"Ukrainische Freiwillige" in Russlands Armee zur Propaganda?
Er schloss sich der Armee des Feindes an, um der russischen Gefangenschaft zu entkommen. Das beteuert der 25-jährige ukrainische Oberleutnant Pawlo Olijnyk. Bevor er im Oktober 2024 im Donbass von Russland gefangen genommen wurde, hatte er in den Streitkräften der Ukraine gedient.
In russischer Gefangenschaft erlitt er Elektroschocks, Schläge und psychische Gewalt. Deshalb nahm er das Angebot der Russen an, sich dem sogenannten Maksym Krywonis-Bataillon anzuschließen - benannt nach einem ukrainischen Kosakenoberst aus dem 17. Jahrhundert. Olijnyk berichtet, er habe die Gelegenheit nutzen wollen, an die Front zu gelangen, mit der Absicht, von dort in ukrainisch kontrolliertes Gebiet zu fliehen. Die DW konnte über einen Anwalt schriftlich Kontakt zu ihm aufnehmen.
"Ukrainische Freiwillige" in der russischen Armee
Erstmals berichteten die russischen Staatsmedien Anfang 2023 über Einheiten, die aus einstigen Soldaten der ukrainischen Armee bestehen. "Ehemalige ukrainische Kriegsgefangene" hätten den Eid auf Russland geschworen, hieß es damals. Angekündigt wurde von der Propaganda die Aufstellung von sechs solchen Einheiten, die im August 2026 zur "Ukrainischen Freiwilligen-Spezialkräftebrigade" zusammengelegt wurden.
Das vor drei Jahren aufgestellte Krywonis-Bataillon ist das medienwirksamste unter den Verbänden, die Teil der "Brigade" wurden. Im Gegensatz zu anderen Formationen gibt es auch Anzeichen für seine Beteiligung an Kämpfen. Seine genaue Größe ist unbekannt. Medien schätzen sie auf etwa 200 Mann, während veröffentlichte Videos nur einige Dutzend zeigen. Der ukrainische Sender "Suspilne" identifizierte mehr als 30 Personen des "Bataillons" und bestätigte, dass es sich um Ukrainer handelt, die 2023 und 2024 in russische Gefangenschaft geraten sind.

Der Verband wird Berichten zufolge von Wjatscheslaw Gubin, einem ehemaligen Mitglied des Bezirksrats von Derhatschi in der ukrainischen Region Charkiw, angeführt, der 2014 auf die russische Seite überlief. Sein Sohn Swjatoslaw ist der stellvertretende politische Direktor des Verbandes. Russischen Medien sagte er, er sei keine Einheit der russischen Armee, sondern eine "ukrainische Freiwilligen-Formation".
Wozu werden "ukrainische Freiwillige" gebraucht?
Pavel Luzin, Experte für Verteidigungspolitik an der Fletcher School der Tufts University, sagt, in Russland gebe es generell keine Freiwilligen-Formationen, die "nicht von Anfang an erlaubt und nicht von der Zentralregierung kontrolliert werden". Solche Verbände aus Ukrainern hält Luzin für eine "Imitation". Damit wolle Moskau von dem "Russischen Freiwilligenkorps" und der "Legion Freiheit Russlands" ablenken, die aus Russen bestehen und für die Ukraine kämpfen. Diese Einschätzung äußerten wiederholt auch ukrainische Geheimdienste.
Das bestätigt auch der ukrainische Veteran Jewhen Schybalow, der im Jahr 2022 in russischer Gefangenschaft war. Ihm zufolge haben russische Militärs keinen Hehl daraus gemacht, dass das "Russische Freiwilligenkorps" der Hauptgrund dafür ist, russische Einheiten aus Ukrainern zu bilden. "Es stört sie, dass Russen an der Seite der Ukraine kämpfen, aber keine Ukrainer an der Seite Russlands", sagt Schybalow der DW.
Inwieweit sind die Verbände "freiwillig"?
Laut dem Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte gaben über 95 Prozent der Ukrainer nach ihrer Freilassung an, in russischer Gefangenschaft gefoltert oder misshandelt worden zu sein. Der physische und psychische Zustand aller heimgekehrten Männer wecke "ernsthafte Zweifel" an einer "freiwilligen" Rekrutierung, meint William Wiley von der NGO "Commission for International Justice and Accountability" (CIJA).
Mychajlo Sawwa vom ukrainischen "Zentrum für Bürgerrechte" macht unterdessen auf Strafverfahren der ukrainischen Behörden gegen einzelne Mitglieder jener russischen Formationen aufmerksam. Dass sie strafrechtlich verfolgt würden, lasse vermuten, dass sie freiwillig auf die russische Seite gewechselt seien.
Aber wo genau verläuft die Grenze zwischen einer unter Druck oder freiwillig getroffenen Entscheidung? Laut dem ukrainischen Menschenrechtsaktivisten und Veteranen Maksym Butkewytsch, der zwischen 2022 und 2024 in russischer Gefangenschaft war, kann man dies angesichts der Bedingungen in russischer Gefangenschaft schwer sagen. Einerseits herrsche in Russland eine "Atmosphäre ständigen Zwangs und Drucks", andererseits könnten Gefangene aus ideologischer Nähe zu den Besatzern freiwillig übergelaufen sein.
Wie werden ukrainische Gefangene rekrutiert?
Butkewytsch erzählt der DW, allen Gefangenen sei in den Jahren 2022 und 2023 "mehr oder weniger aufdringlich" angeboten worden, zur russischen Seite zu wechseln. In seinem Fall sei dies nach der ersten schweren Misshandlung geschehen. "Man hat uns gezeigt, dass man uns alles antun kann, weswegen wir allem zustimmen sollten", so Butkewytsch.

Ähnliches musste auch Jewhen Schybalow durchmachen. Ihm zufolge wird versucht, Geständnisse von Kriegsverbrechen zu erzwingen oder Männer für den russischen Geheimdienst anzuwerben. Geschaut werde auch nach "wertvollen" Personen, die für einen Gefangenenaustausch infrage kämen. Wie Schybalow der DW berichtet, würden allen Gefangenen nach Verhören unter Gewalt bestimmte Vorschläge unterbreitet.
Doch Schybalow zufolge gibt es auch Grenzen. "Man kann zwar foltern, um eine Einwilligung zu erzwingen, aber dann kommt der schwierige Moment, wo man der Person eine Waffe geben muss. Deshalb geht es eher um psychologischen Druck und Tricks, um eine freiwillige Zustimmung zu erzwingen", betont er. Das bestätigt auch Butkewytsch aus eigener Erfahrung. Beide kennen niemanden, der russischen Militärformationen beitreten wollte. Das sei, wie sie sagen, für die meisten eine rote Linie, die sie nicht überschreiten.
Was geschieht nach einer Einwilligung?
Der Soldat Pawlo Olijnyk, der nach seiner Flucht jetzt in ukrainischer Gefangenschaft ist, berichtet hingegen von anderen Erfahrungen. Olijnyk lehnte das Angebot, dem Krywonis-Bataillon beizutreten, mehrmals ab. Erst beim vierten Mal entschied er sich, es anzunehmen, aber "ausschließlich, um zu fliehen". Zuvor sei er in Einzelhaft im besetzten Donbass festgehalten worden. Dort habe man ihn über Stellungen, die Brigade und Persönliches verhört.

"Ich spreche nicht gut Russisch, daher habe ich die Fragen schlecht und unklar beantwortet. (...) Dann wandten sie körperliche Gewalt und Elektroschocks gegen mich an. Als sie verlangten, ich solle ein Papier zur Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten der Volksrepubliken Luhansk und Donezk unterschreiben, sperrten sie mich nackt für acht Stunden in einen kleinen Metallschrank", berichtet Olijnyk.
Er behauptet, er habe keine Papiere des russischen Verteidigungsministeriums unterschrieben, und der ihm angebotene Vertrag sei "mit einer Privatperson, die militärische Dienstleistungen erbringt", geschlossen worden. Nach seiner Einwilligung habe man ihm in Räumen ohne Fenster ideologische Vorträge gehalten sowie Fotos und Videos gezeigt. Ihren Inhalt habe er anschließend nacherzählen müssen.
Kontrolle und Missbrauch im Krywonis-Bataillon
Laut Olijnyk befanden sich im Krywonis-Bataillon sowohl Freiwillige als auch solche, die unter Zwang eingewilligt haben. In einem Video, das im Internet kursiert und mutmaßlich aus einem Verhör in der Ukraine stammt, sagt er, die einstigen ukrainischen Kriegsgefangenen in der Einheit, etwa 50 Mann, seien von Kämpfern einer privaten Militäreinheit namens "Redut" bewacht und auf Schritt und Tritt überwacht worden. Er habe zwar ein Telefon bekommen, das aber auch überwacht worden sei, berichtet er der DW. Daher habe er aus Angst niemanden in der Ukraine kontaktiert. In jenem Video spricht er auch über Schläge und Folter innerhalb der Einheit. Ihren monatlichen Sold, so Olijnyk, hätten die Männer von einem Vertreter des russischen Militärgeheimdienstes in Umschlägen erhalten.

Olijnyk bestreitet, an Kämpfen gegen die Ukraine teilgenommen zu haben, da er bereits bei seinem ersten Einsatz im März 2025 geflohen sei. Damals wurde er zusammen mit einem weiteren Angehörigen des Bataillons in einer Gruppe aus acht russischen Spezialsoldaten nach Andrijiwka im Gebiet Donezk geschickt. Noch bevor der Einsatz zur Säuberung des Gebiets begann, floh er über ein Feld. Er habe sich vor Drohnen in Kellern und Häusern versteckt und sei nach zwei Tagen auf ukrainische Soldaten gestoßen.
Olijnyk befindet sich nun seit anderthalb Jahren in ukrainischer Haft. Die ukrainischen Behörden ermitteln wegen möglichen Hochverrats unter Kriegsrecht. Jedoch wurde gegen ihn noch kein Verdacht erhoben.
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