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Tuesday, September 22, 2026

Mehr Testosteron? Männer essen monatealtes Gammelfleisch

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Rohes Fleisch, das in einem Glasbehälter gelagert wird, an manchen Stellen dunkel verfärbt und an anderen bereits von einem leichten Schimmelbelag überzogen ist – würdest du so etwas essen? Was für viele sofort in den Abfall gehört, wird in einer kleinen Online-Bubble von Männern als gesunde Delikatesse angepriesen: High Meat soll zahlreiche Vorteile haben.

«Die Bakterien helfen dabei, den Darm zu entgiften», sagt Creator Marcus Yyoung, während er sich ein Stück rohe Leber in den Mund schiebt, das nach eigenen Angaben seit vier Monaten in seinem Kühlschrank liegt. Durch die Fermentation entstehe zudem mehr Vitamin K2. Ausserdem könne High Meat «ein Gefühl von Euphorie» auslösen.

Auch auf die Psyche soll das Fleisch laut Yyoung wirken. «Wenn du viel mehr Bakterien in deinen Darm bringst, kurbelt das die Produktion der Neurotransmitter Dopamin und Serotonin richtig an», behauptet er. Sein Fazit: High Meat sei «so etwas wie das beste Antidepressivum überhaupt». Geschmacklich beschreibt er das Fleisch als bitter und sehr schleimig, aber auch als ähnlich wie «malzigen Käse». Zwar sei es «ein bisschen eklig», gleichzeitig hält er es für «ziemlich gesund».

«Ich würde es probieren, wenn es tatsächlich Benefits hätte»

«Eklig», «lamer Trend» und die Frage: «Warum würde man das machen?» – so reagieren junge Menschen, denen wir auf der Strasse eines der High-Meat-Tiktoks zeigen. Ganz fremd ist ihnen die Idee von rohen oder fermentierten Lebensmitteln aber nicht. Einer der zwischen 18 und 20 Jahre alten Männer erzählt, bereits Rohmilch probiert zu haben, weil diese ebenfalls mit gesundheitlichen Vorteilen beworben werde. Ein anderer verweist darauf, dass auch Käse fermentiert werde und man manche Fleischsorten ohnehin roh esse.

Junge Männer auf der Strasse: Die meisten fanden High Meat «eklig» – einen Selbstversuch schlossen sie aber nicht ganz aus.

Junge Männer auf der Strasse: Die meisten fanden High Meat «eklig» – einen Selbstversuch schlossen sie aber nicht ganz aus.20 minuten

Ganz ausschliessen würden sie einen Selbstversuch deshalb nicht. Einer der Befragten sagt: «Ich würde es schon probieren, wenn es tatsächlich Benefits hätte.» Seine Freunde stimmen ihm zu.

Woher kommt der High-Meat-Trend?

Ganz neu ist die Idee nicht. Bekannt gemacht hat den Trend unter anderem der umstrittene US-Rohkostautor Aajonus Vonderplanitz Anfang der 2000er-Jahre. Er propagierte rohes und über längere Zeit gelagertes Fleisch und schrieb den darin vorkommenden Bakterien unter anderem eine bessere Verdauung, positivere Stimmung und mehr Energie zu. Teilweise stellte er High Meat sogar als Hilfe bei depressiven Verstimmungen dar. Wissenschaftliche Belege für solche Gesundheitsversprechen fehlen.

Fans erhoffen sich mehr Energie, Muskeln und gesunde Psyche

Dass diese alte Nischenidee nun ausgerechnet auf Social Media auf Menschen trifft, die sich für extreme fleischbasierte Ernährung interessieren, passt auch zur Carnivore-Szene, die in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist. Diese propagiert eine Ernährung, die fast ausschliesslich aus tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Eiern und teilweise Milchprodukten besteht.

Eine Analyse untersuchte 1169 Instagram-Posts von 19 Carnivore-Creators. Dabei zeigte sich, dass Gesundheitsversprechen eine zentrale Rolle spielen: Besonders häufig ging es um ein besseres Allgemeinbefinden, mehr Energie und eine bessere mentale Gesundheit, eine bessere Verdauung sowie eine stabilere Hormonbalance. Im Fitness-Kontext wurden zudem Muskelaufbau, Regeneration und teilweise auch mehr Testosteron angepriesen. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass es bisher kaum aussagekräftige klinische Studien zu den Folgen dieser Diät gibt.

Was hältst du vom High-Meat-Trend mit monatelang gelagertem rohem Fleisch?

Nieren lieber als Leber – schmecken «buttriger»

Auch ein Teil der High-Meat-Bubble verspricht sich von der Ernährung einen besseren Trainingserfolg. So etwa Fleshgod: «Das hier ist Lammherz, Lammniere», sagt der Tiktoker und hält verschiedene rohe Innereien in die Kamera. Nieren mag er nach eigener Aussage lieber als Leber, weil sie «buttriger» seien. Herz beschreibt er dagegen als eher langweilig. Dafür sei es voller Vitamin B12 und gebe ihm «viel Energie fürs Training». Von belastbaren Studien fehlt jedoch auch hier jede Spur.

Mehr Fleisch ist nicht gleich mehr Testosteron

Ob vergammeltes Fleisch oder nicht – mehr Fleisch bedeutet nicht automatisch mehr Testosteron. In einer Studie mit 42 Männern unterschieden sich die Konzentrationen der untersuchten Sexualhormone nach vier Wochen mit täglich magerem Fleisch beziehungsweise Tofu nicht signifikant. Auch eine Meta-Analyse von 27 Studien mit 309 Männern fand keinen generellen Testosteron-Boost durch Low-Carb-Ernährung. Bei Diäten mit moderatem Proteinanteil zeigte sich kein konsistenter Effekt auf das Ruhe-Testosteron. Bei sehr proteinreichen Low-Carb-Diäten sank es in den ausgewerteten Studien sogar deutlich.

Ähnlich wenig belegt ist die Behauptung, High Meat sei gut für die Darmflora. Denn: Entscheidend ist nicht die Menge der Bakterien, sondern welche Mikroorganismen im Darm vorkommen und wie sie wirken. Auch hier legt Fleshgod in seinem Video nach: Er präsentiert eine Leber, die nach eigener Aussage seit rund fünf Monaten verfault, sowie schwarze, verdorbene Hühnerleber. «Schau, wie schwarz sie ist», sagt er und bezeichnet sie als «Probiotika». Der Geruch sei extrem, trotzdem beginne er, den Geschmack zu mögen: «Es ist irgendwie scharf.» Sein Fazit: «Das ist, was du willst, wenn du gesund und stark sein willst.»

Nicht vergammelt, sondern fermentiert?

Die Creator sprechen häufig davon, dass das Fleisch nicht vergammelt, sondern fermentiert sei und Mikroorganismen das Fleisch gewissermassen vorverdauen, indem sie Proteine bereits in kleinere Bestandteile zerlegen. Dieser Vergleich greift jedoch viel zu kurz. Bei kontrolliert fermentierten Fleischprodukten kommen unter anderem ausgewählte Starterkulturen zum Einsatz. Sie sollen die Fermentation gezielt steuern und können dazu beitragen, unerwünschte oder krankmachende Mikroorganismen zu hemmen.

Was bei rohem Fleisch, das zu Hause über längere Zeit gelagert wird, genau im Glas wächst, lässt sich ohne mikrobiologische Untersuchung nicht vorhersagen. Studien zeigen, dass sich je nach Ausgangskeimen, Temperatur und Sauerstoff ganz unterschiedliche Mikroorganismen vermehren können. Darunter auch typische Verderbniserreger. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen warnt grundsätzlich davor, dass rohes Fleisch mit krankmachenden Bakterien wie Campylobacter, Salmonellen oder E. coli verunreinigt sein kann.

Das sind die Gesundheitsrisiken

Bakterien wie Campylobacter, Salmonellen oder E. coli können Lebensmittelinfektionen auslösen. Typische Beschwerden sind Durchfall, Bauchkrämpfe, Übelkeit, Erbrechen und Fieber. Je nach Erreger und betroffener Person können Infektionen aber auch schwer verlaufen. Besonders gefährdet sind unter anderem ältere Menschen, Schwangere, kleine Kinder und Menschen mit geschwächtem Immunsystem.

Hinzu kommt: Gefährliche Bakterien lassen sich nicht zuverlässig am Geruch, Geschmack oder Aussehen erkennen. Fleisch kann also krankmachende Keime enthalten, ohne besonders auffällig zu wirken.

Hast du auch schon einmal etwas Aussergewöhnliches oder Fragwürdiges gegessen oder getrunken, um deine Gesundheit zu fördern oder Muskeln aufzubauen?

Carolina Lermann

Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.

Yasmina Al Dubai

Yasmina Al Dubai (yad), Jahrgang 2004, arbeitet seit Juni 2026 bei 20 Minuten. Sie ist Praktikantin im Lifestyle-Ressort.

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