Abstimmung über Kriegsmaterial – Wie geht es der Schweizer Rüstungsindustrie?

Blendende Geschäfte oder existenzielle Krise? Zwei fundamental unterschiedliche Sichtweisen auf eine heikle Branche.
02.11.2026, 06:14
Mit der Abstimmung über das Kriegsmaterialgesetz vom 29. November rückt auch die Schweizer Rüstungsindustrie in den Fokus. Im Fall eines Ja an der Urne würden die Regeln für Waffenexporte gelockert.
In der Schweiz gibt es rund 140 Rüstungsunternehmen. Viele von ihnen sind international tätig. Zudem liefern etwa 3000 KMU Komponenten für den Verteidigungssektor zu. In den letzten Jahren haben immer mehr Industrieunternehmen aus dem zivilen Bereich still und leise einen Teil ihrer Tätigkeit auf die Verteidigung ausgerichtet, um vom starken Wachstum der Branche zu profitieren.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Verteidigungssektors ist begrenzt. Laut einer Studie beschäftigte die Branche im Jahr 2019 direkt oder indirekt rund 16’000 Personen, etwa 0.4 Prozent der Beschäftigten im Land. Die direkte und indirekte Wertschöpfung lag bei rund 2.8 Milliarden Franken (0.4 Prozent des BIP).
Auch der Anteil der Rüstungsgüter an den Auslandverkäufen ist verschwindend gering. 2025 machte Kriegsmaterial nur 0.2 Prozent des Schweizer Exportvolumens aus.
Nur ein Teil der wichtigsten Unternehmen des Landes befindet sich noch vollständig in Schweizer Hand. Neben der bundeseigenen Ruag etwa der Flugzeughersteller Pilatus und der Schusswaffenhersteller Brügger & Thomet (B&T).
Mehrere Aushängeschilder der Industrie wurden von ausländischen Konzernen übernommen. Ein paar Beispiele:
- Mowag (Panzerfahrzeuge, heute General Dynamics)
- Oerlikon (Drohnenabwehrkanonen, heute Rheinmetall)
- SIG Sauer (Schusswaffenhersteller, heute L&O Holding)
- Wild Heerbrugg (militärische Zieloptik, heute Safran Vectronix)
Dennoch hat der Wert der Exporte ins Ausland in den letzten Jahren mehrfach Höchststände erreicht. Den Rekord gab es im Jahr 2022 mit 955 Millionen Franken, dicht gefolgt vom Jahr 2025 mit 948 Millionen Franken.
Weil die Schweizer Behörden ihnen die Weitergabe von Schweizer Waffen an die Ukraine verboten, kündigten Deutschland, Dänemark und die Niederlande an, sich von Schweizer Waffen abzuwenden.
Die Exporte nach Dänemark sind seitdem kontinuierlich gesunken von 136 Millionen Franken im Jahr 2022 auf weniger als 13 Millionen Franken (2025). Dagegen erreichte der Wert der Verkäufe nach Deutschland im vergangenen Jahr mit 386 Millionen Franken den höchsten Stand seit mindestens 2019.
Für Pauline Schneider, politische Sekretärin der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSOA), zeigen die Zahlen, dass es der Rüstungsindustrie gut geht. «Es ist gewagt zu sagen, die Branche sei in Schwierigkeiten, wenn die Exporte zwischen 2024 und 2025 um 43 Prozent gestiegen sind und nach Deutschland sogar weiter zugenommen haben», sagt sie. Es gebe keinen Grund, die Regeln noch weiter zu lockern.
Matthias Zoller, Generalsekretär des Branchenverbands Swiss ASD, sieht hingegen eine Erosion. «2023 und 2024 gab es einen Rückgang um 30 Prozent, obwohl der internationale Markt nach dem Krieg in der Ukraine geradezu explodierte», sagt er. Dies sei ein Zeichen für einen Vertrauensverlust.
Laut Zoller zeigt die jüngste Statistik ausserdem eine besorgniserregende Veränderung in der Art der exportierten Güter. Laut den Berichten des Staatssekretariats für Wirtschaft stieg der Anteil von Munition an den Exporten von 25 (2022) auf 43 Prozent (2025) pro Jahr an – zulasten von Waffen und Feuerleitgeräten.
Für Zoller heisst das: Die grossen europäischen Hersteller kaufen in der Schweiz keine Hochleistungsprodukte mehr, sondern «besser austauschbare» Komponenten. «Das grösste Risiko ist, dass wir unser Know-how verlieren», warnt er.
Schneider von der GSOA hält diese Bedenken für zynisch: «Es spielt keine Rolle, ob die Schweiz Panzer, Munition oder Gewehre exportiert. Es sind Waffen, die in anderen Ländern landen und unweigerlich gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werden.»
Wie dem auch sei, die Schweiz bleibt im internationalen Vergleich eine Zwergin in diesem Sektor mit einem Anteil von weniger als 0.5 Prozent am weltweiten Waffentransfer.
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