Baby-Bonus gegen Abwanderung – Wie das Onsernonetal um jedes Kind und für Neuzuzüger kämpft

Baby-Bonus gegen Abwanderung Wie das Onsernonetal um jedes Kind und für Neuzuzüger kämpft
Wegen starker Abwanderung zählt das Onsernonetal nur noch 600 Einwohner – unkonventionelle Massnahmen sollen helfen.
20.10.2026, 08:44
Die wohl ungewöhnlichste Massnahme ist der sogenannte «Assegno Vita»: Die Gemeinde unterstützt Paare, die auf eine In-vitro-Fertilisation, also eine künstliche Befruchtung, angewiesen sind, ab 2027 mit Zuschüssen von bis zu 5000 Franken.
Nicht jeder hat von heute auf morgen 10’000 Franken parat – und das ohne Erfolgsgarantie.
In der Schweiz werden künstliche Befruchtungen, anders als in vielen Nachbarländern, nicht von den Krankenkassen übernommen. Deshalb sind die Zuschüsse wohl ein landesweites Novum. Gemeinderat Nadir Cortesi verteidigt die Massnahme: «Das ist kein Werbegag, sondern ein klares Signal.»
Ein Fünftel aller Paare in der Schweiz kämpfe mit Fruchtbarkeitsproblemen. «Nicht jeder hat von heute auf morgen 10’000 Franken parat – und das ohne Erfolgsgarantie.» Die Gemeinde wolle damit Familien beistehen und ein solidarisches Zeichen setzen.
Umzugsgeld, Sprachkurse und günstige ÖV-Abos
Zusätzlich will die Gemeinde den Zuzug ins Tal vereinfachen und das Leben im Tal vergünstigen: Wer neu ins Tal zieht, erhält von der Gemeinde Umzugsgeld. Finanziert werden ausserdem Sprachkurse zur besseren Integration.
Ergänzt wird das Paket durch Entlastungen bei ÖV-Abonnements, Brennholz und Pellets. Ziel ist es laut Cortesi, jährlich ein bis zwei neue Familien zu gewinnen, um die Dorfschule mit ihren derzeit dreizehn Kindern langfristig zu sichern.
Das Onsernonetal zählt inzwischen nur noch rund 600 Einwohnerinnen und Einwohner.
ETH-Forscher warnt vor dem reinen Wachstumsdogma
Tobias Luthe, Professor für regenerative Systeme an der ETH Zürich, forscht seit über zehn Jahren zur Abwanderungsproblematik im Alpenraum. Er beurteilt das Massnahmenpaket der Gemeinde einerseits als «bemerkenswert breit», doch die Förderung von In-vitro-Fertilisation sieht er kritisch: «Die Förderung medizinisch assistierter Reproduktion kann für einzelne Familien eine sehr wertvolle Unterstützung sein. Für die langfristige demografische Resilienz eines Tales bleibt sie jedoch ein einzelnes Element in einem viel grösseren System.»
Wichtiger sei die grundlegende Frage, wie ein Tal gestaltet werden soll, in dem mehrere Generationen dauerhaft gut leben können – ohne rein quantitativen Wachstumszielen hinterherzurennen.
Das Paradox der vielen leeren Betten und des Wohnraummangels
Der eigentliche Knackpunkt liegt laut Luthe im Wohnraum: Bei einem Zweitwohnungsanteil von rund 77 Prozent stünden zahllose Gebäude fast das ganze Jahr leer, während Neuzuzüger kaum geeigneten Wohnraum fänden. Denn oft sind die Zweitwohnungen kaum beheizbar und deshalb nicht ganzjährig bewohnbar.
Wir müssen in eine positive Dynamik reinkommen, bei der sich alles wieder belebt.
«Es braucht flexible Nutzungsmodelle», betont Luthe. Statt starrer Masterpläne brauche es «kleine, mutige Pilotprojekte» und sichtbare soziale Treffpunkte, damit aus einem reinen Ferienort schrittweise wieder ein Lebensort werde.
Begegnungsorte als Keimzellen für die Zukunft
Ein solcher Begegnungsort existiert vor Ort mit dem Mehrzweckgebäude Casa Schira in Loco. Dort teilen sich Einheimische, Feriengäste und Neuzugezogene einen Co-Working-Space, Gemeinschaftsräume und Kursangebote.
Die Gemeindeführung hofft, dass die Abwanderung gestoppt werden kann: «Wir müssen in eine positive Dynamik reinkommen, bei der sich alles wieder belebt.»
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