Nachruf auf Patrick Stewart: Auf einer neuen Heldenreise

Seine Rolle als Captain Picard legte Patrick Stewart wie eine Figur von Shakespeare an. Er engagierte sich für Diversität und gegen Diskriminierung.
Foto: United Archives/imago
So einen Kapitän bräuchte jedes Schiff. Einen, der bedacht handelt, sich nicht provozieren lässt, der alles daransetzt, Konflikte diplomatisch zu lösen. Vor allem, wenn es darum geht, „fremde Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen“; eben „to boldly go where no one has gone before“.
Als die Neuauflage des „Raumschiffs Enterprise“ im Jahr 1987 im US-Fernsehen reüssierte, präsentierte sie mit Captain Jean-Luc Picard einen solchen sanften Anführer. Gespielt wurde er von Patrick Stewart, geboren 1940 in der Grafschaft Yorkshire, aufgewachsen in relativer Armut und mit einem kriegstraumatisierten, gewalttätigen Vater, der seinem Sohn die Lust an der Aggression für immer austrieb – und bereits im Teenager das Interesse am Schauspiel als Eskapismus aus der harschen Realität erweckte.
Stewart spielte in seiner Schule Theater, verließ diese jedoch vor dem Abschluss und erhielt als erster Nichtstudent ein Stipendium an einer renommierten Schauspielschule. Mit 19 Jahren stand er (bereits glatzköpfig) auf einer professionellen Theaterbühne, sieben Jahre später wurde er Mitglied der Royal Shakespeare Company, Großbritanniens angesehenstem Theaterensemble, und blieb dort bis in die 80er.
Neben Fernsehauftritten und einer Rolle als Zitherzupfender, singender Krieger in David Lynchs notorischer „Dune“-Verfilmung von 1984 wurde der „unbekannte britische Mime“, wie ihn die Los Angeles Time verwundert nannte, 1987 für die Brücke der renovierten „Enterprise“ gecastet.
Weinfan mit Humor
Die Rolle, die er nach anfänglichem Zögern nach Eigenaussage „wie einen Charakter aus Henry IV.“ anlegte, katapultierte ihn mit Warpgeschwindigkeit Lichtjahre in die US-Populärkultur hinein. Die Expertise und Ernsthaftigkeit, die er mitbrachte, machten den französischstämmigen Weinfan Picard und dessen Crew zu einer neuartigen Science-Fiction- und Heldenreisen-Erzählung: Picards von Stewart nuanciert, mit trockenem Humor und charakteristisch-wohltönender, ausgebildeter Stimme vorgetragenen Abenteuern wohnten elementare, philosophische Fragen inne; es ging um die Relevanz von Kommunikation, um Diversität und Diskriminierung.
So erfolgreich wurde die Figur, dass ihr zwischen 2020 und 2023 gar ein wiederum großartig geschriebenes Spin-off namens „Star Trek: Picard“ gewidmet wurde.
Irritiert durch die mit der „Enterprise“ einhergehende „Typecast“-Erfahrung, nahm Picard dennoch danach eine Rolle an, die den nächsten Mega-Mainstream-Erfolg einleitete: Ab 2000 porträtierte er den mächtigen, rollstuhlfahrenden Telepathen, Mutant-Humanisten und „X-Men“-Gründer Professor Xavier in den Marvel-Blockbustern und machte auch in dieser Actionreihe jede Szene zu einem eindrücklichen Schauspielerlebnis.
Der nie in den USA eingebürgerte und sich selbst als Sozialisten bezeichnende Stewart spielte nebenbei weiterhin Theater, engagiert sich gegen häusliche Gewalt und für Frauenrechte und unterstützte eine PTBS-Hilfsorganisation. Mit seiner dritten Ehefrau lebte der vor einer Weile an Demenz erkrankte Vater von zwei Kindern am Ende in Los Angeles, wo er am Mittwoch verstarb. Er bleibt ein hoffnungsvolles Beispiel dafür, dass besonnene, friedliebende Helden eine Chance in der Welt haben.
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