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Thursday, October 15, 2026

«Sogar Putzfrauen und Offiziere spionieren für uns»

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Russische Partisanen sabotieren Putins Krieg - jetzt packt ihr Kommandeur aus

«Sogar Putzfrauen und Offiziere spionieren für uns»

Sie sabotieren Züge, spionieren in Kasernen und setzen Kriegsschiffe in Brand. Hunderte Russen sollen im Untergrund gegen Putin kämpfen. Ihr Kommandeur erzählt vom geheimen Krieg gegen den Kreml.

Publiziert: vor 27 Minuten

Helena GrafReporterin

Ein schneller Händedruck an einer unscheinbaren Strassenecke in Kyiv. Maksimilian Andronnikov zieht die Kapuze tief ins Gesicht. Die Sonne scheint. Sein Blick mustert Passanten, Dächer, geparkte Autos. Der Kreml sucht ihn.

Er öffnet eine schwere Holztür. Seine Schritte hallen im Treppenhaus. Wir steigen die Stufen hoch, betreten eine Wohnung. Erst als die Tür ins Schloss fällt, streift er den Pullover ab. Muskulöse Arme. Er lächelt.

Andronnikov ist Russe. In seiner Heimat gilt er als Verräter. Er sagt, Putins Regime wolle ihn und seine Familie töten. Also versteckt er sich. «Das hier ist absoluter Komfort», sagt er. «Ich habe monatelang im Schützengraben gekämpft.»

Vor der Invasion 2022 lebt Andronnikov in St. Petersburg. Er arbeitet als Coach und Trainer, kümmert sich um seine Kinder. Als russische Truppen die Ukraine überfallen, trifft er eine Entscheidung. «Ich konnte nicht einfach schweigend zusehen, wie mein Land ein Nachbarvolk überfällt.»

Dabei liebt er seine Heimat. «Wir sind das reichste Land der Welt. Diamanten, Uran, Öl, Gas. Die Menschen könnten besser leben als in Dubai! Aber sie leben in Armut. Und statt ihr Leben aufzubauen, ziehen sie los und töten Ukrainer.»

Wenige Wochen nach Beginn der Invasion packt Andronnikov seine Sachen und schleicht über die Grenze. In der Ukraine schliesst er sich der neu gegründeten Legion Freiheit Russland an. «Ich habe alles aufgegeben», sagt er. «Doch immerhin bin ich nicht Sklave eines mörderischen Diktators.»

Die Legion kämpft an der Front. Bachmut, Awdijiwka, Kupjansk. Sympathisanten melden sich aus Russland. Menschen, die das Land nicht verlassen können. «Sie fragten uns, was sie im Inneren Russlands tun können», sagt Andronnikov.

Zunächst sind es vereinzelte Partisanenaktionen. Sabotage an Versorgungszügen. Dann wächst das Netzwerk. Hunderte machen mit, behauptet Andronnikov. «Unsere Leute sind überall», sagt er. «In Behörden, Rathäusern, Kasernen und Ministerien.»

Die Menschen kämen aus allen Schichten. «Sogar Putzfrauen in Rüstungsbetrieben und Offiziere spionieren für uns.»

Untereinander kennen sie sich nicht. Die Legion setzt auf ein dezentrales Netzwerk. «Wenn der russische Geheimdienst einen verhaften würde, könnte er seine Kameraden nicht verraten. Denn er weiss nicht, wer sie sind.» Bislang, sagt Andronnikov, sei keiner seiner Partisanen verhaftet worden.

Andronnikov erzählt von zwei Männern, die ihre eigene Armee verraten haben.

Goga ist Funker auf dem russischen Raketenschiff Serpuchow. Im April 2024 liegt das Schiff in der Ostsee bei Kaliningrad. «Goga goss Benzin über die Kommunikationsanlagen und legte Feuer», erzählt Andronnikov. Feuer bricht aus. Die Kommunikationsanlagen werden beschädigt. Goga entkommt und erreicht die Ukraine. Später appelliert er an seine ehemaligen Kameraden: «Lauft, ihr Narren! Ihr werdet sterben.»

Auch Erik dient in der russischen Armee. Als Drohnenkommandant ist er 2023 in Luhansk stationiert. Doch er will überlaufen. Er sammelt Karten, schickt sie an den ukrainischen Geheimdienst. Gemeinsam planen sie seine Flucht.

Dann erhält Erik einen zusätzlichen Auftrag. Er soll zwei verwundete ukrainische Soldaten retten. «Er stahl russische Uniformen und ein Auto», erzählt Andronnikov. Erik fährt zu den Verletzten, zieht ihnen die Uniformen an. Gemeinsam passieren sie russische Stellungen. Vor ihnen liegt ein Minenfeld. Erik fährt weiter. Schliesslich erreichen sie die ukrainischen Linien.

Die Legion beschränkt sich längst nicht mehr darauf, einzelne Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Ihre Partisanen greifen auch Russlands Kriegswirtschaft an.

Ende September 2026 wird die bisher grösste bekannte Sabotageaktion des Untergrundnetzwerks öffentlich: Operation Barrel.

Ukrainische Drohnen treffen Raffinerien und Treibstofflager tief in Russland. Die russische Armee reagiert, so erzählt es Andronnikov. Sie lagert Treibstoff in Kesselwagen, verteilt über das riesige Eisenbahnnetz des Landes.

Doch die Verstecke bleiben nicht geheim. Monatelang melden Informanten der Legion, wo die Wagen stehen. Dann schlagen die Partisanen zu. In fast zehn russischen Regionen gehen Treibstoffwagen in Flammen auf. So schildert Andronnikov die Operation. Wie gross der Schaden tatsächlich ist, lässt sich unabhängig kaum überprüfen.

Für ihn zählt ohnehin etwas anderes. «Zeit ist im Krieg wertvoller als Geld», sagt er. «Wenn wir eine Eisenbahnlinie für Tage blockieren, bekommen die russischen Soldaten an der Front weder Treibstoff noch Munition. Jede blockierte Minute rettet ukrainische Menschenleben.»

Der russische Geheimdienst FSB versucht, das Netzwerk zu zerschlagen. Laut Andronnikov lockt er Regimegegner in digitale Fallen, überwacht ihre Kommunikation. Andronnikov weiss, dass ein einziger Fehler Menschenleben kosten kann. «Die Sicherheit unserer Leute hat für uns oberste Priorität.»

Trotzdem hält er Putins Macht für brüchig. Er erinnert an den Aufstand des Söldnerführers Jewgeni Prigoschin im Juni 2023. Dessen Truppen marschierten Richtung Moskau, ohne auf grösseren Widerstand zu stossen.

«Alle Sicherheitskräfte haben sich versteckt», sagt Andronnikov. «Sie töten für Geld. Aber sie werden nicht für Putin sterben.»

Er vergleicht das Regime mit einem Diamanten. «Ein Diamant schneidet Glas, Metall, einfach alles. Er wirkt unzerstörbar. Aber wenn man mit einem Hammer auf die genau richtige Stelle schlägt, zersplittert er sofort.»

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