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Tuesday, September 22, 2026

Raus aus der Armutsfalle: Wie eine Toggenburgerin ohne Computer ums Überleben kämpft

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  • Autorin Natalie Isch schreibt Roman ohne Computer, jetzt mit Laptop digitalisiert
  • SOS Beobachter vermittelte Laptop, Verlag zeigt Interesse trotz finanzieller Hürden
  • Ihre Geschichte umfasst 200 handgeschriebene Seiten, Sozialhilfe seit 2024 erhalten

Jasmine Helbling und Daniel Benz

Der Text auf dem Hüslipapier sieht aus, als wäre er mit einem Computer geschrieben worden. Regelmässig und schnurgerade, die Schriftart könnte Calibri kursiv sein. Das ist nicht ohne Ironie. Denn Natalie Isch besass bis vor kurzem keinen Computer. Zu teuer für die Sozialhilfebezügerin aus Brunnadern im Toggenburg.

Deshalb hat die 51-Jährige den Roman «Purple Desert» – ihren Erstling – von Hand geschrieben, über 200 A4-Seiten. Die Science-Fiction-Geschichte spielt in der fernen Zukunft. Die Erde ist verwüstet, doch einige Menschen flüchten über eine versteckte Raumstation in ein neues Universum. Sie erklärt: «Damit die Details stimmen, habe ich lange recherchiert.» Auf dem Handy.

Ein Abo, das doppelt hilft

Der Beobachter verschenkt 1000 Solidaritätsabos. Ein Abo für dich, ein Solidaritätsabo für jemanden, der Unterstützung braucht. Für jedes neue Jahresabo verschenkt der Beobachter ein Abo an eine Person in einer schwierigen Lebenslage – inklusive Zugang zur Rechtsberatung. Das Ziel: 1000 Menschen helfen. Mach mit und hilf doppelt. 

Der Beobachter verschenkt 1000 Solidaritätsabos. Ein Abo für dich, ein Solidaritätsabo für jemanden, der Unterstützung braucht. Für jedes neue Jahresabo verschenkt der Beobachter ein Abo an eine Person in einer schwierigen Lebenslage – inklusive Zugang zur Rechtsberatung. Das Ziel: 1000 Menschen helfen. Mach mit und hilf doppelt. 

Die erste Zeile ihrer Story brachte Natalie Isch vor zwei Jahren aufs Papier. «Ich hatte einen Tisch, einen Notizblock und einen fast leeren Kühlschrank», erinnert sie sich an die Anfänge. Von Hand schreiben zu müssen, kam ihr nicht einmal ungelegen. «Ich bin konzentrierter so, finde leichter die Inspiration, um die Geschichte voranzutreiben.» Erwünschte Nebenwirkung: «Es hat mir geholfen, meine Krisen zu bewältigen.»

Durch Rückschläge in die Armut

Ischs Leben ist ein Auf und Ab. Anfangs ist alles auf Kurs: Matur, Studium, Deutschlehrerin für Fremdsprachige, Heirat. Mit Jobverlust und Scheidung beginnen die Brüche. Sie muss wegen Depressionen in die Klinik. Später folgt sie dem Vater ins Toggenburg, um ihn jahrelang zu pflegen, bis zu seinem Tod. Die Dauerbelastung führt zu weiteren gesundheitlichen Rückschlägen. Sie mogelt sich durch, wenn auch mehr schlecht als recht.

Artikel aus dem «Beobachter»

Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.

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«Reiss dich zusammen», das sei immer ihr Motto gewesen. «Aber irgendwann musste ich mir eingestehen: Es geht nicht mehr.» Die IV anerkennt eine verbleibende Arbeitsfähigkeit von noch 20 Prozent. Seit 2024 bezieht sie Sozialhilfe, um über die Runden zu kommen.

SOS Beobachter ermöglicht den Feinschliff

Das Schreiben sorgt in dieser Situation für Halt und ist zugleich ihr Antrieb. Die Richtung scheint zu stimmen: Isch hat das handschriftliche Manuskript einem Verlag geschickt – und prompt ein Vertragsangebot bekommen. Noch ist die Sache in der Schwebe. Denn die Autorin müsste zuerst eigenes Geld einschiessen, doch den nötigen Betrag kann sie nicht aufbringen.

Klar ist auch: Der Romanstoff braucht noch einen Feinschliff. Ohne Computer ist eine solche Bearbeitung definitiv nicht zu schaffen. Die Stiftung SOS Beobachter hat das Dilemma gelöst und Natalie Isch einen Laptop vermittelt. «Eine riesige Hilfe», sagt sie.

Derzeit ist die Autorin daran, den bestehenden Text zu digitalisieren. Gleichzeitig schreibt sie bereits an der Fortsetzung ihrer Geschichte. Die positive Rückmeldung des Buchverlags auf Teil eins hat ihr Selbstvertrauen gestärkt: «Ich mache etwas, das anderen Leuten gefällt. Das tut gut.»

Wer nicht mithält, wird abgehängt

Natalie Isch schreibt Bücher von Hand. Andere kaufen ihr Zugticket am Automaten am Bahnhof oder erledigen Bankgeschäfte am Schalter. Analoge Handlungen, die in einer digitalen Welt seltener werden. Auf der anderen Seite sind Videocalls, Online-Bewerbungen und digitales Bezahlen längst selbstverständlich. Die Kehrseite des technischen Komforts: Wer mit dem Wandel nicht Schritt hält, steht schnell im Abseits.

Besonders betroffen sind Menschen mit niedriger Bildung, gesundheitlichen Einschränkungen, Senioren und Personen mit kleinem Budget. Für sie wird der digitale Graben zur sozialen Falle, wie eine Studie der Berner Fachhochschule zeigt. Wer sich Hilfsmittel wie einen Laptop nicht leisten kann, droht den Anschluss zu verlieren – an Bildung, an den Arbeits- und den Wohnungsmarkt. Und letztlich an die Gesellschaft.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Digitale Angebote werden von und für Menschen entwickelt, die Geld und technisches Wissen haben. Wer nicht zur zahlungskräftigen Zielgruppe gehört, fällt durchs Raster. Armut ist also die Ursache für den Ausschluss und gleichzeitig dessen Folge.

Ein Tor zur Welt

Deshalb sagt die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) klar: Der Zugang zum Digitalen gehört heute zur Grundversorgung. Wer sich eine «bescheidene IT-Grundausstattung» nicht leisten kann, soll durch die Sozialhilfe unterstützt werden. Nur: Die Empfehlungen der Skos sind nicht bindend für Gemeinden und Kantone.

Dabei kann der Zugang zum Netz viel bewirken: Infos, Hilfe und günstige Angebote sind schnell gefunden. Und wer online ist, bleibt erreichbar – und gehört dazu. Diese Erfahrung hat auch Pascal Bassi gemacht. Seit einem Unfall vor 20 Jahren lebt er von einer vollen IV-Rente. Heute hilft ihm ein Laptop, den Alltag zu bewältigen. Doch der Weg dahin war lang.

Jahrelang kümmerte er sich um den Haushalt und die vier Kinder seiner Partnerin, bis diese bei einem Unfall starb. «Zum Verlust kamen Geldsorgen», erinnert sich der heute 47-Jährige. Er verlor sein Zuhause und kassierte bei der Wohnungssuche Absage um Absage.

Laptop verhindert Überforderung

Bassi weitete seinen Suchradius auf die ganze Schweiz aus, stand bei Besichtigungen aber oft mit Hunderten an. «Wer entscheidet sich schon für den IV-Rentner?» Sieben Monate war er obdachlos, schlief bei Freunden oder in billigen Hotels.

Schliesslich klappte es in Thun. Hier ist jetzt sein soziales Netz, hier fühlt er sich wohl. Das ist wichtig, denn Pascal Bassi hat ausgeprägtes ADHS – Lärm und Menschenmassen bedeuten Stress. Damit er diese Überforderung umgehen kann, finanzierte ihm SOS Beobachter einen Laptop. Seither sucht er Kleidung und Möbel online. «Über Tauschbörsen und Foren ist das ohnehin viel günstiger», sagt er.

Ein schöner Nebeneffekt: Er lernt über den Laptop neue Menschen kennen und bleibt mit Freunden in Kontakt. «Vielen ist gar nicht bewusst, wie abhängig wir vom Netz sind», sagt er. Im neuen Zuhause kommt Bassi nun zur Ruhe. «Gerade habe ich günstige Bücherregale gefunden, und ein Freund hat mir ein Sofa geschenkt. Das ist eine grosse Erleichterung nach Monaten, in denen ich nur meine Sporttasche hatte.» Jetzt fehle ihm nur noch eines: eine neue Liebe.

Neue Chance dank gebrauchten Laptops

Pascal Bassis Laptop kommt wie jener der Science-Fiction-Autorin Natalie Isch aus der Werkstatt von «Wir lernen weiter». Das Hilfswerk aus dem Aargau hat sich der Mission verschrieben, IT für alle zu ermöglichen. Es sammelt ausgediente Laptops, bereitet sie neu auf und gibt sie an Menschen mit kleinem Budget weiter.

In den sechs Jahren seines Bestehens hat der Verein über 21’000 Geräte vor der Verschrottung bewahrt und als Hilfsmittel zur digitalen Teilhabe nutzbar gemacht. Die Nachfrage steigt, und Gründer und Geschäftsleiter Tobias Schär stellt fest: «Unsere Arbeit wird immer sichtbarer, weil sie nachweislich zentral für die Integrationsfähigkeit einer armutsbetroffenen Person ist.»

Die Organisation arbeitet mit Sozialämtern in mehr als der Hälfte aller Schweizer Gemeinden zusammen, hinzu kommen die grossen Hilfswerke im Working-Poor-Bereich. Als allererste Partnerin des Vereins ist die Stiftung SOS Beobachter seit 2020 im Boot. «Eine bewährte und für uns sehr praktische Kooperation», sagt Geschäftsleiter Beat Handschin.

Genehmigt die Stiftung ein Unterstützungsgesuch für einen Laptop, erfolgt eine Bestellung bei «Wir lernen weiter». Dort wird das Gerät neu aufgesetzt und direkt an die unterstützte Person ausgeliefert. Dafür übernimmt die Stiftung den Unkostenbeitrag von 265 Franken. Es ist der einzige Bereich, in dem SOS Beobachter – indirekt – mit Ware hilft, nicht mit Geld.

Körper und Psyche streikten

Auch Rainer Berchtold besitzt jetzt einen Laptop. Dabei war der 65-Jährige sein ganzes Berufsleben lang analog unterwegs. Nach der Lehre im Buffet des Zürcher Hauptbahnhofs blieb er der Gastronomie treu. Er bediente in Restaurants, in SBB-Speisewagen, in einer verruchten Bar und auf einem Campingplatz. Das ging lange gut, obwohl der gebürtige Aargauer seit seinem 24. Lebensjahr mit Depressionen kämpft.

«Ich habe mir nichts anmerken lassen und wollte immer arbeiten», sagt er. Bis es nicht mehr ging. Die psychischen Probleme wurden schlimmer, schliesslich streikte auch der Körper: Hinzu kamen die Lungenerkrankung COPD, Schlafapnoe, ein Bandscheibenvorfall und Durchblutungsstörungen in den Beinen. Die Folge war eine 70-prozentige IV-Rente. Finanziell kam er damit kaum durch – und die Gastronomie fehlte ihm sofort. Über ein Eingliederungsprogramm fand er zur Stiftung Pfarrer Sieber und arbeitete bis zur Pensionierung im Bistro Suneboge.

Ohne Laptop keine Kommunikation

Während die Depressionen in Wellen kommen und gehen, bleiben die körperlichen Beschwerden. Eigentlich fühlt sich Rainer Berchtold in seiner begleiteten Wohngemeinschaft sehr wohl, doch die Architektur passt nicht mehr: «Wir leben im zweiten Stock, und die Holztreppen sind mühsam. Auch in die Badewanne komme ich nur schwer.»

Deshalb meldete er sich mit 58 Jahren auf einer Plattform für Alterswohnungen an. Mit dem Handy stiess er schnell an Grenzen: «Ich sollte Arztzeugnisse, den Betreibungsregisterauszug und Belege für Zusatzleistungen hochladen. Die ganze Kommunikation lief online.» Heute ist das dank des neuen Laptops kein Problem mehr. Zumindest technisch, denn die Suche an sich bleibt harzig. «Die Wohnungen sind extrem begehrt», sagt Berchtold. «Aber ich gebe nicht auf.»

Die technischen Geräte lösen zwar keine Geldsorgen, aber sie sichern Natalie Isch, Pascal Bassi und Rainer Berchtold den Anschluss an die digitale Welt – ob beim Verfassen eines Romans, beim Finden günstiger Möbel oder bei der Wohnungssuche.

Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 27. Juni 2026 veröffentlicht. 

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