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Friday, October 30, 2026

Constantin Schreiber und Azhari TV: Die Spur führt in die Emirate

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Constantin Schreiber moderiert eine Islam-Talkshow in Ägypten. Sein Sender hat Verbindungen in die Emirate, über die Schreiber seit Langem positiv berichtet.

Gleich zu Beginn nimmt Constantin Schreiber den Vorwurf vorweg: „Ich sag das gleich am Anfang, weil es vermutlich auch sofort wieder kommen wird“, sagt er in die Kamera, „die Frage, wirst du dafür bezahlt? Nein, werde ich nicht.“ Er spreche nicht im Auftrag der Emirate, habe „keinen Werbevertrag“ und keinen Auftrag, das Land besonders günstig darzustellen.

Was folgt, sind gut 18 Minuten, in denen er genau das tut. „Warum Deutschland die Emirate braucht“, heißt das Video, das Schreiber am 9. September 2026 auf seinem Youtube-Kanal veröffentlicht. Anlass ist der Staatsbesuch des emiratischen Präsidenten Mohamed bin Zayed in Deutschland, bei dem die Emirate Investitionen von 40 Milliarden Euro zusagen.

Scheich Mohammed, sagt Schreiber, habe „Führungsstärke gezeigt, die weit über die unmittelbare Region hinausreicht“. Die Emirate gehörten zu den Kräften in der Region, „die wir als Deutschland und als Europa stärken sollten“.

Sechs Wochen später wird bekannt, wohin Schreibers Weg nach Axel Springer führt, wo er zum Jahresende aufhört. Ab Mitte Januar 2027 moderiert er zweimal im Monat die Sendung „Islam Talk“ beim ägyptischen Religionssender Azhari TV, auf Arabisch, mit Gelehrten, Imamen, Rabbinern und christlichen Vertretern

Der Sender wolle „eine lebendige und kritische Debatte über den Islam und insbesondere den Bezug zum Westen fördern“, sagt Schreiber der SZ. Mit den Verantwortlichen teile er die Sorge, dass in Europa „konservative bis extremistische muslimische Organisationen die Deutungshoheit in muslimischen Communitys gewinnen“.

Das Umfeld des Herrscherhauses

Wer diese Verantwortlichen sind, sagt Schreiber nicht. Die Geschichte von Azhari TV und seinen Haupteignern führt jedoch nach Abu Dhabi in das Umfeld des Herrscherhauses – jenes Landes, für das Schreiber immer wieder positive Worte findet und das in seiner Berichterstattung über den Nahen Osten als vermeintlicher Partner gegen Extremismus und für Stabilität auftaucht.

Gegründet wurde Azhari TV im Jahr 2009 von dem libyschen Ölunternehmer Hassan Tatanaki. Nach Recherchen des Journalistennetzwerks OCCRP führte Tatanaki 2014 seine Geschäfte aus einem Büro in Dubai und ist im Besitz eines emiratischen Passes. Seit seiner Studienzeit pflegt er Kontakte zur emiratischen Herrscherfamilie. In den „Paradise Papers“ taucht Tatanaki bereits 2003 als Mitdirektor einer Bermudafirma auf, neben einem späteren Berater Mohammed bin Zayeds.

Öffentlich zugängliche Angaben zur heutigen Eigentümerstruktur gibt es nicht. Eine Auskunft liefern ägyptische Zeitungen, die über das Ergebnis eines langjährigen Rechtsstreits zwischen Tatanaki und den anderen Anteilseignern berichten. Diesen Rechtsstreit entschied ein Gericht im Jahr 2016. Dabei verlor Tatanaki die 60-prozentigen Anteile, die er per Gründungsvertrag hatte.

Anschließend geriet der Sender in die Hände eines zweiten Mannes, der ebenfalls dem Herrscherhaus von Abu Dhabi nahesteht: des emiratischen Geschäftsmanns Hashem al-Qaisiya. Laut ägyptischen Medienberichten übernahm er 2016 die Finanzierung des Senders und wurde mit 40 Prozent größter Anteilseigner und Vorstandschef.

Hashem Ahmed Al Qaisiya ist in Abu Dhabi seit mehr als zwanzig Jahren als Medienunternehmer bekannt. Er ist auch ein Vertrauter der VAE‑Monarchen. 2007 erzählte er der emiratischen Zeitung Al Bayan, seine liebsten offiziellen Reisen seien die mit Scheich Tahnoun bin Zayed, dem heutigen nationalen Sicherheitsberater der Emirate. Zur Hochzeit seines Sohnes 2023 kam der heutige Kronprinz von Abu Dhabi. Seine Nähe zur Herrscherfamilie kann kaum tiefer gehen.

Staunen in Dubai

Die Faszination Schreibers für die Golfmonarchie ist nicht neu. Zum ersten Mal sei er 1999 nach Dubai gekommen, mit Anfang zwanzig, erinnert er sich in einem anderen Video auf seinem Youtube-Kanal mit dem Titel „Das Wunder von Dubai“: Wo heute Hochhäuser stehen, „war hier Wüste“.

In Dubai werden für Schreiber Träume nicht nur geträumt, sondern in die Tat umgesetzt

Von 2006 bis 2009 arbeitete Schreiber in Dubai als Korrespondent der Deutschen Welle. 2022, während seiner Zeit bei der „Tagesschau“, veröffentlichte er den Reiseführer „Nice to meet you, Dubai!“. Als er 2025 bei Axel Springer begann, schwärmte er in seinen Welt-Kolumnen immer wieder von den VAE und Dubai als Ort, an dem „Träume nicht nur geträumt, sondern in die Tat umgesetzt“ würden.

Beim „Global Reporter“ des Axel-Springer-Verlags verschwimmt die Faszination für das glanzvolle Leben Dubais mit einem unkritischen Urteil über die emiratische Außenpolitik. In dem „Warum Deutschland die Emirate braucht“-Video vom September stellt er die VAE als Gegenmodell in einer unruhigen Region dar.

Das emiratische Interesse an Stabilität sei „kein romantisches Friedensprojekt“, sondern „handfeste Staatsräson“. Deutschland brauche Partner, „die ein Interesse an Stabilität haben“, Staaten, „die nicht davon profitieren, dass religiöse Extremisten stärker werden, dass Handelswege zusammenbrechen oder dass Konflikte immer weiter eskalieren“.

Schreiber lobt den Kampf der Emirate gegen die Muslimbruderschaft, ihren Toleranzminister, die Abraham-Abkommen (welche die Beziehungen arabischer Staaten mit Israel normalisieren sollen), das jüdische Leben im Land. Am Ende zieht er eine Grenze zwischen guten und schlechten Partnern. Es mache einen Unterschied, ob ein Staat in Offenheit und Zusammenarbeit investiere, „oder ob er ideologische Konfrontation und Instabilität fördert“.

Kritik findet sich in einem halben Satz: Das bedeute nicht, „dass ich alles unkritisch gut finde“. Außen vor bleibt aber die emiratische Verwicklung in zwei der größten humanitären Krisen unserer Gegenwart: die Bürgerkriege in Sudan und in Jemen, die Schreibers These vom Stabilitätsanker VAE infrage stellen.

Kriegsverbrechen mit Hilfe der VAE

Seit April 2023 wütet ein Bürgerkrieg in Sudan. Trotz Dementis der Emirate weisen zahlreiche Belege darauf hin, dass die Emirate dort die Rapid Support Forces (RSF) in ihrem Krieg gegen die Armee mit Waffen und Söldnern versorgen. Sie ermöglichen den RSF somit eine außerordentlich brutale Kriegsführung, die sich auch direkt gegen Zivilisten richtet.

Im Oktober 2025 massakrierten die RSF in El Fasher in der Region Darfur laut UN‑Menschenrechtsbüro mehr als 6.000 Menschen innerhalb von drei Tagen. Dabei kämpft die RSF auch mit Waffen, die offenbar aus den Emiraten stammen. So dokumentierte Amnesty International im Mai 2025, wie chinesische Lenkbomben und Haubitzen „fast sicher“ über Abu Dhabi in die Hände der RSF gelangten, weil die Emirate das einzige Land waren, das sie gekauft hatte. Abu Dhabi bestreitet die Vorwürfe.

Schreiber werden diese Verstrickungen der VAE vorgehalten. Im April 2026 traf er den emiratischen Botschafter in Deutschland, Ahmad Attar. Hinterher schrieb er auf LinkedIn, die Emirate stünden „für einen neuen Weg im Nahen Osten, der auf Austausch, Toleranz und Weltoffenheit setzt“. Unter dem Beitrag verwiesen andere Nutzer auf Recherchen etwa von Amnesty International.

Auch in Jemen zeigt sich, wie wenig das Bild vom „emiratischen Stabilitätsanker“ tatsächlich zutrifft. Jahrelang waren die Emirate Teil der von Saudi-Arabien geführten Koalition gegen die Huthis, bis es zum Bruch mit Riad kam. Der Grund: Die VAE förderten zugleich die Separatisten des Südlichen Übergangsrats (STC), welche die Abspaltung vom Jemen als Ziel haben.

Ende Dezember 2025 griff die saudische Luftwaffe eine aus den Emiraten an den STC gelieferte Fracht im Hafen von Mukalla an. Riad bezeichnete die emiratische Unterstützung als „Bedrohung der nationalen Sicherheit“. Abu Dhabi wies die saudischen Vorwürfe zurück und zog Truppen aus Jemen ab. Innerhalb weniger Tage nahmen jemenitische Regierungssoldaten mit saudischer Unterstützung Aden ein, die Hauptstadt des separatistischen STC, der deshalb seine Auflösung verkünden musste.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Schreiber Mitte Februar 2026 über diesen Bruch zwischen Riad und Abu Dhabi geschrieben hat, aber aus anderer Richtung. Die Unterstützung einer separatistischen Miliz, die nicht in eine Stabilitätserzählung passt, blendete er aus.

In der Welt erschien sein Text „Die neue arabische Rivalität, die den Nahen Osten destabilisiert“. Darin sind die Emirate das Opfer: einer saudischen Medienkampagne, antisemitischer Rhetorik, eines Rivalen, der sie „moralisch infrage“ stelle. Jemen erwähnt der Text nicht. Sudan taucht auf, doch nur in einer Aufzählung der Unterzeichner der Abraham-Abkommen.

Kritische Journalisten werden verfolgt

Bemerkenswert ist Schreibers Show bei Azhari TV auch mit Blick auf die Pressefreiheit in Ägypten. Fast zeitgleich zu seiner Ankündigung schloss ein Gericht die unabhängige Nachrichtenseite Mada Masr und nahm die Chefredakteurin Lina Attalah in Gewahrsam. Im Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen belegt das Land Platz 169 von 180. Eine Anfrage der taz zur Verfolgung kritischer Journalisten in Ägypten beantwortete Schreiber nicht, ebenso wie zu den Eigentümern und der Finanzierung von Azhari TV.

Zu seiner neuen Show schrieb Schreiber der taz jedoch, es sei „zunächst einmal gut, Gespräche mit Vertretern einer der höchsten Institutionen des Islam aufzunehmen“. Seine Unabhängigkeit sei ihm „stets besonders wichtig“ gewesen, er spare „keine Perspektive bewusst aus“.

Er verwies auf sein 2020 erschienenes Buch über den Krieg in Jemen und darauf, dass „Islam Talk“ ein Projekt von vielen sei. Azhari TV ließ eine Anfrage der taz zu den Eigentümern bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Es sind solche Muster in der Berichterstattung Schreibers über den Nahen Osten, die einen misstrauisch machen: Wie kommt ein Journalist zu unkritisch positiven Urteilen über ein Land, das wie alle anderen Länder im Nahen Osten zwielichtige Verbindungen hat? Was blendet er aus und warum? Mit seiner neuen Anstellung bei Azhari TV bekommt die Frage „Wirst du dafür bezahlt?“ womöglich eine neue Relevanz.

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