Auschwitz-Überlebender Hermann "Mano" Höllenreiner gestorben
Der Überlebende des Holocaust, Hermann "Mano" Höllenreiner, ist tot. Wie jetzt bekannt wurde, starb er am Freitag 92-jährig im Kreise seiner Familie in Mettenheim im Bundesland Bayern im Süden Deutschlands. Das teilten der Hanser Verlag in München und das Internationale Auschwitz Komitee mit. An diesem Montag wäre Höllenreiner 93 Jahre alt geworden.
Der gebürtige Münchner stammte aus einer großen bayerischen Sinti-Familie. Er überlebte das NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau sowie die Konzentrationslager (KZ) Ravensbrück und Sachsenhausen.
Erst Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann er, öffentlich über seine Erlebnisse zu sprechen. Später setzte er sich insbesondere gegen die anhaltende Diskriminierung der Sinti und Roma ein.
Als Neunjähriger nach Auschwitz deportiert
Im Frühjahr 1943 wurde Höllenreiner im Alter von neun Jahren mit seiner gesamten Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurde er im sogenannten "Zigeunerlager" inhaftiert. Die Nationalsozialisten hatten Hunderttausende Sinti und Roma systematisch verfolgt und ermordet.

Im Januar 1945 gelang dem damals Elfjährigen Mano die Flucht auf einem der sogenannten Todesmärsche. Auf diesen Märschen trieb die SS, eine paramilitärische Organisation der Nationalsozialisten, KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen aus den Lagern, als die alliierten Truppen näher rückten.
Nach seiner Flucht blieb Höllenreiner völlig entkräftet und schwer krank auf einer Landstraße liegen. Befreite Französinnen fanden den Jungen und nahmen ihn mit nach Frankreich. Dort wurde er von einer Pflegefamilie aufgenommen.
Erst Ende 1946 konnte Höllenreiner mit überlebenden Angehörigen seiner Familie in München wiedervereint werden. Seine Herkunft war anhand der Häftlingsnummer geklärt worden, die ihm in Auschwitz auf den Arm tätowiert worden war.
Jahrzehntelang schwieg Höllenreiner über seine Erlebnisse
Über viele Jahre konnte Höllenreiner nicht über das sprechen, was er als Kind in den Konzentrationslagern erlebt hatte. Erst ab den 2000er-Jahren trat er öffentlich als Zeitzeuge auf. Er berichtete über die Verbrechen der Nationalsozialisten und machte auf die bis heute bestehende Diskriminierung der Sinti und Roma aufmerksam.

Seine Lebensgeschichte wurde auch literarisch festgehalten. 2008 veröffentlichte die Schriftstellerin Anja Tuckermann den dokumentarischen Roman "Mano - Der Junge, der nicht wusste, wo er war". Darin schildert sie seine Verfolgung, die Flucht und seine Zeit bei der französischen Pflegefamilie.
Für sein Engagement wurde Höllenreiner 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im Jahr 2020 empfing ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Höllenreiner begleitete das Staatsoberhaupt zu einer Gedenkfeier in Auschwitz anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers.
Auschwitz-Komitee würdigt einen "großen Zeitzeugen"
Das Internationale Auschwitz Komitee nennt Höllenreiner einen eindringlichen Mahner gegen das Vergessen. "Erst spät in seinem Leben begann er zu erzählen und wurde ein großer Zeitzeuge, der von den Schrecken von Auschwitz, von den Tätern und Opfern, vor allem aber von der immer noch andauernden Diskriminierung der Sinti und Roma in Europa eindringlich berichtete", würdigte der Exekutiv-Vizepräsident des Komitees, Christoph Heubner, Höllenreiners Engagement.
"Mano Höllenreiners Lebens- und Leidensgeschichte reicht für mehr als ein Leben aus. Was er als Kind in Auschwitz mit eigenen Augen sah und was ihm als Kind angetan wurde - über viele Jahrzehnte seines Lebens hat er darüber nicht zu sprechen gewusst", sagte Heubner.
Mit seinem späteren öffentlichen Engagement habe Höllenreiner auch anderen Überlebenden eine Stimme gegeben. "Auschwitz-Überlebende in aller Welt danken ihm für seinen Mut und seine Menschlichkeit: Hermann Höllenreiner sprach auch in ihrem Namen."
Auch die Stiftung Bayerische Gedenkstätten trauert um den Verstorbenen. "Mit Hermann 'Mano' Höllenreiner verlieren wir eine wichtige Stimme der Sinti und Roma und einen eindringlichen Mahner gegen das Vergessen", machte Stiftungsdirektor Karl Freller deutlich.
Höllenreiner habe entscheidend dazu beigetragen, den nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Das Leid der Verfolgten sei gesellschaftlich viel zu lange verdrängt worden, betonte Freller. "Sein Mut und sein Wirken bleiben uns Verpflichtung."
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