Nein, in deiner Wasserflasche leben keine Mini-Quallen

«Was für ein Organismus ist das?», fragt eine Userin unter einem Video, in dem quallenartige Tierchen in einer Wasserflasche zu sehen sind. «Wissenschaft ist so cool. Aber woraus sind die gewachsen?», will eine andere wissen. Ein weiterer User scherzt: «Wie lange hast du die Flasche stehen lassen, damit sie sich entwickeln konnten?» In den Kommentaren zum Video findet sich auch gleich die vermeintliche Antwort: Hydroids, auf Deutsch Hydrozoen.
Viele User sorgen sich jetzt, dass in ihren alten Wasserflaschen plötzlich winzige Baby-Quallen herumschwimmen. Diese Sorge ist aber unbegründet: Die Videos sind entweder gestellt, die Tiere also echt, aber nachträglich und absichtlich in die Flasche gefüllt, oder sie sind mit KI erstellt.
Der Account, der den Clip gepostet hat, hat noch eine ganze Reihe ähnlicher Aufnahmen – gleich zweimal will der Ersteller angeblich ähnliche Lebensformen in einer alten Parfümflasche gefunden haben. Ein weiteres Video zeigt andere Tierchen in einer Flasche, aber mit der genau gleichen Beschreibung.
Was sind Hydrozoen?
Hydrozoen sind eine Klasse der Nesseltiere; zu diesem Stamm gehören auch Korallen sowie andere Quallengruppen. Bei vielen Hydrozoen folgt auf ein festsitzendes Polypenstadium eine freischwimmende Meduse – die typische, glockenförmige Qualle. Andere Arten haben keinen solchen Lebenszyklus.
Können die aus den Bakterien entstehen, die aus meinem Mund in die Wasserflasche gelangen?
Nein. Mundbakterien werden nicht zu kleinen Quallen. Aber: Grundsätzlich kann in benutzten Wasserflaschen so etwas wie Leben entstehen, wie der Mikrobiologe Peter Iwen von der University of Nebraska Medical Center erklärt: Beim Trinken gelangt Speichel zurück in die Flasche und die darin enthaltene Flüssigkeit. Er bringe Mikroorganismen mit und liefere zugleich Nährstoffe, durch die sie sich vermehren können.
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Wie lange dauert das?
Das kann schnell gehen. In einer Studie stieg die Zahl kultivierbarer Bakterien in einmal benutztem Flaschenwasser bei 37 Grad innerhalb von 48 Stunden von weniger als einer auf 38’000 Kolonien pro Milliliter. Die Mikrobiologin Primrose Freestone von der University of Leicester schreibt im «BBC Science Focus», ein Teil der Keime komme aus dem Wasser selbst, der grösste Teil aber von der Person, die daraus trinkt. Mit jedem Schluck gelangen weitere Mundbakterien in die Flasche. Auch Schimmel und bakterielle Beläge können sich dort ansammeln – aber nicht zu Quallen werden.
Also ist es unmöglich, dass diese Videos echt sind?
Jein. Theoretisch könnte ein echtes Hydrozoen-Stadium in einer Flasche weiterleben, wenn vorher bereits ein Polyp oder eine Larve hineingelangt ist. Wahrscheinlicher ist, dass die Tiere für das Video in die Flasche gefüllt wurden. «Normales Trinkwasser lässt nie Hydrozoen entstehen», sagt auch Mikrobiologe Tim in einem Video. Er erklärt weiter, dass Hydrozoen in einer alten Wasserflasche gar nicht überleben würden. «Glaubt nicht alles, was ihr im Internet seht!»
Hast du schon mal eine Flasche irgendwo vergessen und dann fragwürdige Lebensformen darin gefunden?
Meret Steiger (mst), arbeitet seit 2016 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Living und Auto & Mobilität und berichtet über Wohnen, Einrichten und Architektur.
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