Gisin emotional: «Die Familie muss jetzt keine Angst mehr haben»

Darum gehts
- Michelle Gisin (32) beendet ihre Karriere als Skirennfahrerin und verkündet den Rücktritt auf dem Titlis.
- Die Medienkonferenz findet am Dienstag im Restaurant Joseph’s im Tower Titlis in ihrer Heimat Engelberg statt.
- Zuvor hatte sie nach ihrem Horrorsturz offengelassen, ob sie in den Weltcup zurückkehrt.
Es ist ein Abschied mit Symbolkraft. Hoch oben auf dem Titlis, 3238 Meter über Meer, sagt Michelle Gisin dem Skisport Adieu. Nicht irgendwo, sondern in ihrer Heimat Engelberg, wo ihre aussergewöhnliche Karriere einst ihren Anfang nahm.
In der berühmten Skiregion stand sie erstmals auf den Latten – hier entstand mit ihren älteren Geschwistern Dominique und Marc die Leidenschaft, die in den Genen der Familie Gisin liegt.
Da, wo alles begann, zieht sie nun den Schlussstrich. Am Dienstagvormittag tritt die 32-Jährige im Restaurant Joseph’s im Tower Titlis vor die Medien. «Es ist ein sehr emotionaler Moment. Ich hatte zwei turbulente Wochen hinter mir», sagt Gisin und erklärt ihre Gedanken zu einem möglichen Comeback: «Mein Herz hat Nein gesagt.»
Trotz der schicksalhaften Botschaft wirkt sie gefasst – verbunden mit einer grossen Portion Freude auf das neue Leben: «Ich bin extrem dankbar für meine Karriere und spüre jetzt, dass der Moment gekommen ist. Ich freue mich darauf, einfach ohne Startnummer den Berg runterzufahren.»
Der Grund ist die Gesundheit: Die Entscheidung fällt nach schwierigen Monaten nach ihrem Horrorsturz. Lange hatte die Engelbergerin offengelassen, ob sie noch einmal in den Weltcup zurückkehren würde, aber sie ist vom Körpergefühl nicht bei 100 Prozent. «Ich funktioniere nach dem Prinzip: alles oder nichts. Ich will nicht mehr die volle Priorität in den Skisport stecken.»
Im vergangenen Dezember stürzte sie im Abfahrtstraining von St. Moritz heftig. Sie erlitt schwere Verletzungen an der Halswirbelsäule, am Knie und an der Hand. «Diese Fahrt ging voll in die Hose», wie sie heute mit einem Lächeln sagt.
Immer wieder betonte Gisin, dass sie erst entscheiden wolle, wenn sie wieder auf den Skiern stehe. Nun haben die jüngsten Tage im Schnee offenbar Klarheit gebracht. «Ich bräuchte noch ein oder zwei Jahre, um wieder voll konkurrenzfähig zu sein.»
Zwei Olympiasiege für die Ewigkeit
Mit Michelle Gisin verliert der Schweizer Skisport eine seiner prägendsten Persönlichkeiten der vergangenen Jahre. Die Engelbergerin gewann zweimal olympisches Gold in der Kombination: 2018 in Pyeongchang und vier Jahre später in Peking.
Dazu kommt eine olympische Bronzemedaille im Super-G von 2018. Auch an Weltmeisterschaften und im Weltcup feierte die Allrounderin zahlreiche Erfolge. Gisin gehörte zu den wenigen Fahrerinnen, die in sämtlichen Disziplinen auf höchstem Niveau mithalten konnten.
Doch ihre Karriere bestand nicht nur aus Medaillen und Podestplätzen. Immer wieder musste Gisin Rückschläge wegstecken, Verletzungen überwinden und sich zurückkämpfen. Gerade diese Widerstandsfähigkeit beeindruckte im Skizirkus besonders.
Eine Karriere voller Höhen und Tiefen
Die vergangenen Jahre waren für Gisin besonders anspruchsvoll. Gesundheitliche Probleme, Formschwankungen und die Suche nach dem richtigen Material erschwerten ihr den Weg zurück an die Weltspitze.
Trotzdem gab sie nie leichtfertig auf. Immer wieder kämpfte sie um den Anschluss, suchte nach Lösungen und versuchte, ihre Leidenschaft für den Rennsport neu zu entfachen.
Das grösste Highlight war jedoch die Hochzeit mit ihrem langjährigen Freund, dem italienischen Skistar Luca de Aliprandini, vor fünf Monaten. «Ich freue mich jetzt darauf, Luca zu unterstützen und ihn im Weltcup zu begleiten.»
Darum gehts
- Die zweifache Olympiasiegerin Michelle Gisin (32) beendet ihre Karriere und verkündet es auf dem Titlis in Engelberg.
- Grund ist die Gesundheit: Nach ihrem Sturz im Dezember in St. Moritz ist sie nicht bei 100 Prozent.
- Gisin heiratete vor fünf Monaten Luca de Aliprandini und beginnt nun ein Studium in Luzern.
Die neue Freiheit nutzt Gisin für ein Studium in Luzern – ausgerichtet auf Politik, Philosophie und Wirtschaft. Die Familienplanung ist hingegen noch nicht aktuell. «Wir schauen Schritt für Schritt», sagt Gisin und umschifft die Babyfrage elegant.
Abschied dort, wo alles begann
Dass Gisin für diesen Moment den Titlis auswählt, könnte kaum passender sein. Die Engelbergerin ist ihrer Heimat stets eng verbunden geblieben. Gemeinsam mit ihren Geschwistern Dominique und Marc prägte sie über Jahre eine der bekanntesten Skifamilien der Schweiz.
Während Dominique 2014 in Sotschi sensationell Olympiagold in der Abfahrt gewann, schrieb Michelle ihre eigene Erfolgsgeschichte. Zwei Olympiasiege, unzählige Weltcuprennen und unvergessliche Momente später endet nun auch ihre Laufbahn.
Was bleibt, ist weit mehr als eine beeindruckende Medaillensammlung. Michelle Gisin punktete – wie keine andere Schweizerin im Skizirkus – mit ihrer offenen Art. Sie trägt ihr Herz stets auf der Zunge.
So auch auf dem Titlis bei ihrer letzten Medienkonferenz als Athletin: «Für mich ist es der richtige Zeitpunkt. Ich bin genug oft in meinem Leben mit über 100 Stundenkilometern die Piste runter. Meine Familie muss jetzt keine Angst mehr haben.»
Wie findest du den Rücktritt von Michelle Gisin aus dem Skizirkus?
Sebastian Rieder (sri), arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Stv. Leiter Sport. Der Generalist hat stets die besten Schweizer Fussballer im Fokus und begleitet die Nati als Reporter und Videojournalist.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
