Grenzkrieg am Hindukusch: Tote bei pakistanischen Luftangriffen in Afghanistan

Drei Zivilisten sind laut afghanischer Regierung durch pakistanische Luftangriffe gestorben. Pakistan spricht von 28 toten mutmaßlichen Kämpfern.
Foto: Shafiaullah Kakar/ap/dpa
afp/ap/taz Bei pakistanischen Luftangriffen in zwei Provinzen in Ostafghanistan sind nach Angaben der Taliban-Regierung in Kabul mindestens drei Menschen getötet worden. Im Unterschied dazu erklärten zwei pakistanische Sicherheitsvertreter, bei den pakistanischen Luftangriffen am Montag seien 28 mutmaßliche Kämpfer getötet worden. Die Angaben beider Seiten ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.
Bei einer Attacke in der afghanischen Provinz Kunar sei in der Nacht zu Montag im Bezirk Nurgal ein Wohnhaus „vollständig zerstört“ worden, erklärte der stellvertretende afghanische Regierungssprecher Hamdullah Fitrat im Onlinedienst X. Bei den Toten handele es sich um drei Mitglieder einer Familie. Vier weitere Menschen seien verletzt worden.
Ein Sprecher der Polizei von Kunar sagte der Nachrichtenagentur AFP, der Angriff in der Provinz sei von pakistanischen Flugzeugen ausgeführt worden. Nach Regierungsangaben wurden zudem zwei Orte in der Provinz Paktika angegriffen. Dabei seien ein Geschäft und ein unbewohntes Haus zerstört worden. Es habe jedoch keine Toten oder Verletzten gegeben.
Der Sprecher der afghanischen Taliban-Regierung, Sabihullah Mudschahid, verurteilte die „Aggression“. Er kündigte eine „angemessene Antwort“ an.
Pakistanische Miliz bekennt sich zu Anschlag mit 21 Toten
Am Freitag waren in Pakistan bei einer Explosion und einem Angriff mit Schusswaffen auf eine Polizeiwache in der an Afghanistan grenzenden Provinz Khyber Pakhtunkhwa mindestens 31 Menschen getötet worden. Eine örtliche Miliz, die mit den pakistanischen Taliban verbündet ist, bekannte sich zu der Attacke.
Pakistan hat bereits für frühere Anschläge immer wieder aus Afghanistan kommende Kämpfer der pakistanischen Taliban-Gruppe Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) verantwortlich gemacht. Die Taliban-Regierung in Afghanistan streitet eine Beteiligung ab.
Die TTP ist von den in Afghanistan herrschenden Taliban organisatorisch getrennt, aber mit ihnen ideologisch verbündet. Islamabad wirft der Regierung in Kabul vor, militanten Gruppen Schutz zu gewähren und grenzüberschreitende Angriffe zu ermöglichen. Afghanistan weist dies zurück.
Ungelöster Grenzstreit
Beide Länder haben eine lange Geschichte darin, dass militante Kämpfer das jeweilige Nachbarland als Rückzugsgebiet nutzen – oft mit Duldung oder gar Förderung des dortigen Militärs. Zudem ist die von der britischen Kolonialmacht gezogene Grenze zwischen beiden Staaten umstritten und wird zum Beispiel von Afghanistan offiziell gar nicht anerkannt, unabhängig davon, wer in Kabul gerade an der Macht ist.
Zwar sind die afghanischen Taliban 2021 mit Unterstüzung Islamabads an die Macht gekommen, doch gefällt Pakistan nicht deren unerwartet unabhängiger und auch relativ Indien-freundlicher Kurs. Nach Islamabads Doktrin der „strategischen Tiefe“ kann es sich Pakistan in seinem Konflikt mit dem östlichen Erzfeind Indien nicht leisten, einen feindlich gesinnten Nachbar im Westen zu haben. Daraus leitet Pakistan seine wiederholten Einmischungen in Afghanistans Innenpolitik ab.
Pakistas Vorwürfe gegen die Taliban in Kabul haben zu massiven Spannungen und bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Nachbarländern geführt. Bei pakistanischen Luftangriffen im Juni in Afghanistan waren nach UN-Angaben dutzende Zivilisten getötet worden. Auch hat Pakistan in den letzten zwei Jahren mehrere hunderttausende Afghanen des Landes verwiesen, darunter viele, die schon seit den 1980er Jahren ins Land gekommen waren. (han)
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Krieg mit Afghanistan UN macht Pakistan für opferreichsten Angriff verantwortlich
Im Februar begann Pakistans Krieg gegen angebliche Terror-Infrastruktur in Afghanistan. Ein UN-Bericht dokumentiert zivile Opfer sowie einen Angriff auf ein Reha-Zentrum.
Von Thomas Ruttig
Krieg am Hindukusch Zivilisten in der Eskalationsspirale
Bei einem mutmaßlich pakistanischen Luftangriff im Krieg gegen die afghanischen Taliban sterben Hunderte Menschen in einer Kabuler Suchtklinik.
Von Thomas Ruttig
Afghanisch-pakistanischer Konflikt Kriegserklärung über X
Pakistans Regierung spricht von „offenem Krieg“, nachdem Terrorangriffe und Grenzgefechte eskalieren. Doch der Konflikt hat eine längere Vorgeschichte.
Von Thomas Ruttig
Die neue Sonderedition der LMd Modi und die Farbe der Macht
Mit seiner autoritären Politik gefährdet Indiens Premier Modi den gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes. Diese Sonderausgabe analysiert die Lage im bevölkerungsreichsten Land der Welt – wie immer bei Le Monde diplomatique mit Sorgfalt und Scharfsinn recherchiert.
Jetzt bestellen
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.