Stromausfall in Schleswig-Holstein: Charkiw war noch dunkler

Nach einem Stromausfall an der schleswig-holsteinischen Westküste waren Tausende Haushalte ohne Energie. Eine Geflüchtetenunterkunft wurde evakuiert.
Foto: Jonas Walzberg/dpa
Als Strom, Licht und Heizung auf einmal weg waren, blieben Alina Medvedieva und Alhussein Ali Salih Alkandani gelassen: „Wir stammen aus einer Stadt im Krieg“, sagt die Ukrainerin, und ihr in Irak geborener Mann nickt dazu. Das Paar mit seinen zwei Kindern gehört zu den rund 460 Menschen, die in der Landesunterkunft für Flüchtlinge nahe dem nordfriesischen Ort Seeth lebten.
Am 18. Oktober, einem Sonntag, legte ein Stromausfall einen großen Teil der schleswig-holsteinischen Nordseeküste lahm. Auch die Flüchtlingsunterkunft war betroffen. Alle Bewohner:innen sind inzwischen an andere Standorte verlegt worden, die meisten nach Rendsburg.
Gleich zwei Überspannungen trafen die Unterkunft in einer ehemaligen Kaserne, berichtet Wolfgang Kossert, Sprecher des Landsamtes für Zuwanderung und Flüchtlinge. „Bei der ersten sprang die Sicherung heraus, ganz wie es sein soll. Allerdings sauste wenige Stunden danach die zweite Überspannung durchs Netz und hat uns voll erwischt.“
Die Ursachen des Stromausfalls stehen auch Tage nach dem Vorfall nicht fest. Spezialist:innen hätten mögliche Fehlerquellen wie Maste, Leiterseile, Umspannwerke, Transformatoren, Überspannungsableiter und Ortsnetzstationen umfassend analysiert, teilt der Energiedienstleister Hanse Netz mit. „Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand liegen keine konkreten Hinweise darauf vor, dass ein Anschlag oder eine ungewöhnlich hohe Einspeisung durch erneuerbare Energien ursächlich für das Störungsereignis war“, heißt es weiter. Die Untersuchungen laufen weiter.
Keine Heizung, kein Wasser, kein Licht
Bereits jetzt steht fest, dass die Schäden beträchtlich sind. In Zehntausenden Privathaushalten in den Kreisen Nordfriesland, Dithmarschen, Steinburg und den angrenzenden Regionen fielen Geräte aus, Unternehmen und Gemeinden melden Schäden an Schaltkästen und Maschinen. Teilweise gab es kleinere Brände.
Die Unterkunft in Seeth war besonders schwer betroffen, berichtet Kossert: „Keine Heizung, kein warmes Wasser, kein Licht. Wir haben Kurbel-Taschenlampen und warme Kleidung verteilt.“
Das habe bestens geklappt, lobt Alhussein Alkandani. „Alle haben tolle Arbeit gemacht.“ Für die Kinder habe es sofort warme Mützen und Handschuhe geben, berichtet seine Frau. Und schnell habe festgestanden, dass alle Bewohner:innen an andere Orte umziehen sollten.
Alkandani selbst fuhr mit dem Familienauto mehrfach zwischen den Unterkünften hin und her und transportierte andere Leute mit ihren Sachen. „Ein Großmütterchen hatte so viele Koffer dabei, dass der Wagen allein damit voll war. Einen Fehler haben die Ukrainer – sie schleppen immer zu viel Gepäck mit“, scherzt der Familienvater.
Unterkunft wird wieder hergerichtet
Der Iraker, Jahrgang 1985, kämpfte im Zweiten Irakkrieg auf Seiten der US-Amerikaner und musste danach das Land verlassen. „Die Ukraine war das erste Land, dass mir ein Visum gegeben hat“, sagt er. Er zog nach Charkiw, eröffnete ein Geschäft, traf Alina Medvedieva. Ihr Sohn ist neun Jahre alt, ihre Tochter vier: „Sie wurde zehn Tage vor Kriegsbeginn geboren“, sagt die Mutter. Inzwischen sind ihr Wohnhaus und das Geschäft von Bomben zerstört, sie konnten nicht länger in Charkiw bleiben. Als Iraker und ehemaliger US-Kämpfer ist Alkandani nicht zum Militärdienst verpflichtet.
Foto: Esther Geißlinger
Sie landeten in Seeth – eine Unterkunft, die vor einigen Jahren bundesweit Schlagzeilen machte, weil dort zeitweise mehr Geflüchtete als Einwohner:innen lebten. Allerdings liegt die Unterkunft in der früheren Kaserne so weit außerhalb des Ortes, dass es kaum Berührungspunkte und Konflikte gab. Aktuell sind in Seeth gut 500 Menschen untergebracht, vorwiegend aus der Ukraine, „Und trotz der Lage im Wald ist Seeth bekannt und beliebt“, berichtet Wolfgang Kossert. „Wir bekommen Anfragen, weil gerade die Ukrainer gezielt dorthin wollen.“
Wir müssen nach vorne schauen und dürfen nicht um das Verlorene trauern
Alina Medvedieva, ist aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet
Angesichts der sinkenden Zahl von Geflüchteten, die ins Land kommen, will das Landesamt mehrere der bisher sechs Unterkünfte schließen, darunter die in Kiel. Seeth aber soll bleiben. Daher wird die Unterkunft nach dem Stromausfall jetzt wieder hergerichtet. Die Schäden sind groß: „Wir werden viele Leitungen ersetzen müssen“, so Kossert.
Die Familie von Alina Medvedieva und Alhussein Alkandani, die neben den Kindern auch noch aus der Großmutter besteht – Medvedievas Vater starb während der Flucht an einem Herzinfarkt – wird nicht in den kleinen Ort in Nordfriesland zurückkehren. Aus der Unterkunft in Rendsburg geht es weiter nach Lübeck. Dort wollen beide schnellstmöglich Deutsch lernen und Arbeit suchen. „Wir sind dankbar, dass wir hier sein können, und wollen Deutschland etwas zurückgeben“, sagt Medvedieva. „Wir müssen nach vorne schauen und dürfen nicht um das Verlorene trauern.“
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