«Habe mich wegen ihrer Meinung schon von Freunden distanziert»

- Ed Sheeran schloss Macklemore von seiner Tour aus, nachdem dieser auf der Bühne «Freiheit für Palästina» gerufen hatte.
- Die Aktion löste eine breite Debatte über politische Positionierung aus – auch im Freundeskreis und beim Dating.
- In der 20-Minuten-Community zeigt sich: Manche distanzieren sich von Freunden wegen politischer Haltungen, andere bewerten ihr Umfeld lieber nach dem Herzen.
«Wer zu meinen Shows kommt, erwartet kein politisches Forum», schrieb Ed Sheeran auf Instagram. Doch nach dem Tour-Ausschluss von Macklemore, der auf der Bühne «Freiheit für Palästina» gerufen und seinen Protestsong «Hind’s Hall» gespielt hatte, folgten Kritik und der Rückzug fast aller anderen Vorbands. Online entbrannte eine Debatte über Meinungsfreiheit und politische Positionierung.
Wie viel politische Haltung erwarten wir von anderen? Diese Frage stellt sich auch im Freundeskreis und beim Dating. Wir haben die Community gefragt, wie wichtig ihr politische Positionierung ist – und wo fehlendes Interesse oder unterschiedliche Ansichten zur Grenze werden.
Fabienne (23): «Sortiere Menschen aus, wenn ihre Haltung nicht meinen Werten entspricht»
Fabienne (23) ordnet sich politisch links ein. Ihr Umfeld müsse ihre Ansichten nicht durchgehend teilen. «Eine gewisse Verschiedenheit finde ich sogar wichtig», schreibt sie. Es gebe aber eine Grenze: «Widerspricht eine Haltung meinen Grundwerten, sortiere ich auch Menschen aus meinem engeren Umfeld aus.»
«Unpolitisch» wäre für sie dagegen kein automatischer Ausschlussgrund. Bei Freunden zähle, ob man sich menschlich verstehe und Grundwerte teile. In einer Beziehung wäre fehlendes Interesse schwieriger: «Würde sich mein Partner gar nicht mit gesellschaftlichen Themen beschäftigen, würde mir der Austausch fehlen.»
Sebi (18): «Keine Meinung ist auch eine Meinung»
Sebi (18) stört es, wenn Menschen bei Vorlagen wie der 10-Millionen- oder der Neutralitätsinitiative keine Haltung haben. Diese Entscheide würden das eigene Leben direkt beeinflussen. So zu tun, als sei das Ergebnis egal, grenze für ihn an Egoismus. «Keine Meinung ist auch eine Meinung», sagt er. Gerade bei Menschenrechten oder Rassismus könne man Debatten nicht einfach aussitzen, nur weil man selbst nicht betroffen sei.
Sebi hat sich deshalb auch schon von Freunden distanziert. Etwa wenn jemand Angriffe auf Zivilisten oder die Unterdrückung von Minderheiten verharmlost oder gerechtfertigt habe. «Mit solchen Personen kann ich einfach nichts anfangen.»
Anna (27): «Keine Haltung zu haben, ist für mich eine Red Flag»
Anna (27) findet, dass es sich vor allem Menschen, die selbst nie politische Benachteiligung erfahren haben, mit einer unpolitischen Haltung zu einfach machen. «Natürlich muss man nicht politisch sein, wenn man selber nichts von der Ungerechtigkeit spürt», sagt sie. In ihren Augen zeige das fehlende Empathie sowie ein fehlendes Verständnis für die eigenen Privilegien.
Wie wichtig ist dir, dass dein Umfeld zu politischen Themen Stellung bezieht?
Anna habe selbst einen Mann gedatet, der mit Politik wenig anfangen konnte. Dass aus den beiden nichts wurde, habe auch daran gelegen. «Es ist definitiv eine Red Flag für mich.» Ganz abschreiben würde sie jemanden deshalb aber nicht: Wenn die Person offen für ihre Ansichten sei und zuhöre, könne sich im Gespräch auch politisches Interesse entwickeln.
Claude (23): «Fühle mich oft verurteilt und missverstanden»
Claude erlebt politische Gespräche oft als Versuch, anderen die eigene Meinung aufzuzwingen. Schon in der Schule sei es häufig darum gegangen, die eigenen Ansichten durchzusetzen. «Zu oft wird über richtig und falsch gestritten, statt über die persönlichen Erfahrungen hinter einer Haltung», so der 23-Jährige. Er selbst meide deshalb Politik – und fühle sich auch dafür verurteilt und missverstanden. «Viele werfen mir vor, dass ich eine Politik unterstütze, die andere unterdrückt. Aber das ist überhaupt nicht der Fall.»
Auch Joël (42) findet: Man müsse auch akzeptieren, wenn jemand keine Meinung äussern wolle. «Das muss ja nicht heissen, dass man etwas Schreckliches gutheisst.» Auch nicht abzustimmen sei für ihn okay. Wer darauf verzichte, solle sich danach allerdings nicht über das Ergebnis beschweren. Für ihn macht ein Wahlentscheid allein niemanden zum guten oder schlechten Menschen: «Ich bewerte mein Umfeld nach dem Herzen, nicht nach dem Wahlverhalten.»
Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
