KI und andere digitale Helfer – «Bequeme neue Welt»: Prompt für Prompt in die Hilflosigkeit?

Wie viele Telefonnummern kennen wir auswendig? Vielleicht drei Festnetznummern aus der Jugendzeit? Sich solche Informationen zu merken, ist überflüssig geworden.
Dieses Phänomen wird als «digitale Amnesie» bezeichnet. Der Begriff beschreibt die Erfahrung, dass wir Informationen vergessen, weil wir darauf vertrauen, dass ein digitales Gerät sie für uns speichert.
So weit, so harmlos. Und bequem.
Mit Navi zielsicher, ohne verloren
«Bequemlichkeit ist evolutionär sinnvoll. Das Streben nach Bequemlichkeit hat uns unglaubliche Fortschritte gebracht – von der Dampfmaschine über die Waschmaschine bis zum Computer», sagt die Philosophin und Astrophysikerin Sibylle Anderl.
In ihrem Buch «Bequeme neue Welt – Was wir gewinnen, wenn wir uns was zumuten» geht sie den Verlockungen der bequemen Gegenwart nach und zeigt, was wir dadurch gewinnen und was wir einbüssen. Stichwort «Cognitive Offloading». Gemeint ist die Auslagerung von Denkprozessen an externe Hilfsmittel. Etwa des Orientierungssinns an ein Navi. Der Vorteil: Wir verirren uns deutlich seltener. Der Nachteil: Ohne Navi sind wir schnell aufgeschmissen.
Die Fähigkeit, einen Stadtplan zu lesen, ist heute so nischig wie das Herstellen einer Seife aus Asche und Fett. Man kann sagen: zu Recht. Es hat etwas Romantisierendes, so zu tun, als wären solche Fähigkeit noch nötig.
Wir brillieren mit KI, aber verlernen das Denken
Das Navigationsgerät verdeutlicht jedoch einen Prozess, der viel tiefer greift. Mit KI können Menschen inzwischen auch komplexe Denkaufgaben auslagern.
«Darin steckt ein riesiges Potenzial, zum Beispiel für Durchbrüche in der Medizin. Aber es entstehen auch kognitive Kosten», sagt Anderl.
Studien zeigen: Wer häufig KI nutzt, etwa beim Schreiben von Texten, zeigt eine geringere neuronale Vernetzung und offenbar auch eine geringere Bereitschaft, sich überhaupt kognitiv anzustrengen. Das Problem daran: Was kurzfristig Arbeit abnimmt, kann langfristig genau jene Fähigkeiten schwächen, die wir durch eigene Anstrengung entwickeln.
«Damit wir lernen können, brauchen wir kognitive Anstrengung. Nur so entstehen neue Verbindungen im Gehirn. Dazu kommt das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Wir brauchen Reibung und Hindernisse, um das Vertrauen zu entwickeln, dass wir anspruchsvolle Aufgaben aus eigener Kraft meistern können», so Anderl.
Digitale Helfer können ein Segen sein. Doch das Versprechen, dass alles einfacher wird, ist bei näherer Betrachtung nur die halbe Wahrheit. Denn alles, was unser Leben bequemer macht, schafft auch neue Abhängigkeiten.
Bei KI kann das weitreichende Folgen haben, weil KI auf unseres vernetzten Denkens zielt. «Unser Verstand, die Fähigkeit kritisch zu denken und Entscheidungen selbst zu treffen müssen wir verteidigen. Es ist der Kern unserer Freiheit und Autonomie», sagt Anderl.
Starke Abhängigkeiten sind nie gut, besonders besorgniserregend seien sie aber, wenn sie gegenüber Tech-Milliardären wie Elon Musk, Peter Thiel oder Jeff Bezoz bestehen. «Wenig Männer mit viel Macht und zweifelhaften Weltanschauungen. Ihnen sollten wir nicht aus lauter Bequemlichkeit die Zukunft überlassen.»
Buchhinweis
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Sibylle Anderl: «Bequeme neue Welt – Was wir gewinnen, wenn wir uns was zumuten». Piper, 2026.
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