Schwarze in Brasiliens Industrie: Wer profitiert von Brasiliens Reindustralisierung?

Brasiliens Wirtschaft verspricht neue Arbeitsplätze. Damit Schwarze Menschen davon etwas haben, braucht es gezielte Maßnahmen gegen Rassismus.
Foto: Clube Palmares
„Die Stärkung Schwarzer Menschen und der afrobrasilianischen Kultur“: Dafür setzt sich der Clube Palmares ein. Der 1965 gegründete Sozialclub richtet sich an Schwarze Menschen und entstand ursprünglich für Beschäftigte des Stahlkonzerns Companhia Siderúrgica Nacional (CSN) in Volta Redonda im Bundesstaat Rio de Janeiro.
Europa ist der wichtigste Exportmarkt für die CSN. Im Jahr 2024 exportierte der brasilianische Konzern Stahlprodukte im Wert von umgerechnet rund 750 Millionen Euro auf den europäischen Markt. Darüber hinaus betreibt das Unternehmen in Deutschland ein Stahlwerk in Thüringen.
Euromérica-Workshop
15 Journalist:innen aus 12 Ländern Lateinamerikas nehmen am Workshop „Euromérica“ der taz panterstiftung teil. Es geht um Chancen und Herausforderungen des EU-Mercosur-Abkommens und die lateinamerikanisch-europäischen Beziehungen. Am 5. 12. erscheint dazu eine Beilage in der taz, am 9. 12. gibt es einen öffentlichen Talk in der taz Kantine. Alle Texte finden Sie hier.
Bei seiner Gründung sollte der Clube Palmares Schwarzen Arbeitern einen Ort der Begegnung und des sozialen Austauschs bieten. Denn obwohl sie im größten Stahlunternehmens Brasiliens beschäftigt waren, blieb ihnen häufig der Zugang zu anderen Vereinen verwehrt. Schwarze Arbeiter in Brasilien mussten sich historisch mit weniger angesehenen und gefährlicheren Tätigkeiten zufriedengeben.
Die Geschichte des Clube Palmares steht exemplarisch für die industrielle Entwicklung Brasiliens im 20. Jahrhundert, von der die Schwarze Bevölkerung in weiten Teilen ausgeschlossen blieb. Darauf weist der Historiker Leonardo Ângelo Silva hin, der sich mit der Geschichte Schwarzer Brasilianer:innen in der Industrie beschäftigt. „Der Club besteht mehrheitlich aus Beschäftigten der CSN, die für ihre Rechte kämpfen und sich gleichzeitig mit dem Bewusstsein für ihre rassistische Diskriminierung auseinandersetzen.“
Starker Staat, starke Wirtschaft
In Brasilien gewinnt derzeit die Forderung nach einer Reindustrialisierung als Strategie für wirtschaftliche Entwicklung an Bedeutung. Auch innerhalb der Schwarzen Bewegung findet sie Unterstützung. Vertreter:innen kritisieren die zunehmende Prekarisierung der Arbeit, deren Folgen die Schwarze Bevölkerung besonders stark treffen.
Nach Jahrzehnten des Wachstums hat die Industrie in Brasilien deutlich an wirtschaftlicher Bedeutung verloren. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank von 48 Prozent im Jahr 1985 auf 23,4 Prozent im Jahr 2025. Das geht aus Daten des brasilianischen Industrieverbands Confederação Nacional da Indústria (CNI) hervor.
Um diesem Rückgang entgegenzuwirken, hat die Regierung des amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva ein Förderprogramm zur Stärkung der Industrie aufgelegt. Zu den Maßnahmen zur wirtschaftlichen Belebung zählen die Erschließung internationaler Märkte und Handelsabkommen, darunter das Abkommen zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur.
Foto: Ricardo Moraes/reuters
Fachleute, die sich mit Rassismus, Industrialisierung und Brasiliens wirtschaftlicher Entwicklung befassen, warnen jedoch davor, nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Eine erfolgreiche Reindustrialisierung müsse gezielte Maßnahmen zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe der Schwarzen Bevölkerung umfassen.
Ausschluss Schwarzer Menschen
Zu ihnen gehört der Ökonom Hélio Santos, Vordenker der brasilianischen Schwarzenbewegung. Er erinnert daran, dass die Industrialisierung zwischen den 1930er- und den 1980er-Jahren Brasilien zu einer der acht größten Volkswirtschaften der Welt machte, während Schwarze Menschen von diesem Aufstieg weitgehend ausgeschlossen blieben.
„Früher hieß es, Schwarze Menschen könnten nicht in der Industrie arbeiten, weil sie dafür nicht ausreichend qualifiziert seien.“ Heute stellen Schwarze Brasilianer:innen 50,3 Prozent der Studierenden an den Hochschulen. Santos plädiert für gezielte politische Maßnahmen, denn die Unternehmen würden Reformen nicht von allein umsetzen. Dazu könnten öffentliche Förderprogramme und Finanzierungen zählen, die an entsprechende Bedingungen geknüpft werden. „Alle Projekte zur Reindustrialisierung müssen die Fragen von Rassismus berücksichtigen“, fordert Santos.
Für den Experten besteht ohne solche Maßnahmen die Gefahr, dass Brasilien erneut ein Entwicklungsmodell verfolgt, das Teile der Bevölkerung ausschließt. „Es muss klar sein: Wir brauchen gute Arbeitsplätze, bessere Beschäftigungsmöglichkeiten und wirtschaftliche Entwicklung, aber all das muss mit Gleichstellung einhergehen.“
Foto: Clube Palmares
Industrie dezentralisieren, Rassismus bekämpfen
Ana Georgina da Silva Dias, Referentin der gewerkschaftsnahen Forschungs- und Statistikorganisation Dieese im Bundesstaat Bahia, sieht auch in der geografischen Konzentration der brasilianischen Industrie einen Faktor, der die rassistischen Ungleichheiten verstärkt. „Das durch die Sklaverei erwirtschaftete Vermögen stellte letztlich die finanziellen Mittel für die Industrialisierung des Landes bereit“, erinnert sie. Diese Entwicklung habe sich jedoch auf wenige Regionen, vor allem im Süden und Südosten, konzentriert. „Die Struktur unserer Industrie weist rassistische Züge auf.“
Nach Angaben des brasilianischen Industrieverbands CNI entfallen immer noch nahezu 70 Prozent der industriellen Produktion des Landes auf die südlichen und südöstlichen Regionen. Gleichzeitig leben dort laut dem brasilianischen Statistikamt Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (IBGE) anteilig mehr Weiße als in anderen Landesteilen.
Dias betont, dass die Industrie weitreichende Wertschöpfungsketten schafft und damit auch zur Verringerung rassistischer Ungleichheiten beitragen kann. Die industrielle Entwicklung biete die Möglichkeit, bessere Arbeitsplätze und höhere Einkommen zu schaffen. „Damit sie bestehende Ungleichheiten und damit auch Rassismus nicht weiter verfestigt, muss die Industrie dezentralisiert werden.“
Solon Neto ist ein brasilianischer Journalist. Er ist für die antirassistische Medienplattform Alma Preta tätig.
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