Italien – Stadt auf dem Vulkan im Ausnahmezustand

- Die Stadt Pozzuoli am Golf von Neapel liegt auf einem aktiven Magma-Feld.
- Am 31. Juli kam es zu dem stärksten Erdbeben seit mehr als 40 Jahren mit einer Stärke von 4.7 auf der Richterskala.
- Viele Häuser sind seither unbewohnbar, rund 5000 Menschen mussten ihr Zuhause verlassen
Der 31. Juli war für viele der 80'000 Bewohnerinnen und Bewohner von Pozzuoli ein einschneidender Tag. Das Erdbeben war deutlich stärker als die üblichen Erschütterungen. Fassadenteile lösten sich von Häusern, Teller fielen von Regalen, Dachziegel prallten auf die Strasse.
Hunderte Gebäude aus Sicherheitsgründen evakuiert
Die Schadensbilanz ergab: Hunderte Gebäude sind seither unbewohnbar. «In dieser Strasse sind alle Häuser gesperrt, die Leute sind weggegangen. Ich musste mein Geschäft schliessen», sagt ein Ladenbesitzer in der Innenstadt. Ein anderer Bewohner, der in seinem Haus bleiben konnte, ergänzt: «Wenn es wieder bebt, weiss ich nicht, wo ich mich in Sicherheit bringen kann.»
Die phlegräischen Felder
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Pozzuoli liegt auf den phlegräischen Feldern. Die «Campi flegreii» sind ein unterirdisches Vulkanfeld, etwa so gross wie der Kanton Zug. Von der Magma im Untergrund steigen Hitze und Gase auf und im Gestein verdampft Wasser. Von diesen Kräften wird der Boden nach oben gedrückt.
Das hat sehr viele kleinere, manchmal aber auch grössere Erdbeben zur Folge. Da diese ihr Epizentrum in relativ geringer Tiefe haben, sind die Folgen vergleichsweise gross: tiefe Risse in den Mauern, herabfallende Fassaden- und Gebäudeteile, Schäden im Innern.
Das grösste solche Beben der letzten Jahrzehnte erreichte 4.7 auf der Richterskala. Laut Seismologen könnte das Phänomen auch Beben der Stärke 5 zur Folge haben. Möglich ist zudem, dass es zu einem eigentlichen Vulkanausbruch kommt. Ein solcher würde sich aber durch verstärkte seismische Aktivitäten im Vorfeld abzeichnen.
Viele, die ihr Haus verlassen mussten, kamen bei Verwandten unter. Immer noch schlafen aber Dutzende Menschen in ihren Autos oder in einer Notunterkunft.
Vor einer Sporthalle am Stadtrand steht ein älterer Mann und raucht. «Wir können hier auf Pritschen schlafen, das ist besser als nichts», und schiebt dann nach: «Bis vor wenigen Tagen gab es auch zu essen. Das wurde jetzt gestoppt. Bald sollen wir hier weg, keine Ahnung wohin.»
Umsiedlung in früheren Jahren gescheitert
Die Stadt hat offensichtlich Mühe, die unmittelbaren Folgen des Bebens zu lindern. Noch schwieriger ist es, Konzepte für den langfristigen Umgang mit der Situation zu finden. Als es in den 1970er- und 1980er-Jahren zuletzt heftige Beben gab, zog die Stadt in der Peripherie viel sicheren Wohnraum hoch. Die Leute zogen aus den gefährdeten Gebieten auch tatsächlich in die Neubauten. Nach einigen Jahren wurden die alten Häuser im Stadtzentrum aber instand gesetzt und wieder bewohnt.
Sie würden eher mit dem Vulkan unter ihnen in die Luft fliegen, als wegzuziehen.
Im nahen Neapel sagt der Architektur- und Statik-Professor Giulio Zuccaro: «Die Puteolani» – so nennt man die Bewohner von Pozzuoli – «würden eher mit dem Vulkan unter ihnen in die Luft fliegen, als wegzuziehen.»
Dabei unterstützt der Staat Personen, die ihr Haus im Gefahrengebiet verlassen. Sie bekommen 80 Prozent des Werts ihres Hauses, um sich anderswo eine Existenz aufzubauen. Ihr ehemaliges Haus wird dann abgerissen, damit es nicht wieder bewohnt werden kann. Doch kaum jemand macht davon Gebrauch.
Ebenfalls wenig wirksam ist das Anreizprogramm, um die Häuser erdbebensicher zu machen. Wer saniert, bekommt mindestens 70 Prozent der Kosten vom Staat bezahlt. Nur sind die restlichen bis zu 30 Prozent immer noch viel Geld und etwas anderes kommt noch dazu, so Zuccaro: «Fördermittel fliessen nur, wenn ein Gebäude absolut vorschriftsgemäss gebaut wurde – ohne auch noch so kleine unbewilligte Um- und Anbauten.» Weil aber viele wüssten, dass ihr Haus diese Bedingung nicht erfüllt, stellten sie gar nicht erst einen Antrag.
Wut der Bevölkerung auf «den Staat»
In Pozzuoli schwankt die Stimmung unterdessen zwischen Resignation und Wut. Wütend sind die Mitglieder verschiedener Bürgerbewegungen, die an diesem Vormittag vor dem Rathaus demonstrieren. «Pozzuoli zittert – der Staat schläft» steht auf einem Transparent. Stadtpräsident Gigi Manzoni wehrt sich und sagt, die Stadt habe viel Unterstützung beantragt für die Betroffenen. «Ich hoffe jetzt auf schnelle Entscheide der Regierung in Rom.»
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