe. Dort findet sie ihren Rhythmus – und geniesst die Tour sichtlich.

Der «Einstein»-Moderator macht den Leistungstest

Während Brigitte Eberhard wandert, will Moderator Tobias Müller wissen, was das Exoskelett bei gesunden Menschen tatsächlich bringt.

Der erste Eindruck ist spektakulär. «Jetzt gehen wir aber in den Boostmodus! Das ist krass!»

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  • Bild 1 von 5. Tobias Müller testet das Exoskelett beim Treppensprint. Bildquelle: SRF.

    Person in sportlicher Kleidung steht auf Treppe im Freien mit grünem Gras.
  • Bild 2 von 5. Der Hersteller verspricht bis zu 30 Prozent Leistungssteigerung. Bildquelle: SRF.

  • Bild 3 von 5. Der gefühlte Boost ist tatsächlich spektakulär. Bildquelle: SRF.

  • Bild 4 von 5. Auch auf dem Velo spielt das Exoskelett seine Qualitäten aus. Bildquelle: SRF.

  • Bild 5 von 5. Den Berg scheint Tobias Müller damit förmlich hinaufzufliegen. Bildquelle: SRF.

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Beim Treppensprint fühlt er sich deutlich stärker. Auf dem Velo scheint er den Berg förmlich hinaufzufliegen. Doch die späteren Analysen der ETH Zürich relativieren den gefühlten Höhenflug etwas.

  • Beim Treppensprint ist Müller mit Exoskelett rund sechs Prozent schneller unterwegs als ohne Exoskelett.
  • Gleichzeitig bleibt seine Herzfrequenz deutlich tiefer als ohne Unterstützung.
  • Auf dem Fahrrad verbessert sich seine Zeit auf einer Bergstrecke sogar um rund neun Prozent.

Die Forschenden erkennen einen klaren Effekt – aber keine Wunderwirkung. Von den teils beworbenen 30 Prozent Leistungssteigerung ist man im Praxistest deutlich entfernt.

Was passiert im Körper?

An der ETH Zürich wird Müller an eine Atemmaske angeschlossen. Auf dem Laufband messen die Forschenden Sauerstoffverbrauch, Energieumsatz und Herzfrequenz – einmal mit Exoskelett, einmal ohne.

Bei einer Steigung von zehn Prozent zeigt sich der grösste Effekt: Der Energieverbrauch sinkt mit Exoskelett um 16 Prozent, die Herzfrequenz um sieben Prozent. Der Körper muss also deutlich weniger arbeiten, um dieselbe Leistung zu erbringen.

Anschliessend erhöhen die Forschenden die Belastung. Das Laufband wird steiler, das Tempo schneller.

Auch hier hilft das Exoskelett. Allerdings weniger stark als erwartet. Bei 20 Prozent Steigung sinkt der Energieverbrauch noch um elf Prozent, die Herzfrequenz um vier Prozent. Die Daten zeigen damit etwas Überraschendes: Der Nutzen ist nicht in jeder Situation gleich gross. Besonders bei moderater Belastung scheint das System am effektivsten zu arbeiten.

Für ältere Menschen oder Personen mit körperlichen Einschränkungen könnte genau das entscheidend sein. Denn dort geht es selten um Höchstleistungen – sondern darum, längere Strecken überhaupt bewältigen zu können.

Verändert das Exoskelett die Art zu gehen?

Eine Frage bleibt dennoch offen. Sowohl Testperson Brigitte Eberhard als auch Moderator Tobias Müller berichten während der Tests immer wieder, dass sich das Gerät fast ein wenig «aufdrängt». Das Exoskelett zieht die Beine aktiv nach vorn. Verändert die Technik also unser natürliches Gangbild?

Um das herauszufinden, werden beide im Biomechanik-Labor der ETH untersucht. Kameras erfassen jede Bewegung. Die Forschenden vergleichen Schrittlänge, Gelenkwinkel und Bewegungsabläufe mit und ohne Unterstützung. Besonders genau analysiert wird die Bewegung des Knies.

Das Hypershell-Exoskelett

Box aufklappen Box zuklappen

«Hypershell» ist ein tragbares Exoskelett für Wanderer, Trekkingfans und Outdoor-Sportler.

Das rund zwei Kilogramm leichte System wird wie ein Hüftgurt getragen und unterstützt die natürlichen Bewegungen der Beine mit elektrischer Motorenkraft. Je nach Modell liefert es zwischen 400 und 1000 Watt zusätzliche Leistung und bietet eine Reichweite von bis zu 30 Kilometern pro Akku.

Verschiedene Unterstützungsmodi passen sich automatisch an Gelände und Bewegungsabläufe an. Laut Hersteller kann das Exoskelett die körperliche Anstrengung um bis zu 39 Prozent reduzieren und die Herzfrequenz um bis zu 42 Prozent senken.

Hypershell zeigt, wie moderne Robotik zunehmend den Freizeitbereich erobert und Menschen dabei helfen kann, länger, weiter und mit weniger Belastung unterwegs zu sein. Die Preise bewegen sich je nach Modell und Ausstattung zwischen 899 und 1999 Euro.

Das Resultat überrascht: Robotik-Experte Robert Riener erkennt praktisch keine relevanten Unterschiede. Die Geschwindigkeit verändert sich leicht, das Gangbild bleibt jedoch weitgehend natürlich. Auch bei den Kniebewegungen zeigen die Messungen kaum Abweichungen. Das Fazit der Forschenden: Das Exoskelett unterstützt die Bewegung, ohne sie grundlegend zu verändern. Negative Auswirkungen auf das Gangmuster konnten im Versuch nicht festgestellt werden.

Im Aufstieg wirklich hilfreich

Nach mehr als zweieinhalb Stunden ist Brigitte Eberhard müde. Die Beine werden schwerer, der letzte Anstieg kostet Überwindung, doch hier zeigt sich die unterstützende Wirkung des Exoskeletts besonders deutlich. Es ist geschafft! Eine Strecke, die sie sich ohne Unterstützung kaum mehr zugetraut hätte.

Ich finde es angenehm. Manchmal etwas unsicher, weil ich das Gefühl habe, nach vorne zu fallen. Aber jetzt bin ich einfach müde.

Während des Tages hat sie manchmal auch mit dem Gerät gehadert. Mal fühlte sie sich unsicher, mal hatte sie das Gefühl, das Exoskelett ziehe sie nach vorn. Sie musste sich an die neue Art des Gehens gewöhnen. Doch gleichzeitig hat sie etwas erlebt, das für viele selbstverständlich klingt – für sie aber längst nicht mehr ist: eine richtige Wanderung mit einer Gruppe.

Unterwegs wurde denn auch genau darüber gesprochen. Nicht, wie schnell man mit einem Exoskelett laufen kann. Sondern darüber, wie lange man überhaupt noch laufen kann. Eine Mitwanderin erzählt von ihren Hüftproblemen. Andere sprechen über Freunde, die wegen körperlicher Beschwerden längst nicht mehr an solchen Ausflügen teilnehmen können.

Wie ein «E-Bike zum Gehen oder Wandern»

Genau dort sehen Fachleute das grösste Potenzial der Technologie. Nicht als Hightech-Spielzeug für Sportliche, sondern als Möglichkeit, Menschen länger aktiv am Leben teilnehmen zu lassen. Oder wie es ein ETH-Forscher formuliert: «Dieses Gerät ist eigentlich wie ein E-Bike zum Gehen oder zum Wandern.»

Als Brigitte Eberhard am Ende des Tages Bilanz zieht, fällt ihr Urteil entsprechend differenziert aus. «Ich finde es angenehm. Manchmal etwas unsicher, weil ich das Gefühl habe, nach vorne zu fallen. Aber jetzt bin ich einfach müde.» Kein euphorisches Techniklob. Keine Begeisterungsstürme. Aber vielleicht ist gerade das bemerkenswert.

Denn als die 85-Jährige am Morgen losgelaufen ist, stand primär die Frage im Raum, ob ein Exoskelett ihr tatsächlich helfen könne. Als sie am Nachmittag in Bremgarten ankommt, ist die Antwort zumindest teilweise gegeben. Die Arthrose ist nicht verschwunden. Die Wanderung war anstrengend. Aber sie hat sie geschafft.

Und für Menschen wie Brigitte Eberhard könnte genau darin die wahre Revolution dieser Technologie liegen. Nicht schneller zu werden. Sondern Dinge weiterhin tun zu können, die man schon verloren glaubte.

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