Einer der ältesten Bräuche – «Fürio de Bach brönnt»: Aarau feiert Jubiläum des Bachfischet

Es ist dunkel, wo sonst Strassenlaternen die bekannten bemalten Giebel beleuchten und in Schaufenstern Uhren glitzern. Am Strassenrand der Altstadt drängen sich die Menschen. Trommelschläge der Tambouren kündigen den nächtlichen Umzug an. Ein Raunen geht durch die Menge. Die Kinder ziehen durch die Stadt, der Schein ihrer selbst gebastelten Lampions erhellt die Gesichter und Fassaden. In Aarau ist Bachfischet.
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Bild 1 von 5. Mit Lampions und Gesang ziehen die Aarauer Schulkinder durch die abgedunkelte Stadt. Fische sind ein beliebtes Motiv. Bildquelle: SRF/Mario Gutknecht.
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Bild 2 von 5. «De Bach isch do, de Bach isch do», singen die Kinder am Bachfischet. Bildquelle: SRF/Mario Gutknecht.
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Bild 3 von 5. Schulklassen und Jugendvereine basteln eigene Lampions. Bildquelle: SRF/Mario Gutknecht.
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Bild 4 von 5. Der Bach ist eines der Themen, die immer wieder auftauchen. Bildquelle: SRF/Mario Gutknecht.
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Bild 5 von 5. Am Ende des Umzugs wird ein Teil der Lampions verbrannt. Bildquelle: SRF/Mario Gutknecht.
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Der Bachfischet wird dieses Jahr wohl schon zum 500. Mal gefeiert. Bereits 1526 wurde der Bachfischet nämlich erstmals in einem Ratsprotokoll der Stadt Aarau erwähnt. Aarau hat keinen natürlichen Fluss, das Gewässer wurde künstlich angelegt. «Der Stadtbach war die Lebensader der Stadt, bis die ersten Quellen gefasst werden konnten», betont Historikerin Stefanie Mahrer. Eine mittelalterliche Stadt konnte ohne Bach nicht überleben. Man habe Trinkwasser, Löschwasser und Wasserkraft für das Gewerbe gebraucht.
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Bild 1 von 2. Der Bachfischet-Umzug zieht durch die Rathausgasse in der Aarauer Altstadt. Bildquelle: SRF/Mario Gutknecht.
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Bild 2 von 2. Die Lampions erleuchten die sonst stockfinstere Stadt. Bildquelle: SRF/Mario Gutknecht.
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Einmal jährlich musste die Stadt Aarau das Bachbett des Stadtbachs reinigen. Dafür wurde der Bach gestaut. Die Reinigung dauerte in der Regel vier Tage und wurde als Fronarbeit erledigt. Vier Tage ohne Trink- und Löschwasser – eine Herausforderung für die Bewohnerinnen und Bewohner. Deswegen legten Haushalte einen Wasservorrat in Kesseln und Zubern an.
Der Bachfischet 1950
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Bild 3 von 4. Für vier Tage musste die gesamte Stadt ohne Wasser auskommen, bis der Brunnenmeister die Schleuse wieder öffnete und der Bach wieder in die Stadt fliessen konnte. Bildquelle: Schweizer Filmwochenschau 1950.
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September sei für das Putzen des Bachs die ideale Zeit gewesen, sagt Stefanie Mahrer. Nach der Ernte und vor der Weinlese, weil da die Arbeitskräfte und die Kessel zur Verfügung gestanden hätten.
1784 musste die Bachreinigung frühzeitig abgebrochen werden – wegen eines Grossbrands. Daraufhin wurde der Stadtbach «notfallmässig vorzeitig geflutet», wie die Heinerich Wirri-Zunft schreibt, die sich der Pflege der Aarauer Bräuche verschrieben hat, insbesondere des Bachfischet. Zahlreiche Gebäude seien niedergebrannt, der Brandstifter habe seine Tat vor der Hinrichtung gestanden.
Heute gilt der Bachfischet laut der Heinerich Wirri-Zunft «als ältester dauernd gelebter Brauch in der Schweiz». Dass der Brauch so lange überlebt hat, ist nicht selbstverständlich. Im Laufe des 19. Jahrhunderts sei er in Vergessenheit geraten, der Bach habe wegen der modernen Wasserleitungen an Bedeutung verloren, erklärt Historikerin Stefanie Mahrer. «1922 muss der absolute Tiefpunkt gewesen sein, als nur noch ein paar Vereinzelte am Bachfischet teilgenommen haben.»
Daraufhin wurde die Heinerich Wirri-Zunft gegründet, die sich des Brauchs annahm. Initiiert wurde die Zunft vom Arzt und rechtsnationalen Aarauer Politiker Eugen Bircher. Zwar seien die Anfänge klar im rechtsbürgerlichen Milieu. Der Bachfischet sei aber absolut unpolitisch, betont Mahrer, die als Co-Autorin die Geschichte der Stadt Aarau erforscht. «Ohne die Heinerich Wirri-Zunft hätten wir das wunderbare Fest, wie wir es heute haben, nicht mehr.»
Umstrittener Zunft-Gründer Eugen Bircher
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Gegründet wurde die Heinerich Wirri-Zunft 1922 von Eugen Bircher. Der Arzt und spätere Nationalrat gehörte zu den Mitbegründern der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei im Kanton Aargau und ist nicht unumstritten. Historiker Hans Ulrich Jost zeigte, dass Bircher Kontakte «bei der schweizerischen Rechten wie auch im nationalsozialistischen Deutschland» zu vertiefen versuchte und seine Partei eine «bedenkliche Nähe zum Faschismus oder Nationalsozialismus» gepflegt habe.
Wenn am Ende der Reinigung der Stadtbach wieder in sein Bett geleitet wurde, war das ein feierlicher Moment: Die Kinder in Suhr setzten Schiffchen mit Kerzen auf den Bach, die Kinder in Aarau empfingen diese, zogen in einem Umzug durch die Stadt und sangen das Bachfischet-Lied.
Früher trugen die Kinder ausgehöhlte Kürbisse oder Räbeliechtli, heute sind es selbst gebastelte Laternen an Haselruten. Beendet wird der Umzug mit dem «Mords-Chlapf», einem grossen einzelnen Böllerschuss. Auf einem grossen Feuer werden die Haselruten und teilweise auch die Lampions verbrannt.
Regionaljournal Aargau Solothurn, 18.09.2026, 17:30 Uhr ; matb;stat;noes
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