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Friday, September 11, 2026

25 Jahre nach Terroranschlag – 9/11 als Wendepunkt moderner Verschwörungsmythen

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Als zwei Passagierflugzeuge in die Twin Towers des World Trade Centers flogen, war dies so unglaublich, dass kurz darauf bereits die ersten Verschwörungserzählungen kursierten: Die Türme seien gesprengt worden.

Ins Pentagon sei nicht ein Flugzeug, sondern eine Rakete geflogen. Das Ganze sei ein «Inside-Job» der US-Regierung gewesen, um einen Krieg im Nahen Osten zu legitimieren.

Rasante Verbreitung dank neuer Medien

Einfache Erklärungen für komplexe, chaotische Ereignisse: Das ist das Erfolgsrezept von Verschwörungserzählungen. Es gibt sie zur Ermordung von John F. Kennedy, zur Mondlandung, zu Watergate. «In den USA waren die Verschwörungstheorien zu 9/11 nicht populärer als andere», sagt Professor Michael Butter, der an der Universität Thüringen zu Verschwörungstheorien forscht.

Menschen halten Schilder bei einer Versammlung hoch.
Legende: Demonstrierende stehen im September 2011, am 10. Jahrestag der Anschläge, vor dem Ground Zero und wollen von der Regierung «die Wahrheit» über 9/11 wissen. IMAGO/UPI Photo

Aber: In Europa wurden sie stärker wahrgenommen. Denn dank des damals noch recht neuen Internets verbreiteten sich die Geschichten rund um 9/11 rasant. Zunächst in Europa als Ausdruck antiamerikanischer Ressentiments. Dann auch in den USA selbst, als sich der Krieg im Nahen Osten in die Länge zog.

9/11 als Ende einer Ära

Kulturhistoriker Michael Butter sagt: 9/11 war nicht der Beginn, sondern das Ende einer Entwicklung. Denn ein Blick in die Geschichte der Verschwörungserzählungen zeigt: Jahrhundertelang gehörten sie zur gesellschaftlichen Normalität.

«Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts glaubte jeder US-Präsident an eine Verschwörungstheorie», sagt Michael Butter. Das änderte sich im Nachgang des Zweiten Weltkriegs, der gezeigt hatte, welche zerstörerische Kraft Verschwörungsmythen entfalten konnten. Verschwörungserzählungen wurden stigmatisiert und marginalisiert.

Das zeigte sich auch nach den Terroranschlägen vom 11. September: Das gesamte Establishment in den USA habe diese Verschwörungserzählungen verurteilt, egal ob Republikanerin oder Demokrat, so Michael Butter. Es sollte das letzte Mal gewesen sein.

Verschwörungstheorien – eine kleine Einführung

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Verschwörungserzählungen zugrunde liegen drei Überzeugungen:

  • Nichts ist, wie es scheint.
  • Alles hängt zusammen.
  • Es gibt keine Zufälle.

Besonders anfällig für solche Erzählungen sind Menschen, die das Gefühl haben, die Kontrolle in ihrem Leben zu verlieren. Menschen, die befürchten, kulturell und wirtschaftlich abgehängt zu werden.

Viele Jahrhunderte lang waren Verschwörungstheorien weit verbreitet, auch unter den Eliten. Meist ging es darin um Bedrohungen von aussen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und den Erfahrungen mit Nationalsozialismus und Faschismus wurden sie stigmatisiert und marginalisiert. Gerade in den USA waren sie aber stets Teil der Hoch- und der Populärkultur.

Seit 2008 verbreiten einflussreiche republikanische Politikerinnen und Politiker wieder regelmässig Verschwörungsmythen – angefangen bei der Lüge, Barack Obama sei nicht in den USA geboren, bis hin zur Behauptung Donald Trumps, er habe 2020 die Wahl gegen Joe Biden gewonnen. In den USA sind Verschwörungserzählungen damit erneut salonfähig geworden.

Nicht jede Verschwörungserzählung sei demokratiefeindlich

Ist das eine Gefahr für die Demokratie? Gerade populistische Politikerinnen und Politiker mit autokratischen Zügen verbreiten gerne Verschwörungsmythen.

Dennoch sagt Forscher Michael Butter, nicht jede Verschwörungserzählung sei demokratiefeindlich. Wenn diese aber menschenverachtende, also beispielsweise queerfeindliche, rassistische oder antisemitische Vorurteile beinhalteten, dann seien sie gefährlich. Allerdings betont Butter: «Es glauben heute nicht mehr Menschen an Verschwörungstheorien als früher.»

Nicht mehr Anhänger also, aber mehr Beachtung. So lässt sich die Veränderung im Umgang mit Verschwörungsmythen seit den Terroranschlägen beschreiben. Mit ihrer alarmistischen Interpretation der Ereignisse passen die Verschwörungserzählungen gut in eine weitere Entwicklung, die seit dem 11. September in den USA zu beobachten ist: die Entstehung einer sogenannten «Wachsamkeitskultur».

Der Begriff stammt von Historiker Arndt Brendecke, der an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Forschungsprojekt zum Thema leitet.

Soziale Überwachung als Bürgerpflicht

Kurz nach den Anschlägen lancierte die US-Regierung die Kampagne «See something, say something». Wem etwas Verdächtiges auffalle, solle das melden. Wachsam zu sein, wurde zur Bürgerpflicht.

Die Kampagne kam an, gab den Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl, etwas zur Sicherheit beitragen zu können. Aber: «Die Kampagne war absichtlich sehr offen gehalten. Das führte dazu, dass alles Mögliche verdächtigt wurde. Sie schürte zudem Ängste und Vorurteile», sagt Arndt Brendecke. Zu spüren bekamen dies vor allem Musliminnen und Muslime.

Soziale Kontrolle hat Vorteile

Solche «Wachsamkeitskulturen» gab es immer wieder in der Menschheitsgeschichte, erläutert Historiker Arndt Brendecke. Wachsamkeit erfüllt einen gesellschaftlichen Zweck. Sie hilft etwa, Regeln und Moralvorstellungen zu definieren und durchzusetzen. Wer sich nicht daran hält, wird geächtet und denunziert.

Wir können nicht dauernd auf alles aufmerksam sein.

Was passiert, wenn keiner wachsam ist, zeigt der Missbrauchsskandal der Kirchen. Viel zu lange wurde hier weggeschaut, was die sexualisierte Gewalt erst ermöglichte.

Diskussion statt Denunziation

Wachsam zu sein, hat also Vorteile, kann aber auch überfordern, gerade in der heutigen Gesellschaft mit ihren vielen Kriegen und Krisen. Trotzdem: «Wir sollten über eine Entlastung nachdenken», sagt Historiker Arndt Brendecke. «Wir können nicht dauernd auf alles aufmerksam sein.»

Er plädiert dafür, dass gesellschaftlich darüber debattiert wird, wer wo hinschauen soll – oder eben nicht. «Diese Debatte wird zurzeit noch zu wenig geführt», sagt der Professor.

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