Sadismus in Social Media – Selbstverletzungen bis Suizid: Peiniger ködern Kinder online

Es sind schwer ertragbare Abgründe: Mädchen, die sich die Namen ihrer Peiniger in die Beine schneiden und sich dabei filmen. Solche Aufnahmen gelten den Tätern als Trophäen – die ihr Ansehen innerhalb ihrer Gruppierung steigern. Je brutaler, desto höher der Status: Bis zum Suizid – teils online live übertragen.
Behörden weltweit warnen vermehrt vor diesem Phänomen, das sie als «nihilistischen Extremismus» beschreiben. Nihilismus, weil die Täter keine Ideologie verfolgen und Gewalt das einzige Ziel scheint. Seit 2020 haben sich internationale Netzwerke gebildet. Sie tragen Namen wie «The Com», «764» oder «1414».
«The Com» steht für Community (Gemeinschaft), ein Oberbegriff für verschiedene Gruppen. Manche propagieren physische Gewalt, weitere nötigen zu sexuellem Missbrauch. «764» gilt als Untergruppe, die Bezeichnung geht auf die Postleitzahl des Wohnorts des Gründers in den USA zurück. Laut Behörden taucht in der Schweiz auch «1414» auf. Dies dürfte ein rechtsextrem geprägter Code sein.
Fedpol: «Die Täter gehen perfide vor, sie sind auf Instagram oder Snapchat»
Nach Recherchen von SRF und des «Tages-Anzeigers» bestätigt das Bundesamt für Polizei Fedpol: Ermittlungen in der Schweiz hätten zwanzig Fälle ans Licht gefördert, wobei das wohl erst der Anfang sei. Fedpol-Mediensprecherin Berina Repesa sagt, es handle sich zu zwei Dritteln um Opfer, Mädchen zwischen 12 und 18, und ein Drittel seien Täter, diese seien etwas älter, viele noch minderjährig. Alle Sprachregionen seien betroffen, so das Fedpol weiter. Weil bei vielen Opfern und Tätern Bezüge ins Ausland bestehen, fungiert das Fedpol als Koordinations- und Analysestelle. Die einzelnen Strafverfahren würden in den Kantonen geführt.
Jugendanwaltschaft Zürich behandelt verschiedene Fälle
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In den Schweizer Fällen wird gemäss Fedpol wegen verschiedener Tatbestände ermittelt: Nötigung, Verleumdung, Beihilfe zu Suizid, schwere Körperverletzung, Verbreitung illegaler Pornographie, sexuelle Handlungen mit Kindern.
Welche Kantone betroffen sind, teilt das Fedpol nicht mit. Auf Anfrage von SRF bestätigen mehrere Kantone Verfahren: Basel-Landschaft bearbeitet Fälle mit Bezug zum Netzwerk 764, wie die Polizei schreibt.
Im Kanton Zürich bestätigt die Oberjugendanwaltschaft, man kenne Opfer, die zu Selbstverletzungen wie Einritzen von User- oder Gruppennamen genötigt worden seien, zum Erstellen von pornografischen Bildern von sich oder auch zum Suizid aufgerufen worden seien.
Die Opfer werden unter anderem durch sogenanntes «Swatting» unter Druck gesetzt. Der Begriff geht auf das amerikanische «Swat» zurück, Spezialkräfte der Polizei. Bei Swatting wird per Notruf ein Polizeieinsatz bei einem Opfer provoziert.
Die genaue Anzahl der Betroffenen kommuniziert die Oberjugendanwaltschaft nicht. Es handele sich mehrheitlich um weibliche minderjährige Opfer. Die Ermittlung der Täterschaft erfolgt in Zusammenarbeit mit Behörden im In- und Ausland.
Die Taten seien unter anderem dank Aufmerksamkeit im persönlichen Umfeld der Opfer zur Anzeige gebracht worden, so die Oberjugendanwaltschaft. Bekannte hätten die Strafverfolgungsbehörden eingeschaltet, woraufhin strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet wurden. Die Opfer werden psychologisch betreut.
«Die Täter gehen perfide vor, sie bewegen sich meist auf klassischen Plattformen», erklärt Repesa das Vorgehen weiter. Sie würden Freundschaften, teils Liebesbeziehungen, vorgaukeln. In dieser Phase sammeln sie persönliche Informationen: Namen von Freunden, der Schule, Angaben über die Eltern und fragen nach Fotos. Manche Täter legen «Lore Books» an, das sind detaillierte Akten über ihre Opfer. Teilweise werden diese in den Netzwerken ausgetauscht – Material, mit dem später zu immer brutaleren Handlungen genötigt wird.
Wo man sich Hilfe holen kann
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Das Bundesamt für Polizei weist darauf hin, dass sich Eltern bei Verdacht jederzeit via Notruf an die Polizei wenden könnten.
Zudem gibt es verschiedene Beratungsangebote:
Später fordern die Täter Nacktbilder, Videos von sexuellen Handlungen und verlangen das Einritzen ihres User-Namens. In Fällen im Ausland sollten die Opfer ihre Haustiere quälen oder töten, Passanten mit dem Messer töten oder ihren eigenen Suizid filmen.
Terroristen werden in Netzwerken als «Heilige» verklärt
Die Schweizer Fälle sind oft mit dem Netzwerk «764» verbunden, die Dynamik sei hoch, so das Fedpol. Täter würden immer wieder neue Accounts anlegen, seien in verschiedenen Untergruppen aktiv und würden teils sehr viel Zeit investieren, um reihenweise Opfer anzuschreiben – bis jemand hängenbleibt.
Weltweite Warnungen
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Mehrere europäische Länder sind diesen Sommer gegen die IT-Infrastruktur des nihilistischen Netzwerks «The Com» vorgegangen. Gemäss Europol, das die Aktion koordiniert hat, wurden über 4000 Websites identifiziert. Inhalte wie Selbstverletzung, Suizide, sexueller Kindesmissbrauch, Tierquälerei und gewalttätige Angriffe seien festgestellt worden.
Im Netzwerk würden sogenannte «Blood Walls» (Blutwände – Schriften oder Zeichnungen mit Blut) oder «Cut Signs» (Schnittwunden mit Namen) teilweise als «Eintrittskriterium» gefordert, so Europol. «The Com» habe sich zu einer weltweiten Bedrohung entwickelt. Manche Untergruppen oder Mitglieder würden gezielt versuchen, die gesellschaftlichen Strukturen zu stören.
Die kanadischen Behörden führen «764» in der Liste von terroristischen Gruppen. Das FBI in den USA beschreibt «gewalttätigen nihilistischen Extremismus» als wachsende Bedrohung. Auch in den Niederlanden, Belgien oder Australien warnen Sicherheitsbehörden vor dem Phänomen.
In den Netzwerken wird auch Propagandamaterial verbreitet. Rechtsterroristen wie jene von Christchurch oder Norwegen werden als «Saints» (Heilige) verklärt – nicht der Ideologie, sondern der Taten wegen. Teils sind Überlappungen mit dem rechtsextremen «Akzelerationismus» festzustellen, einer Ideologie, wonach der Zerfall der demokratischen Gesellschaften mittels Anschlägen und Bürgerkrieg provoziert werden müsse. Zudem gibt es Täter, die schwanken, etwa zwischen islamistischen Terrorkreisen und dem Nihilismus.
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