Arbeit, Bauern, Spitäler: Hitzesommer kostet Schweiz Milliarden

- Der Extremsommer 2026 kostet die Schweiz Milliarden – Arbeitsproduktivität, Landwirtschaft und Gesundheitssystem sind besonders betroffen.
- Der Schweizerische Städteverband errechnet einen Produktivitätsverlust von 2,1 Milliarden Franken für die Sommermonate Juni bis August.
- Zwischen Juni und September 2026 starben laut Bundesamt für Statistik rund 600 Menschen mehr als statistisch erwartet.
Knapp 30 Grad Ende September und das ist nicht mal eine Ausnahme in diesem Monat. Oder wie Meteorologe Peter Wick zu 20 Minuten sagt: «Der Sommer kommt nicht wirklich zurück – er ist noch immer hier.» Im Vergleich zum Hochsommer sind die Temperaturen im meteorologischen Herbstbeginn jedoch noch immer verhältnismässig tief. Besonders Juli und August brachen diverse Hitzerekorde. Die Folgen davon sind unter anderem eines: teuer.
2,1 Milliarden Franken weniger erarbeitet
Ist es ausserordentlich heiss, fällt es schwierig, sich zu konzentrieren, körperliche Betätigung wird anstrengender und der Körper, der sich auf den Temperaturausgleich fokussieren muss, anfälliger für andere Gebrechen. Faktoren, die sich nicht mit der Arbeitswelt vertragen. Eine Untersuchung des Schweizerischen Städteverbands (SSV) beziffert den Arbeitsproduktivitätsverlust für Juni bis August auf 2,1 Milliarden Franken.
Methodik der SSV-Untersuchung
Die Berechnung des SSV basiert auf einem Modell der ETH Zürich, dem Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH) und dem Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich (AWEL). Das Modell verbindet Temperaturdaten mit der räumlichen Verteilung der Beschäftigten und mit empirischen Wirkungsfunktionen. Es beachtet also, wo wie viele Menschen arbeiten und wie stark diese den Temperaturen ausgesetzt sind. Der SSV hat mit diesem Modell und den von MeteoSchweiz gemessenen Temperaturdaten von Juni bis August 2026 gerechnet. Der SSV gibt dabei einige Einschränkungen an. So rechnet das Modell etwa mit dem Franken und dem Beschäftigtenstand von 2018. Die volle Kurzdokumentation der Untersuchung findest du hier.
Nicht berücksichtigt sind dabei der Ausfall von Infrastruktur oder weitere wirtschaftliche Auswirkungen wie frühzeitige Todesfälle. Zwischen Juni und September 2026 starben laut Zahlen des Bundesamts für Statistik rund 600 Menschen mehr als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Auch unter 65-Jährige waren davon betroffen.
Die Auswirkungen auf die Gesundheit beschäftigen das Gesundheitssystem finanziell auch, selbst wenn es nicht zum Extremfall kommt. Eine 2026 publizierte Studie berechnet für die Jahre 2013 bis 2022 jährlich durchschnittliche hitzebedingte zusätzliche Kosten von 20,6 Millionen Franken, die bei den Spitälern in den sechs untersuchten Kantonen anfallen. Gemeinsam machen die Kantone 60 Prozent der täglichen Spitalaufnahmen in der Schweiz aus. Für die Zukunft erwarten die an der Studie beteiligten Forschenden ein Vielfaches dieses Betrags.
Agrarprodukte im Wert von 59,2 Millionen Franken zerstört
Ganz direkt betroffen vom Wetter diesen Sommer ist auch die Landwirtschaft. Der Agrarversicherer Schweizer Hagel (SH) schätzt die Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen bis Ende September auf 52,9 Millionen Franken. Einbezogen sind nur versicherte Schäden. Besonders der Hagel hat viel zerstört – gemäss SH ist Hagel für fast die Hälfte der Schadenssumme verantwortlich. Die Dürre macht 45 Prozent aus.
Der schwere Hagel und Sturm Ende August ist zudem gemäss Schweizerischem Versicherungsverband (SVV) für privat versicherte Schäden im Rahmen von knapp einer Milliarde Franken verantwortlich. Dabei wurden gemäss SVV mehr als 100’000 Fahrzeuge beschädigt. Der Kanton Zürich berichtete nach dem Extremwetterereignis zudem von rund 20’000 gemeldeten Schäden an Gebäuden.
Weltweites Problem, aber viele Lösungen
Arbeitsproduktivität, Spitalkosten und landwirtschaftliche Kulturen umfassen nicht das vollständige Ausmass der Kosten des Extremsommers. Eine Gesamtrechnung und vergleichbare Zahlen zu anderen Folgen wie Schäden an öffentlicher Infrastruktur fehlen jedoch. In Deutschland beziffert eine Greenpeace-Studie die volkswirtschaftlichen Schäden – unter anderem durch Ernte- und Produktionsausfälle, Waldbrände und Gesundheitskosten verursacht – auf rund 34 Milliarden Franken.
Weltweit führten die durch Hitze verlorenen Arbeitsstunden 2024 zu Einkommensverlusten in Höhe von 1,09 Billionen US-Dollar, Extremwetter verursachte Verluste in Höhe von 304 Milliarden USD. Mit den zunehmenden Kosten nehmen allerdings auch die Initiativen und Massnahmen zur Risikominderung zu. Das Konzept der Schwammstadt sorgt etwa in Städten auf der ganzen Welt für Abkühlung – und gemäss einer neuen Studie aus China sogar zu einem Rückgang von durch Hochwasser verursachter bakterieller Ruhr. Auch in der Schweiz haben Projekte zu nachhaltigen Bewässerungssystemen für die Landwirtschaft Erfolg und schaffen in Dürrezeiten Abhilfe.
Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News.
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