Humanitäre Hilfe für Nazis – Wie eine Schweizer Aktion SS-Mitglieder nach Brasilien brachte

Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten rund 2500 Angehörige der Minderheit der Donauschwaben nach Brasilien um. Unter ihnen waren mindestens 16 ehemalige Mitglieder der Waffen-SS – jener Nazi-Kampftruppe, deren Einheiten an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt waren.
Die deutsche Minderheit hatte über Generationen hinweg im damaligen Jugoslawien gelebt. Nach dem Krieg litt sie unter Repression, Enteignungen und Vertreibungen. Denn ein Teil von ihr hatte mit den Nazis kollaboriert.
Die Umsiedlung fand im Rahmen einer Schweizer humanitären Aktion statt. Unter anderem die katholische Kirche und der Schweizer Staat stellten Mittel bereit, um im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná eine neue Siedlung zu gründen.
Für die Schweiz eine Gelegenheit, sich als Beschützer von Flüchtlingen zu inszenieren.
Es sei offensichtlich gewesen, dass manche der Männer Nazis und SS-Mitglieder gewesen seien, sagt der Historiker Peter Hug, der auf die Beziehungen der Schweiz zum NS-Regime spezialisiert ist. In seinem im Mai erschienenen Buch «Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher» deckt er diese Geschichte auf.
«Für die Schweiz und den Vatikan bot diese Gruppe die Gelegenheit, sich als Beschützer von Flüchtlingen zu inszenieren, nachdem die Schweiz dem deutschen Regime sehr nahegestanden hatte und die Kirche niemals formell gegen die NS-Verbrechen protestiert hatte», sagt Hug. «Dass sich unter ihnen auch Kriminelle befanden, hat man als weniger wichtig erachtet.»
Die Gründung der Siedlung Entre Rios hatte Auswirkungen auf die Menschen, die auf den Ländereien lebten. Sie wurden an den Rand gedrängt, während die Führung der Siedlung versuchte, eine vermeintliche deutsche kulturelle Überlegenheit zu bewahren.
Wir bedauern, dass Gelder, die für humanitäre Zwecke bestimmt waren, Mitgliedern der Waffen-SS zugutekamen.
Die Aktion entstand in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende aus einer Zusammenarbeit zwischen der katholischen Kirche Österreichs und dem Vatikan sowie einer Gruppe von Donauschwaben, die Verbindungen zum ehemaligen faschistischen kroatischen Ustascha-Staat hatte.
Dynamik gewann das Projekt, als sich die Caritas in Luzern beteiligte und deren weltweites katholisches Netzwerk Türen öffnete.
Schweizer Beteiligung mit Staatsgeldern
Ab 1950 ging das Projekt in die Hände der «Schweizer Europahilfe» über, der Vorgängerorganisation der heutigen Swissaid, die damals dem Bundesrat nahestand. Schweizer Behörden beteiligten sich diplomatisch und mit staatlichen Geldern. «Schliesslich übernahm der Bundesrat zusammen mit den ihm nahestehenden NGOs das Vorhaben», so Hug.
In Brasilien wurden die Schwaben als Flüchtlinge und qualifizierte Landwirte vorgestellt – ein Profil, das zur damaligen Kolonisierungspolitik des Landes passte.
Heute räumen die beteiligten Schweizer NGOs Fehler und Versäumnisse bei der Aktion ein. Die Perspektive der lokalen Bevölkerung sei weitgehend unerforscht geblieben, schreibt Swissaid. Man versuche, mehr darüber zu erfahren. «Wir sind derzeit dabei, Kontakt zu den Nachkommen der damals betroffenen Gemeinschaften aufzunehmen», so die Organisation. Man hoffe zudem, dass sich auch der Bundesrat für die Aufarbeitung interessieren werde.
Caritas Schweiz schreibt: «Wir bedauern zutiefst, dass durch dieses Projekt Gelder, die für humanitäre Zwecke bestimmt waren, Personen zugutekamen, die Mitglieder der Waffen-SS waren.» Heute diene das Projekt als Beispiel dafür, wie humanitäre Hilfe das Gegenteil ihrer beabsichtigten Wirkung erzielen könne.
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