Tigray: Eritrea schickt Truppen, Äthiopien Beschwerdebriefe
Eritreische Streitkräfte haben die Grenze zu Äthiopien überquert: Das haben inzwischen mehrere Quellen bestätigt. Ein AFP-Bericht zitiert eine anonyme Sicherheitsquelle, die von 5000 bis 8000 Soldaten auf äthiopischem Gebiet ausgeht.
Am Donnerstag forderte die äthiopische Regierung in einem Schreiben an den UN-Sicherheitsrat den sofortigen Abzug eritreischer Truppen aus ihrem Hoheitsgebiet. Die Präsenz der ausländischen Truppen lasse Äthiopien "keine Wahl, als sich gegen Eritrea zu verteidigen", hieß es in dem Schreiben, das den Nachrichtenagenturen Reuters und AFP vorliegt.
Eritrea hat wiederholt rhetorisch Kontra gegeben. Informationsminister Yemane Meskel warf der Regierung von Premierminister Abiy Ahmed vor, "unaufhörlich die Kriegstrommeln zu rühren". Am Freitag veröffentlichte das Ministerium eine Erklärung auf der Landessprache Tigrinya. "Der souveräne Staat Eritrea ist durch Blut und Gesetz gebunden", hieß es dort: "Wehe denen, die ihn antasten."
Die offene Kriegsrhetorik ist die jüngste Entwicklung in einem Konflikt, der sich in den letzten Wochen rasch verschärft hat. Experten zufolge könnte Äthiopien die Eskalation bewusst herbeigeführt haben. Erst letzte Woche hatte das Land eritreische und ägyptische Diplomaten ausgewiesen - woraufhin Eritrea seinerseits die diplomatischen Beziehungen kappte.
Als Premierminister Abiy Ahmed am Montag für weitere fünf Jahre vereidigt wurde, bezeichnete er den Zugang zum Meer als Priorität. Das schürte neue Gerüchte, dass Abiy bereit sein könnte, Eritreas strategisch wichtigen Hafen Assab mit Gewalt einzunehmen.
Abiys interne Opposition: Tsimdo und die Alliance for Survival
Für Abiy läuft es gerade eigentlich nicht schlecht: Die äthiopische Armee (ENDF) erobert mit Unterstützung der Miliz "Tigray Peace Force" in großem Tempo besetzte Gebiete zurück - darunter die Landeshauptstadt Mekelle. Doch der Widerstand gegen die Regierung in Addis Abeba findet neue Kanäle.
Einer davon ist die Tsimdo-Bewegung (Tigrinya für "Engagement"). Die hat schon mehrere Metamorphosen hinter sich, berichtet Jalale Getachew Birru, Ostafrika-Analystin beim US-Krisenmonitor ACLED. "Das Tsimdo-Konzept tauchte erstmals im Rahmen grenzüberschreitender Friedensinitiativen auf, an denen Aktivisten, religiöse Persönlichkeiten und lokale Gemeinschaften in den Grenzdörfern von Tigray und Eritrea beteiligt waren", schreibt Jalale der DW. Heute zählen sich verschiedene ethnische Gruppen dazu, die teils schon lange mit der Bundesregierung im Konflikt stehen.

Aus dieser Bewegung ging die im September ausgerufene "Allianz der äthiopischen Volkskräfte für das Überleben" (Englisch kurz: Alliance for Survival) hervor. Laut Jalale zielt dieses Bündnis darauf ab, die derzeitige Regierung abzusetzen und einen Verfassungsdialog anzustoßen.
Für Analyst Abdurahman Sayed vom Londoner Thinktank "Horn of Africa Centre for Regional Integration" sagt das Bündnis viel über Äthiopiens zahlreiche ungelöste Konflikte. "Die Kämpfe in Äthiopien haben nie aufgehört", sagt Sayed der DW. "Was die Oromo Liberation Army betrifft, dauern sie schon seit Jahrzehnten an, bei den Amhara sind es mindestens drei Jahre."
Die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) wiederum - eine der zentralen Konfliktparteien im Tigray-Krieg von 2020 bis 2022 - habe sich vom Pretoria-Abkommen, das damals die Kämpfe beendet hatte, enttäuscht gezeigt. Denn das habe keinen nachhaltigen Frieden gebracht.

ACLED stellt jedoch fest, dass von den sieben Gruppen der Allianz bisher nur drei an den jüngsten Kämpfen beteiligt seien: die Tigrayan Defence Forces (TDF), die Amhara Fano National Movement (AFNM) und eine relativ neue Gruppe der Afar-Ethnie namens Ugugumo. Der Erfolg der "Alliance for Survival" hängt laut ACLED zu einem großen Teil von der Unterstützung ab, die sie durch externe Akteure erhält.
Gemeinsame Erklärung des Sudan mit Ägypten, Eritrea und Somalia
Zu diesen externen Akteuren gehört ein loses Bündnis der Nachbarländer Sudan, Ägypten, Eritrea und Somalia. "Alle diese Länder hegen Vorwürfe gegen die Regierung von Premierminister Abiy Ahmed", betont der Londoner Analyst Abdurahman Sayed. In Ägypten gehe es um die Nutzung des Nilwassers: Seit Jahren gibt es Streit um einen Mega-Staudamm auf äthiopischer Seite. Im Sudan sorge es für Unmut, dass Äthiopien die Rapid Support Forces unterstütze, die im Bürgerkrieg den Regierungstruppen gegenübersteht.

Im Falle Somalias geht es - wie auch in Eritrea - um einen Hafen: 2024 hatte Äthiopien mit dem selbstverwalteten Gebiet Somaliland Vorabsprachen über eine Nutzung des dortigen Hafens in Berbera getroffen. Obwohl Somaliland schon seit Jahrzehnten autonom regiert wird, ist es bisher international (mit Ausnahme von Israel) nicht anerkannt. Somalia sah durch die Verhandlungen seine Souveränität verletzt, erst eine türkische Mediation konnte die Lage etwas beruhigen.
"All diese Nachbarländer sind der Ansicht, dass sie der von Äthiopien ausgehende Bedrohung gemeinsam begegnen müssen", folgert Sayed.

Ein Gipfeltreffen der vier Länder am vergangenen Sonntag und eine gemeinsame Abschlusserklärung sprechen Bände: Zwar wird Äthiopien nicht erwähnt, doch die Botschaft ist deutlich.
So betonen die Staatschefs die Bedeutung des Völkerrechts, "insbesondere die Achtung der Souveränität, Unabhängigkeit und territorialen Integrität der Staaten der Region". Und sie erklären, dass "die Verwaltung des Roten Meeres in der alleinigen Verantwortung der Anrainerstaaten liegt". Immerhin enthält die Erklärung auch ein Bekenntnis, "friedliche Lösungen für Konflikte" zu fördern. Doch die Realität vor Ort könnte dieses Bekenntnis schon bald obsolet machen.
Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.
Äthiopien und Eritrea: Der kalte Frieden
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