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Friday, September 18, 2026

Trauer ums Haustier – «Ich habe mehr um meinen Hund als um einen Menschen getrauert»

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«Ich habe das Gefühl gehabt, man habe mir ein Bein amputiert. Das ist ein Loslassen, das sehr wehtut – das ist stündlich spürbar, wie selten etwas anderes», sagt Yvonne Rutschmann. Sie ist blind und musste schon mehrere Hunde gehen lassen. Ihren ehemaligen tierischen Gefährten gedenkt sie heute an der Tiertrauerfeier in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel.

Die Kirche gehört zu den wenigen Gotteshäusern in der Schweiz, die sich explizit als tierfreundlich bezeichnen. Seit drei Jahren bietet der Pfarrer Frank Lorenz diesen geschützten Raum an: «Ein Tierabschiedsgottesdienst – das hätte man sich früher gar nicht vorstellen können», sagt er. «Aber der Verlust eines vierbeinigen Freundes ist genauso dramatisch, wie der eines zweibeinigen.»

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  • Bild 1 von 4. Pfarrer Frank Lorenz hört einer Teilnehmerin der Trauerfeier zu. Yvonne Rutschmann ist blind und hat bereits mehrere Führhunde verloren. Bildquelle: SRF.

    Ein Mann und eine Frau unterhalten sich in einem Raum mit blauer Beleuchtung.
  • Bild 2 von 4. Die Tiertrauerfeier bietet einen geschützten Rahmen, um der verstorbenen Vierbeiner zu gedenken. Bildquelle: SRF.

  • Bild 3 von 4. In der Offenen Kirche Elisabethen in Basel finden zweimal jährlich Tiertrauerfeiern statt. Bildquelle: SRF.

  • Bild 4 von 4. Wer mag, kann seinen vierbeinigen Gefährten auch von Pfarrer Frank Lorenz segnen lassen. Bildquelle: SRF.

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Rund 25 Personen sitzen auf Klappstühlen im Kreis – Männer und Frauen, jüngere und ältere Personen. Sie halten Kerzen in den Händen, hören den Worten des Pfarrers zu und teilen ihre Geschichten und Erinnerungen an die verstorbenen Tiere. In diesem intimen Rahmen trauen sich Menschen, auszusprechen, was sie sich draussen vor Arbeitskollegen oder Verwandten nicht zu sagen wagen.

Ein gesellschaftliches Tabu

«Ob ein Mensch stirbt oder ein Tier – das macht gar keinen Unterschied. Ich habe selbst erlebt, dass ich um ein Tier mehr getrauert habe als um einen Menschen. Das darf ich hier drin sagen. Ausserhalb ist das gar nicht gefragt», erzählt Adrian Kummer, der mit seiner Frau zur Trauerfeier gekommen ist. Er bricht mit dieser Aussage ein gesellschaftliches Tabu.

Laut einer Studie ist er mit seinen Empfindungen gegenüber seinem Haustier keine Ausnahme. Bei einer Befragung von fast 1000 Haustierbesitzerinnen und -besitzern gab ein Fünftel an, mehr um ihr verstorbenes Haustier als um einen nahestehenden Menschen getrauert zu haben. 7.5 Prozent der Tierhalterinnen und -halter trauerten so stark, dass ihre Trauer als anhaltende Trauerstörung eingestuft wurde. Beim Verlust von einem nahen Familienmitglied wie Grosseltern oder engen Freunden ist die Wahrscheinlichkeit, eine anhaltende Trauerstörung zu entwickeln, ähnlich hoch.

Verhaltensforscher und Hundeexperte Kurt Kotrschal erforschte jahrzehntelang die Mensch-Tier-Beziehung. Das Tier, mit dem der Mensch die engste Beziehung eingehe, sei der Hund. Für viele sei die Beziehung zum Hund sogar das Sinnzentrum ihres Lebens, erläutert Kotrschal in der Sternstunde Philosophie.

Wie sehr darf ich um ein Tier trauern?

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Zwei Männer sprechen in einem Studio.
Legende: Kurt Kortschal zu Gast in der Sternstunde Philosophie: «Warum uns Hunde glücklich machen und Wölfe weise». SRF

SRF: Herr Kotrschal, laut einer Studie trauert rund jeder fünfte Haustierbesitzer um ein Tier intensiver als um einen nahestehenden Menschen. Wie erklären Sie sich als Verhaltensforscher diese extreme Bindung?

Kurt Kotrschal: Dass wir tief um unsere Kumpantiere trauern, ist biologisch völlig normal. Zwischen Mensch und Hund besteht eine sehr starke soziale Beziehung. Oft wird sie mit der Eltern-Kind-Beziehung verglichen, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Kinder erzieht man zur Selbstständigkeit, damit sie irgendwann eigene Wege gehen. Hunde hingegen bleiben zeitlebens auf uns angewiesen. Sie sind nicht nur enge Sozialpartner, sondern buchstäblich Teil unseres eigenen Egos. Wenn man ein solches Tier verliert, bricht ein Stück der eigenen Identität weg.

Viele Menschen schämen sich dennoch für ihre Trauer oder versuchen, sie vor Arbeitskollegen und Bekannten zu verstecken. Warum ist die Trauer um Haustiere nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu?

Weil wir immer noch in einer Gesellschaft leben, die den Menschen fälschlicherweise als die «Krone der Schöpfung» betrachtet. Es ist noch viel zu wenig im Bewusstsein verankert, dass wir ohne Tiere schlicht nicht vollständig sind. Wer trauert, muss sich dafür keinesfalls schämen. Schämen sollten sich eher jene, die diesen Schmerz abwertend betrachten oder blöde Bemerkungen darüber machen.

Warum fällt es Menschen ohne Haustiererfahrung so schwer, diese Empathie aufzubringen?

Das ist meist eine Frage des Lebensstils. Wer mit Tieren aufgewachsen ist oder eng mit ihnen lebt, kann sich ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen. Wer diese Erfahrung nie gemacht hat, versteht oft überhaupt nicht, was ihm fehlt. Wer den Zugang einmal findet, begreift die Tiefe dieser Beziehung sofort.

Gilt diese enge Bindung für Katzen in gleicher Weise wie für Hunde?

Jein, das liegt an der unterschiedlichen Natur der Tiere. Hunde müssen sich binden und kooperieren, sie suchen diese enge Nähe aktiv. Katzen sind – von Ausnahmen abgesehen – eher Distanztiere. Manches Herrchen oder Frauchen braucht genau diese unaufdringliche Form der Partnerschaft.

Die Entscheidung, ein Haustier einzuschläfern, gehört zu den schwersten Momenten im Leben eines Halters. Gibt es überhaupt den «richtigen» Zeitpunkt?

Ein unbeteiligter, rein rationaler Tierarzt würde den Zeitpunkt womöglich anders wählen als ein Halter, der in einer tiefen Emotion steckt. Aber auch unter Haltern gibt es zwei Wege: Die einen entscheiden sich aus Liebe relativ früh für Euthanasie, weil sie sehen, dass keine Lebensqualität mehr da ist. Andere tun sich extrem schwer mit dem Loslassen. Das Einschläfern ist eben Sterbehilfe – eine aktive Handlung, bei der man dem Tier das Leiden erspart. Das verlangt Mut und Verantwortung.

Das Interview führte Sandra Roth im Anschluss an die Sternstunde Philosophie.

Abschied ist immer schwierig

Dass viele Menschen beim Tod eines Vierbeiners intensivere Gefühle durchleben als beim Ableben von Bekannten, überrascht den Tierarzt Bronek Nowicki nicht. Tiere seien Weggefährten, die Höhen und Tiefen bedingungslos teilen. Ihre Zuneigung sei gänzlich unabhängig von Erfolg, Lebensstil oder gesellschaftlichem Status. Sie seien einfach da. Wenn diese verlässliche Präsenz plötzlich wegfällt, könne es eine Tierhalterin oder einen Tierhalter aus der Bahn werfen.

Ein Tier nur wegen der Kosten einzuschläfern, fände ich nicht fair.

Wie eng die Bindung zwischen Mensch und Tier sein kann, erlebt Nowicki täglich. Er macht Hausbesuche und hat in seiner Laufbahn bereits über 1000 Tiere eingeschläfert. Zur Routine wird dieser Schritt für ihn dennoch nie. «Es ist nicht einfach, jemandem das Leben zu nehmen», gesteht Nowicki, während er von einem Patienten zum nächsten fährt. «Auch wenn ein Tier alt ist und ein schönes, volles Leben hinter sich hatte – es ist immer schwierig.»

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  • Bild 1 von 3. Bronek Nowicki ist mobiler Tierarzt und besucht fast täglich Tierhalterinnen und Tierhalter, die ihr Tier einschläfern möchten, beziehungsweise müssen. Bildquelle: SRF.

  • Bild 2 von 3. Tierarzt Bronek Nowicki nimmt sich Zeit für das Tier und ihre Halterinnen. Die Frage, ob es der richtige Zeitpunkt sei, das Tier zu erlösen, wird ihm häufig gestellt. Bildquelle: SRF.

  • Bild 3 von 3. Obwohl Bronek Nowicki schon über 1000 Tiere eingeschläfert hat, ist es für ihn keine einfache Handlung. Bildquelle: SRF.

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Spontan wird Nowicki an diesem Morgen zu einer 6-jährigen Katze gerufen, die an chronischem Nierenversagen im Endstadium leidet. Seit drei Tagen frisst und trinkt sie nicht mehr, wirkt apathisch und uriniert in die Wohnung. Die Besitzerinnen der Katze sind sich trotzdem unsicher, ob es der richtige Zeitpunkt ist, sie einzuschläfern: «Können wir das mit gutem Gewissen tun?», fragen sie. Nowicki nickt.

«Der Trost liegt darin, zu wissen, dass man den Tieren hilft und ihnen langes Leiden erspart», reflektiert der Tierarzt später auf dem Weg ins Tierkrematorium. «Aber einfach ist es nie.»

Kosten kein Argument

Tabea und Sascha fürchten sich schon jetzt vor dem Tag, an dem sie die Entscheidung fällen müssen, ihren geliebten Angus gehen zu lassen. Seit zehn Jahren kämpfen die Kommunikationsleiterin und der Theatertechniker um den todkranken Hund.

Der Mischling hat eine lange Krankheitsgeschichte: Als Welpe erlitt er eine Kaumuskelentzündung, später griff die Infektionskrankheit Leishmaniose seine Augen an. Ein Jahr lang kämpfte das Paar intensiv um sein Sehvermögen – ein Rund-um-die-Uhr-Job. Am Ende mussten Angus doch beide Augen operativ entfernt werden.

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  • Bild 1 von 3. Angus mussten wegen der Infektionskrankheit Leishmaniose die Augen entfernt werden. Tabea und Sascha haben Angus vor zehn Jahren von der Strasse im Ausland in die Schweiz geholt. Bildquelle: SRF.

  • Bild 2 von 3. Für Sascha ist Angus wie ein Freund. Tabea würde etwas «in ihr drin» fehlen, wenn sie kein Tier hätte. Bildquelle: SRF.

  • Bild 3 von 3. Das Paar hat bereits tausende Franken für den todkranken Hund ausgegeben. Der Küchenschrank ist voll mit Medikamenten. Bildquelle: SRF.

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Es folgten ein lebensbedrohlicher Darmverschluss, eine Herzfehlerdiagnose und schliesslich Hodenkrebs. Die medizinische Betreuung ist teuer für das Paar. Die Hundeversicherung kündigte ihnen nach Erreichen der Leistungsgrenzen den Vertrag. Seither zahlen sie Tausende von Franken aus eigener Tasche. «Mein Sparkonto ist eigentlich leer. Ich musste auch schon meine Eltern um Hilfe bitten. Aber wenn man sich für ein Tier entscheidet, hat man das meiner Meinung nach auch zu leisten. Ein Tier nur wegen der Kosten einzuschläfern, fände ich nicht fair», sagt Tabea.

Hightech-Medizin für Vierbeiner

Doch die moderne Veterinärmedizin hat in den vergangenen Jahrzehnten eine gewaltige Entwicklung durchgemacht. Fast alles, was in der Hightech-Humanmedizin möglich ist – von komplexen Operationen bis hin zu langwierigen Krebstherapien –, steht heute auch für Haustiere zur Verfügung. Damit verschiebt sich die Grenze dessen, was machbar und für das Tier noch zumutbar ist.

Mit der Grossmutter würde man auch nicht so umgehen.

Es sei zu einer Humanisierung gekommen, erklärt Tierverhaltensforscher und Hundeexperte Kurt Kotraschal: «Früher, als ich noch ein Knabe war, ging man zum Tierarzt, wenn der Hund ein Wehwehchen hatte. Der hat ihn eingeschläfert oder der Jäger hat ihn erschossen – und dann kam der Nächste. Heute ist das aus guten Gründen undenkbar: Tiere werden wesentlich stärker als unsere Sozialgefährten gesehen. Und mit der Grossmutter würde man schliesslich auch nicht so umgehen.»

Letztlich fordert diese Humanisierung der Tiere von Halterinnen und Haltern eine grosse Verantwortung: abzuwägen, wann der Einsatz aller medizinischen Mittel noch dem Tierwohl dient und wann es Zeit ist, loszulassen.

Tabea und Sascha haben für die Behandlung von ihrem Tierfreund Angus eine Grenze ausgemacht. Die beiden wollten nicht wissen, ob der Hodenkrebs gestreut hat. Eine Chemotherapie würden sie dem gezeichneten Hund nämlich nicht mehr antun wollen. «Er musste schon so viel in seinem Leben durchmachen. Er würde nur noch leiden», ist Tabea überzeugt. Das Paar geniesst jeden Tag mit ihm, an dem er ihnen schwanzwedelnd begegnet und Spielfreude zeigt.

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