Löst Mexiko endlich den Fall um 43 verschwundene Studenten?

- Zwölf Jahre nach dem Verschwinden von 43 Lehramtsstudenten in Iguala, Mexiko, kommen neue Spuren ans Licht.
- Die Bundesstaatsanwaltschaft präsentierte mögliche illegale Kremierungen, neue Telefonanalysen sowie Knochenfunde aus zwei Bestattungsunternehmen.
- Aktuell werden 168 Personen strafrechtlich verfolgt, darunter der ehemalige Gouverneur von Guerrero, Ángel Aguirre.
Es ist der wohl berüchtigtste Vermisstenfall Mexikos: Im Jahr 2014 verschwanden 43 Lehramtsstudenten aus dem Dorf Ayotzinapa im Bundesstaat Guerrero. Zwar bestätigte sich schon bald der Verdacht, dass die Polizei an ihrem Verschwinden beteiligt war, doch was mit den jungen Männern geschah und wer die Verantwortung trägt, ist bis heute ungeklärt. Zwölf Jahre später kommt nun Bewegung in den Fall.
Polizei soll Studenten an Kartell übergeben haben
Die Studenten waren am Abend des 26. September nach Iguala gefahren, um Busse für die Reise zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt zu organisieren. Dort gerieten sie aus bis heute ungeklärten Gründen an mehreren Orten ins Visier kommunaler Polizisten und bewaffneter Männer. Sechs Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Die 43 Studenten wurden festgenommen und verschwanden.
Nach der ersten offiziellen Darstellung sollen die Polizisten die Studenten lebend an das Kartell «Guerreros Unidos» übergeben haben. Kartellmitglieder sagten später aus, sie hätten die jungen Männer getötet und ihre Leichen verbrannt. Diese von der damaligen mexikanischen Regierung vertretene Version der Ereignisse ist jedoch stark umstritten. Analysen von unabhängigen Experten ergaben etwa, dass die behauptete Verbrennung am angegebenen Ort unter den damaligen Bedingungen kaum möglich gewesen sei.
168 Personen werden strafrechtlich verfolgt
Der Fall Ayotzinapa löste in ganz Mexiko massive Proteste aus und gilt als grösster Skandal der Amtszeit des damaligen Präsidenten Enrique Peña Nieto. Die mexikanische Regierung erklärte 2022, es gebe keine Hinweise darauf, dass die Studenten noch am Leben seien. Identifiziert werden konnten bisher nur die sterblichen Überreste von drei von ihnen.
Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft werden mittlerweile 168 Personen im Zusammenhang mit dem Verschwinden der Studenten strafrechtlich verfolgt. 130 von ihnen befinden sich in Untersuchungshaft. Auch der ehemalige Gouverneur des Bundesstaats Guerrero, Ángel Aguirre, wurde im vergangenen August festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, die Löschung von Überwachungskamera-Aufnahmen aus Iguala in der Nacht des Verschwindens angeordnet zu haben. Der frühere mexikanische Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam war bereits 2022 im Zusammenhang mit dem Fall festgenommen worden.
Die Bundesstaatsanwaltschaft stellte am Montag zudem neue Spuren vor: mögliche illegale Kremierungen in zwei Bestattungsunternehmen in Iguala, neue Telefonanalysen sowie Funde von Knochenresten und Unterlagen. «Die Ermittlungen sind nicht abgeschlossen und werden erst dann abgeschlossen, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, Gerechtigkeit geschaffen ist und wir herausfinden, wo die jungen Menschen sind», sagte die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum an einer Pressekonferenz. In mehreren Fällen wurden bereits Strafverfahren eröffnet, ob es zu Anklagen kommen wird, ist noch unklar.
130 000 Vermisste in Mexiko
Die 43 Studenten von Ayotzinapa sind nur die Spitze des Eisbergs: Mehr als 130'000 Menschen gelten in Mexiko als verschwunden, die meisten seit Beginn des Kriegs gegen die Drogenkartelle vor rund zwanzig Jahren.
Laut der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (IACHR) sind staatliche Sicherheitskräfte in einer «alarmierend» hohen Zahl von Fällen an Folter und gewaltsamem Verschwindenlassen beteiligt. Sie sollen Menschen entweder selbst ohne Haftbefehl festnehmen und kriminellen Gruppen übergeben oder wegschauen, während solche Verbrechen geschehen.
Kriminelle Gruppen setzen das Verschwindenlassen ein, um Gemeinschaften zu terrorisieren, Rivalen einzuschüchtern oder Spuren von Tötungsdelikten zu beseitigen. Laut Guardian stieg die Zahl der Fälle in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 200 Prozent.
Die mexikanische Regierung räumt zudem Mängel bei der Pflege des nationalen Vermisstenregisters ein. In rund 46'000 Fällen sind Angaben fehlerhaft oder unvollständig. Oft fehlen Namen, Daten oder der Ort des Verschwindens, was die Suche erheblich erschwert.
Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News
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