Deportation von Kindern nach Russland: Der Kreml will „kleine Russen“ aus ihnen machen

Tausende ukrainische Kinder wurden seit 2022 in Putins Reich deportiert. Ein Sachbuch zeichnet das Leid von vier Familien nach, die bis heute hoffen.
Foto: Artyom Geodakyan/imago
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Meduza öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den ganzen Beitrag finden Sie hier auf Russisch.
Seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine wurden Tausende Kinder aus der Ukraine tief ins Innere Russlands deportiert. In welchem Ausmaß, zeigen die russische Journalistin Nina Nasarowa und ihr ukrainischer Kollege Swjatoslaw Chomenko in ihrem Buch „Gestohlene Kindheit. Wie Russland ukrainische Kinder entführt – und wie die Ukrainer sie nach Hause zurückholen“. Es ist kürzlich im Meduza-eigenen Verlag erschienen und wurde unter anderem von der StraightForward Foundation mitfinanziert.
Den Autor:innen gelang es, Kontakt zu einigen Familien aufzunehmen, die durch den Krieg voneinander getrennt worden waren. Aus diesen Gesprächen entstand die Idee zu dem Buch. Darin beschreiben Nasarowa und Chomenko ausführlich vier unterschiedliche Szenarien, nach denen die rechtswidrige Deportation ukrainischer Kinder ablief.
Eine der Protagonistinnen ist die 14-jährige Veronika aus der Region Charkiw. Am Abend vor der Invasion verabschiedete sich ihre Mutter Nina von ihr, um in Charkiw nach ihrem kleinen Geschäft zu sehen. Sie versprach ihrer Tochter, „am nächsten Tag gegen Mittag zurückzukommen“. Es sollte ein ganz gewöhnlicher Besuch werden, wie so viele zuvor.
Veronika entschied sich dazu, die Nacht bei ihrer Tante Tatjana und ihrer Familie im Nachbardorf zu verbringen. So konnte sie Zeit mit ihren Cousinen verbringen, statt allein zu Hause zu bleiben. Doch aus diesem scheinbar alltäglichen Abschied wurde eine folgenschwere Trennung. Ninas Tochter wurde nach Russland deportiert.
Russland ist stolz auf die Deportationen
„Unser Buch versucht, den juristischen Begriff der ‚rechtswidrigen Deportation‘ in menschliche Schicksale zu übersetzen“, sagt Nina Nasarowa im Gespräch mit Meduza. „Es erzählt die Geschichten von vier Familien und beschreibt vier sehr unterschiedliche Wege, auf denen Kinder von ihren Angehörigen getrennt wurden – und wie schwierig, manchmal sogar unmöglich ihre Rückkehr nach Hause war.“
Die Idee zu dem Buch entstand im April 2022, als die russische Journalistin Nina Nasarowa beruflich eine live auf Youtube übertragene Konferenz russischer Regierungsvertreter verfolgte. Was sie dort hörte, erschütterte sie zutiefst: Zum ersten Mal räumten russische Behördenvertreter öffentlich ein, „Tausende ukrainische Kinder nach Russland gebracht zu haben, darunter auch Kinder aus Städten, die kurz zuvor von der russischen Armee zerstört worden waren“.
Schon ein Jahr bevor der Internationale Strafgerichtshof im März 2023 Haftbefehle gegen Wladimir Putin und Maria Lwowa-Belowa wegen des Verdachts der rechtswidrigen Deportation ukrainischer Kinder erließ, hatte Nasarowa erkannt: Das Schicksal dieser Kinder wird zu einem der zentralen Themen des Krieges.
„Russische Regierungsvertreter zeigten sich geradezu stolz darauf, dass ihr Staat Tausende ukrainische Kinder nach Russland brachte, ihnen neue Namen gab, neue Familien für sie suchte und anschließend mithilfe eigens ausgearbeiteter Lehrmaterialien versuchte, aus kleinen Ukrainern kleine Russen zu machen“, sagt Swjatoslaw Chomenko, der ukrainische Co-Autor des Buches.
Die Geschichte, die die beiden Journalist:innen in diesem Buch erzählen, hat kein Happy End: „Russland hat Hunderten ukrainischen Kindern das Leben genommen und Tausenden ukrainischen Jungen und Mädchen ihre Kindheit geraubt. Und noch immer, während ich diese Zeilen schreibe, hält Russland Tausende ukrainische Kinder auf seinem Staatsgebiet fest“, sagt Chomenko.
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