«Oktoberfest» – Zwischen Exzess und Kultur: Stefanie Sargnagels Bayernreise

«Oktoberfest» Zwischen Exzess und Kultur: Stefanie Sargnagels Bayernreise
Auf der Wiesn und in Bayreuth erkundet Autorin Stefanie Sargnagel den Ekel deutscher Festkultur. Ein Wimmelbild des Grauens.
17.08.2026, 08:12
Stefanie Sargnagel liebt das Grauslige und Massenevents. Was läge da näher als ein Besuch am Oktoberfest? 2019 reiste die Wiener Radikalautorin nach München und schrieb eine satirische Sozialstudie der bayerischen Lebensart, inklusive Suche nach dem Traumprinzen.
Immerhin sei das Oktoberfest ja nicht nur das grösste Volksfest, sondern auch «der grösste Fleischmarkt der Welt»: «Jede Bier- eine Samenbank.»
Sargnagel serviert sämtliche Wiesn-Klischees: Saufen, Kotzen, Grapschen und Schnackseln. Das ist erwartbar und trotzdem vergnüglich. Lustvoll steigt die Autorin hinab in die sexistischen und chauvinistischen Abgründe der Dirndlromantik:
«Hier hat man noch das vertraut Heimatliche: den zünftigen Charme reinrassiger Inzestgesichter auf fassförmigen Körpern, die jedem Unwetter standhalten.»
Die Reportage gleicht einem Wimmelbild des Grauens. Jederzeit kippt sie ins Surreale. Etwa, wenn ein Lokalpatriot stolz seine Tracht präsentiert, mit Knöpfen, geschnitzt aus den Fingerknochen des Urgrossvaters.
Warum Sargnagel nach Bayern reiste
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Die Berichte über München und Bayreuth beruhen auf Reportagen bzw. einem Theatertext, die Stefanie Sargnagel als Auftragswerke geschrieben hat.
2016 besuchte Sargnagel im Auftrag der «ZEIT» die Bayreuther Festspiele. Nach der Veröffentlichung erreichten die Zeitung dutzende empörte Leserbriefe. Einige davon veröffentlichte Sargnagel auf ihrer Facebook-Seite.
Im Nachwort zu ihrer Bayreuth-Reportage schreibt Sargnagel: «Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass meine harmlosen Essensbeschreibungen so ein Provokationspotenzial hatten.»
Ans Oktoberfest wurde Sargnagel von der Regisseurin Christina Tscharyiski geschickt. Im Herbst 2019 trieb sich Sargnagel zwei Wochen lang auf der Wiesn herum. Ihr Resümee wurde 2020 als Theaterstück am Münchner Volkstheater aufgeführt.
Herablassend ist der Ton nie, denn die Erzählerin taumelt mit durch die Bierzelte bis zum erlösenden Erbrechen, flankiert von anderen Betrunkenen, zu Füssen der Bavaria: «Wir bilden Formationen wie barocke Wasserspiele. Episch.»
So treffsicher ihre Beobachtungen sind, an die groteske Überzeichnung ihres Opernball-Berichts reicht die Wiesn-Reportage nicht heran. Überraschendes entdeckt Sargnagel am Oktoberfest kaum, abgesehen vom Flohzirkus in den Lederhosen ihres endlich gefundenen bayerischen Traumprinzen.
Bei den Wagner-Senioren
Das Buch ergänzt den Wiesn-Spaziergang um eine zweite Kulturreise: 2016 besuchte Sargnagel die Bayreuther Festspiele: Sekt statt Weissbier, Wagner statt Blasmusik.
Über Opernbesuche hat Sargnagel aber kaum etwas zu sagen. Lieber erkundet sie Bayreuth und zeichnet ein Soziogramm des Publikums. Ihr Urteil über Stadt und Zuschauer: praktisch tot.
Die Wagnerianer erscheinen als «Upperclass-Groupies» kurz vor dem Kreislaufkollaps und die Suche nach einer Alternativszene endet ernüchternd: «Als ich ‹Bayreuth alternativ› eingebe, kommt nur die örtliche AfD.»
Das Aufregendste sind unangenehmerweise die ständigen Begegnungen mit dem Führer himself. Bayreuths Nazi-Vergangenheit ist für die Satirikerin natürlich ein gefundenes Fressen.
Apropos Fressen: Fressorgien sind in Bayreuth die Hauptbeschäftigung. Dem Wagner-Fanatismus verweigert sich Sargnagel provokativ. Stattdessen verwandelt sie sich zwischen Kuchenbuffet und Sauerbraten innert weniger Tage in eine Rentnerin. Essen ist schliesslich der Sex des Alters.
Wann kommt die 1. August-Beleidigung?
Im Vergleich zu anderen Texten Sargnagels wirkt die Bayreuth-Reportage fast zahm. Trotzdem sollen 2016, nach der Erstveröffentlichung in der «ZEIT», wütende Leser ihr Abo der Wochenzeitung gekündigt haben.
Buchhinweis
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Stefanie Sargnagel: «Oktoberfest. Ein Spaziergang auf der Wiesn». Rowohlt Hundert Augen, 2026.
Zehn Jahre später geniessen Sargnagels Sozialsatiren Kultstatus. Von der Wienerin beleidigt zu werden, ist heute eine Auszeichnung – vergleichbar mit einer Attacke ihres Landsmanns Thomas Bernhard. Der Unterschied: Sargnagels Provokationen sind voller Herzlichkeit. Niemand beleidigt so menschenfreundlich wie sie.
Man wünscht sich einen Besuch der Autorin beim Sechseläuten, am Eidgenössischen Schwingfest oder an der 1.-August-Feier auf dem Rütli. Ein wenig Wiener Beleidigung würde der Schweiz gut stehen.
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