Nutzt Moskau die Situation aus?: Die Oleschky-Waffenruhe könnte ein gefährliches Nachspiel haben

Nutzt Moskau die Situation aus?Die Oleschky-Waffenruhe könnte ein gefährliches Nachspiel haben
29.10.2026, 09:50 Uhr
Die Waffenruhe im Gebiet der Stadt Oleschky hält. Wer von dort in ukrainisch kontrolliertes Territorium will, muss aber wohl der russischen Seite vertrauen. Der Kreml-Diplomat Kirill Dmitrijew spielt derzeit den Friedensengel, während Moskau offenbar seine Truppen verstärkt.
Der ukrainische Oberleutnant und Blogger mit dem Rufnamen "Alex" warnt auf seinem Telegram-Kanal, dass Russland den Waffenstillstand im Gebiet Oleschky in der Region Cherson ausnutze. Die Kreml-Streitkräfte würden Einheiten umgruppieren, indem sie Drohnenpiloten und die gesamte Logistik näher an den Fluss Dnipro heranzögen. Er befürchtet anschließend Schläge in die "größtmögliche Tiefe des ukrainisch kontrollierten Gebietes hinter dem Dnipro".
"Die Situation wird sich nach Ablauf des Waffenstillstands eindeutig verschärfen. Die Lage unserer Truppen könnte sich verschlechtern, und die Bewegung von feindlichen Landungsgruppen über den Dnipro ist nicht auszuschließen", so "Alex". Auch das Institut für Kriegsstudien (ISW) hält es für möglich, dass die russischen Streitkräfte die Waffenruhe nutzen werden, um ihre Truppen wieder aufzubauen.
Der Sender Fox News veröffentlichte kürzlich Fotos des Waffenstillstandsabkommens zwischen der Ukraine und Russland. Demnach zeigte sich Kiew einverstanden damit, dass die Einwohner, die in die Ukraine evakuiert werden möchten, am Samstag mit einer ukrainischen Delegation nach Anapa in der russischen Region Krasnodar und anschließend nach Gomel in Belarus reisen werden. Die ukrainisch-belarussische Grenze war in der Vergangenheit unter anderem immer wieder Schauplatz von Gefangenenaustauschen.
Der an den Verhandlungen beteiligte ukrainische Menschenrechtsbeauftragten Dmytro Lubinets schrieb auf X, er sei auf dem Weg nach Oleschky. "Unsere obersten Prioritäten sind die Lieferung humanitärer Hilfe an die Menschen, die noch in der Stadt sind, und die Sicherstellung, dass sie diese sicher verlassen können." Die Räumung von Minen verlaufe erfolgreich, so Lubinets.
Russische Vertreter hatten zudem auch von einer Evakuierung auf die von Russland besetzte ukrainische Halbinsel Krim gesprochen. Eigentlich ist das ukrainisch kontrollierte Gebiet nur wenige Kilometer von Oleschky entfernt in westlicher Richtung. Eine Evakuierung dorthin auf direktem Wege ist aber anscheinend nicht zwischen den Parteien vereinbart. Die Gegend ist weithin vermint.
Das ISW gab zu bedenken, dass die russischen Behörden darauf bestehen könnten, dass ukrainische Staatsbürger, die unter russischer Besatzung in Oleschky leben und russische Pässe erhalten haben, nun russische Staatsbürger seien und keine rechtliche Möglichkeit hätten, in die Ukraine zurückzukehren.
Für die abreisewilligen Einwohner von Oleschky ist das Vertrauen auf das Abkommen zwischen der Ukraine und Russland aber wohl so etwas wie die letzte Chance, sicher aus der Stadt zu gelangen. Anfang des Jahres wurde diese laut ukrainischen Angaben von den russischen Besatzungsbehörden ihrem Schicksal überlassen, es gab dort schwere Kämpfe. Einwohner berichteten von akuter Nahrungsmittelknappheit.
Es sieht trotzdem so aus, als würden viele Bewohner auch nach der bis zum 1. November um 22.59 Uhr geltenden Waffenruhe in Oleschky bleiben wollen. Laut Fox News soll zukünftig mindestens einmal pro Monat die Lieferung von Hilfsgütern, Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff ermöglicht werden.
Warnung vor russischer Propaganda-Aktion
Russische Vertreter inszenieren sich derzeit als Friedensstifter - obwohl Moskaus Angriffskrieg viele Zivilisten in der Region getötet und die Städte Oleschky und Cherson zerstört hat. Der von Russlands Präsident Wladimir Putin als Diplomat eingesetzte russische Investmentbanker Kirill Dmitrijew, der in Verhandlungen immer wieder die US-Seite umgarnt, schrieb auf X: "Menschlichkeit und Frieden müssen siegen." Dazu postete er eine Friedenstaube, die er auch unter sämtliche Kommentare unter dem Beitrag setzte. In den Augen der Ukrainer dürfte das wie blanker Hohn wirken.
Osteuropa-Experte Alexander Friedman beschrieb Dmitrijew im Gespräch mit ntv.de einst als "absolut prinzipienlos und unmoralisch". Dmitrijew sei für Putin ein Musterbeispiel für einen Menschen aus der Ukraine, wie Putin sie gern sehen wolle: Russland-orientiert, überzeugt davon, dass die Ukraine Teil Russlands ist - mit klar prorussischer Haltung.
In die Verhandlungen über eine Waffenruhe ist auch die First Lady der USA, Melania Trump involviert. Sie berichtete auf X, dass Journalisten von Newsmax nach Oleschky reisen würden, um dort "eng mit russischen und ukrainischen Vertretern humanitärer Organisationen zusammenarbeiten". Das ultrakonservative Medium Newsmax steht der US-Regierung nahe. Die Historikerin Anne Applebaum warnte auf X vor einer "russischen Propaganda-Aktion, die mit Unterstützung des Weißen Hauses durchgeführt wird".
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