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Thursday, October 15, 2026

Schauspiellegende: «Ich sehe mich nach wie vor als Anfänger»

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  • Willem Dafoe (71) war am Zurich Film Festival zu Gast und stellte seinen neuen Film «Tenzing» vor.
  • Im Film spielt er Colonel John Hunt, den britischen Expeditionsleiter bei der Erstbesteigung des Mount Everest 1953.
  • Im Interview mit 20 Minuten erklärt Dafoe, dass er sich trotz mehr als fast 50 Jahren Karriere noch immer als Anfänger sieht.

Kaum ein Schauspieler hat in seiner Karriere eine so grosse Bandbreite an Genres und Rollen abgedeckt wie Willem Dafoe. Er schreckt weder vor dem Autorenkino noch vor Blockbustern, Dramen oder Thrillern zurück. Trotz fast 50 Jahren vor der Kamera hat der vierfache Oscar-Nominierte noch lange nicht mit der Schauspielerei abgeschlossen: «Ich sehe mich nach wie vor als Anfänger. Jeder Film ist anders und fordert mich aufs Neue», erzählt er im Interview mit 20 Minuten.

Das Gespräch fand in einem Zimmer im Baur au Lac in Zürich statt. Willem stellte am Abend zuvor seinen neuen «Tenzing» am Zurich Film Festival vor. Die Stadt selbst und auch die Schweiz hat der Amerikaner schon öfter bereist. «Meine Frau ging in Lausanne zur Schule. Ich bin Fan von Basel, insbesondere der Fondation Beyeler. Bern hat mir hingegen weniger gefallen, es war nicht so aufregend dort», teilt der 71-Jährige.

Im Film «Tenzing» geht es um die Erstbesteigung des Mount Everest im Jahr 1953. Willem spielt den britischen Expeditionsleiter Colonel John Hunt. Im Film überwindet dieser seine rassistischen und hierarchisch geprägten Stereotype, insbesondere gegenüber dem nepalesisch-indischen Bergsteiger Tenzing Norgay. «John scheint kleinlich und negativ, aber in seinem Kern ist er ein guter Mensch, der sich um sein Team sorgt», erklärt Dafoe das Wesen seines Charakters.

Der Trailer von «Tenzing».

Willem hat sich vertieft mit Colonel John Hunt auseinandergesetzt

Willem machte sich viele Gedanken darüber, wie er den richtigen Ton für seine Rolle findet. «Ich habe seine Autobiografie gelesen. John hatte viel Druck auf seinen Schultern zu tragen und war zu grossen Teilen ein Produkt seines Umfelds. Er hat die Machtverhältnisse und militärischen Protokolle übernommen, die ihm vorgelebt wurden», reflektiert er.

Dadurch, dass es sich beim Colonel um eine historische Figur handelt, hatte der Schauspieler viel Material, um sich auf seine Rolle vorzubereiten. Willem sieht sowohl in solchen Rollen als auch in Fantasiefiguren einen Reiz. «Es gibt nicht die eine Art zu schauspielern. Bei jedem Film muss man sich neu arrangieren, die Beziehung der eigenen Rolle zu anderen im Projekt finden und gleichzeitig sich selbst verlieren», erklärt er.

Behind the Scenes

20 Minuten traf Willem Dafoe im Rahmen des Zurich Film Festivals. Das Interview fand in einem Meetingraum im Hotel Baur au Lac statt. Nur Willem und sein Team waren anwesend während des Gesprächs. Der Schauspieler nahm in einem Sessel Platz, sein Team machte es sich auf dem Teppich am Boden bequem.

Willem sprach sehr ruhig und langsam und nahm sich mehr als die vorgegeben zehn Minuten Zeit für das Interview. Gleich nach den Presseterminen musste der Hollywoodstar wieder abreisen nach Rom, wie er verriet.

Willem Dafoe im Interview mit 20 Minuten

Willem Dafoe im Interview mit 20 Minuten20min

Willem will den Mount Everest nicht erklimmen

Bei der Arbeit vor der Kamera stellt sich Willem dieselben Fragen, die sich viele täglich stellen: Wer bin ich? Wieso bin ich auf der Welt? Wie kann ich glücklich sein? Die Antworten auf diese Fragen sind für jeden anders, genauso wie die Botschaften, die Personen aus seinen Filmen mitnehmen sollen.

«Ich glaube nicht daran, dass ein Film eine bestimmte Botschaft vertreten soll. Mir persönlich hat ‹Tenzing› gezeigt, dass ich die Natur und Klettern liebe. Den Mount Everest muss ich aber nicht erzwingen. Ich würde sterben», sagt er lachend.

Seinen Nervenkitzel findet er stattdessen an Filmsets. «Mir gefällt, dass ich durch meine Arbeit diverse Persönlichkeiten zeigen kann, die jeder in sich trägt. Als Schauspieler porträtiert man das kollektive Erlebnis, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.» Willem erklärt es anhand eines Bildes: «Ich bin ein Tropfen, werde aber zum Ozean, indem ich mich einer Rolle und ihren Beziehungen zu anderen hingebe. Das Individuum interessiert mich nicht, wir sterben alle einmal. Was bleibt, sind unsere Verbindungen zueinander.»

«Im Leben geht es darum, Angst zu überwinden.»

Willem Dafoe

Aus diesem Grund verfolgt der Hollywoodstar keine individuelle Agenda oder einen spezifischen Traum mit seiner Karriere. «Ich will nicht der beste Schauspieler aller Zeiten sein, ich will Erlebnisse sammeln und ein guter Mensch sein. Die Reise ist das, was mich interessiert, meine Ziele verändern sich währenddessen ständig.»

Fokussiere man sich auf ein Ziel, verschliesse man sich gegenüber der Breite des Lebens, so seine Meinung. Mit fehlender klarer Richtung geht jedoch Ungewissheit einher. Man weiss nicht, wohin die Reise einen führt. Das macht Willems Lebensphilosophie beängstigend. Darauf angesprochen entgegnet er mit einem Lächeln: «Angst ist gut. Im Leben geht es darum, Angst zu überwinden.»

«Tenzing» ist ab dem 16. Oktober auf Apple TV zum Streamen verfügbar.

Wie findest du Willem Dafoes Einstellung zur Schauspielerei mit 71 Jahren?

Leonie Projer

Leonie Projer (pro), Jahrgang 1997, ist stellvertretende Leiterin im Ressort People und arbeitet seit Oktober 2022 bei 20 Minuten. Ihre ersten journalistischen Erfahrungen sammelte sie bei Tele M1 und «ArgoviaToday».

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