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Tuesday, November 3, 2026

Umweltpolitik der Türkei: Schlechtes Klima, schlechte Luft

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Nächste Woche beginnt in Antalya die Weltklimakonferenz. Die türkische Regierung will sich positiv präsentieren. Dabei hat sie viel Nachholbedarf.

Jürgen Gottschlich

Durch Nejla Işıks Heimat fressen sich riesige Bagger: Der Braunkohletagebau hat schon Wohnhäuser, große Teile des Akbelen-Walds und Olivenhaine in und um den Ort İkizköy in der südwestlichen Türkei geschluckt. Viele von Işıks NachbarInnen mussten umziehen. Die Mittvierzigerin ist das Gesicht der Bewegung gegen den Abbau klimaschädlicher Kohle in der Region geworden. Im November wird ihr Protest sie 380 Kilometer weit in die Mittelmeermetropole Antalya führen: Dort beginnt am kommenden Montag die Weltklimakonferenz. Um­welt­ak­ti­vis­t*in­nen planen einen Alternativen Klimagipfel.

Sie wollen den Blick der Weltöffentlichkeit darauf lenken, dass die Gastgeberin Türkei in ökologischer Hinsicht viel Nachholbedarf hat. Im Akbelen-Wald stand über Jahre ein landesweit bekanntes Protestcamp, von dem aus sich UmweltschützerInnen aus der gesamten Türkei jahrelang den Braunkohlebaggern entgegenstellten. Mit massiver Gewalt wurde das Camp vor drei Jahren geräumt und das Waldstück abgeholzt. Jetzt laufen Gerichtsverfahren gegen die Enteignung weiterer Olivenhaine. Wie der Widerstand gegen den Braunkohleabbau weitergehen kann, soll nun auf der alternativen Klimakonferenz diskutiert werden.

Die Kohle ist nicht das einzige Problemfeld der türkischen Klimapolitik: Beispielsweise gehört die größte Mülldeponie Istanbuls zu den schlimmsten Methanemittenten der Welt. Aus Lecks entweichen stündlich 7,4 Tonnen des hochwirksamen Treibhausgases, zeigen Berechnungen von US-ForscherInnen der Universität von Kalifornien in Los Angeles auf Basis von Satellitendaten.

Demnach entspricht der Klimaeffekt durch das Methan pro Stunde dem, den 1,5 Millionen SUV im selben Zeitraum hätten. Die zweitgrößte Deponie der 18-Millionen-Einwohner-Metropole bringt es immerhin auch noch stündlich auf 4 Tonnen Methan. Die Mülldeponien der anderen türkischen Großstädte wie Ankara, Izmir und auch Antalya haben ebenfalls immense Methan-Emissionen.

Dreckige Luft wegen fossiler Energie

Sie entstehen, weil die mit Lehmschichten abgedichteten Müllberge Lecks haben, durch die das Methan entweicht. Dabei wäre das Problem relativ leicht lösbar. Einmal könnte man dafür sorgen, dass Speisereste, durch deren Gärungsprozess das Methangas entsteht, auf anderen speziellen Deponien verarbeitet werden, was in anderen Ländern längst Praxis ist. Oder man fängt das Methan noch auf der Deponie auf und nutzt es für die Wärmegewinnung. Das ist technisch machbar, wird in der Türkei aber nur unzulänglich versucht.

Die anhaltende Kohleverbrennung, die großen Rohölraffinerien, die zahlreichen Zementfabriken und der dichte Autoverkehr in den Metropolen heizen nicht nur die Klimakrise an, sie sorgen auch für gefährliche Luft. Eine jüngst veröffentlichte Studie der internationalen Plattform für das Recht auf saubere Luft zeigt, dass die hohe Luftverschmutzung für jährlich 26.500 Tote verantwortlich ist und das Land rund 55 Milliarden US-Dollar jährlich kostet. Das ist das Zweieinhalbfache des Budgets des Gesundheitsministeriums.

Zu den ökologischen und gesundheitlichen Aspekten kommt hinzu, dass die Türkei Öl und Gas zum allergrößten Teil teuer importieren muss. Der Londoner Energie-Thinktank Ember empfiehlt der Türkei deshalb dringend, den Einsatz von Elektrizität im Energiemix zu erhöhen. Tatsächlich will die türkische Regierung diese Frage sogar auf der Weltklimakonferenz in Antalya zum Thema machen. Sie schlägt ein globales Ziel vor, den Anteil von Strom am Endenergieverbrauch von aktuell 20 bis 23 Prozent bis 2035 auf 35 Prozent zu erhöhen.

Hilfreich für das Klima ist das aber vor allem dann, wenn der Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. In der Türkei ist das bei rund 44 Prozent des Stroms der Fall. Vor allem gemessen am Potenzial, das die Türkei wetterbedingt hat, ist das immer noch sehr wenig.

Energiewende spät begonnen

Das Land ist sehr spät in die Produktion von Strom aus Windenergie und noch später in Solarenergie eingestiegen. Lange Jahre kam der erneuerbare Strom allein von Wasserkraftwerken, die in Staudämmen verbaut wurden. Noch heute liefert Hydropower den größten Anteil an erneuerbarem Strom.

Das Problem bei dem Ausbau der Wind- und Solarenergie ist, dass die türkische Regierung dabei sehr zentralistisch vorgeht. Flächen für Windparks werden von der Regierung festgelegt, ohne mit den Kommunen vor Ort zu kommunizieren. Bauern erfahren oftmals nur auf dem Liegenschaftsamt, dass ihre Felder plötzlich für Windkraftanlagen vorgesehen sind. Das erhöht die Akzeptanz für Windräder natürlich nicht, auch weil die Entschädigungssummen nicht dem tatsächlichen Wert der Flächen entsprechen.

Bei Solaranlagen ist es ähnlich. Die Türkei setzt bislang ausschließlich auf große flächenintensive Solaranlagen und behindert Photovoltaik-Anlagen auf dem eigenen Dach eher, statt sie zu fördern. Es gibt nicht nur keine Förderung, die Genehmigung und Einspeisung in das öffentliche Netz ist kompliziert und bringt finanziell nichts. Deswegen sieht man auf den Dächern, wenn überhaupt, nur kleine Warmwasseranlagen und keine Solarpaneele.

Hinzu kommt, dass die Regierung aus politischen Gründen an der Verfeuerung von Kohle festhält, ja sogar Kohle noch importiert, statt die Nutzung zu reduzieren. Sie steckt auch Geld in den Bau von Atomkraftwerken, statt Wind und Sonnenenergie massiv zu fördern. Bei der Diskussion um den schnellen Ausstieg aus den fossilen Energien dürfte die Türkei bei der Weltklimakonferenz in Antalya deshalb eher auf der Bremse stehen – auch als Gastgeberin.

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