«Es geht ihm gar nicht gut!»

Drama um Sölden-Held Steve Locher
«Es geht ihm gar nicht gut!»
Vor exakt dreissig Jahren hat der Walliser Steve Locher als erster Schweizer beim Riesenslalom in Sölden triumphiert. Was Freunde und ehemalige Weggefährten heute über den Walliser erzählen, ist tieftraurig.
Publiziert: vor 31 Minuten
Marcel W. PerrenReporter Sport
Wenn der ehemalige Swiss-Ski-Erfolgstrainer Didier Bonvin (67) auf Steve Locher (59) angesprochen wird, verfinstert sich die Miene des sonst so fröhlichen Romands: «Es ist absolut traurig, was mit Steve passiert ist. Es geht ihm gar nicht gut», sagt er. Und auch der Bündner Fritz Züger, der 1993 als Bonvin-Nachfolger die Schweizer Riesenslalom-Mannschaft mit Locher, Mike von Grünigen, Urs Kälin und Paul Accola übernommen hat, macht sich grosse Sorgen um seinen einstigen Schützling. «Ich hatte zu Steve lange einen guten Kontakt. Aber seit einer Whatsapp-Nachricht, die er mir vor bald zwei Jahren zu meinem 70. Geburtstag geschickt hat, habe ich von ihm weder etwas gelesen noch gehört.»
Als Lochers Welt noch in Ordnung war
Was hat der einstige Riesen-Hero aus dem Unterwallis für ein Problem? Wir drehen das Rad der Uhr um dreissig Jahre zurück. Was Fritz Züger am 27. Oktober 1996 beim Riesenslalom auf dem Sölden-Gletscher erlebt, wird er wohl bis ans Ende seiner Tage nie mehr vergessen: «Locher hat nach dem ersten Durchgang geführt und war vor dem Finallauf brutal nervös. Doch Mike von Grünigen konnte seinen Teamkollegen mit einfühlsamen Worten im Startgelände beruhigen. Steve gewann das Rennen schliesslich vor Mike.»
Der kompromisslose Trainer
Es war Lochers dritter und zugleich letzter Weltcupsieg. Nachdem er 1999 beim WM-Riesenslalom noch die Bronzemedaille gewonnen hatte, beendete er seine Rennfahrer-Laufbahn 2002. Danach lanciert er seine Trainer-Laufbahn. Als Jugendcoach im Nationalen Leistungszentrum in Brig hat er den späteren Beaver-Creek-Triumphator Justin Murisier geschliffen. «Steve war ein sehr strenger, aber sehr guter Trainer. Ohne ihn hätte ich den Sprung in den Weltcup wahrscheinlich nie geschafft, er hat mich auf die richtige Linie gebracht.»
Murisier liefert eine Anekdote, die belegt, wie konsequent Locher als Trainer gehandelt hat. «Nachdem ich bei der Jugend-Olympiade in Polen Slalom-Gold gewann, habe ich nach der Rückkehr ins Wallis meine Medaille an der Fasnacht bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Ich wollte dann direkt vom Ausgang an den Start eines Swiss-Cup-Rennens gehen. Dummerweise merkte Steve bei der Übergabe der Startnummer, dass ich stark nach Alkohol roch. Er sperrte mich deshalb für sechs Rennen!»
Der schlimme Unfall
Ein paar Jahre nach dem Murisier-Eklat wurde Locher von Swiss-Ski als Europacup-Trainer angestellt. 2010 ereignete sich in Schwedens Nobelkurot Åre ein regelrechtes Drama. Nicht auf der Piste, sondern auf der Strasse. Locher ist zusammen mit seinen Trainerkollegen mit einem Kleinbus frontal in einen Lastwagen geknallt. Auf wundersame Weise gab es keine Toten, Locher ist mit einer Becken- und Halswirbelfraktur davongekommen. In einer Notoperation wurde ihm eine Metallplatte eingesetzt, die seither seinen fünften Halswirbel stützt.
«Seit diesem Unfall war Steve nie mehr derselbe Mensch, wie er vorher war», sagt Didier Bonvin, der Locher einst zum Götti seines Sohnes gemacht hat. Seinen letzten Auftritt im Weltcup-Zirkus hatte Locher im Dezember 2016, als er in seiner damaligen Funktion als Technik-Trainer von Italiens Männer-Squadra entlassen wurde. Dasselbe Schicksal hatte ihn im Jahr zuvor als Slalom-Chef bei Swiss-Ski ereilt.
«Er will niemanden sehen»
Komplett aus der Bahn geworfen habe Locher ein Bike-Unfall zwischen Veysonnaz und Nendaz im Kanton Wallis. «Er lag für längere Zeit bewusstlos am Boden, bevor er ins Spital gebracht wurde», sagt Bonvin. «Obwohl ihn die Ärzte dort länger behalten wollten, hat er die Flucht nach Hause angetreten. Heute verlässt er seine Wohnung nur noch selten. Er geht keiner Arbeit nach und will niemanden sehen.» Auch auf die Blick-Anfrage für ein Gespräch hat Locher nicht reagiert.
Fritz Züger möchte seinem ehemaligen Schützling noch einmal Danke sagen. «Schliesslich hat mir Steve 1993 den Job gerettet!» Züger klärt auf: «Als ich im Sommer 1993 die Nachfolge vom sehr erfolgreichen und beliebten Didier Bonvin angetreten habe, hat man mich im Team nicht mit offenen Armen empfangen. Und nachdem die ersten Rennen nicht nach Wunsch verlaufen sind, hat der Blick getitelt: «Jetzt muss Züger endlich liefern!» Nach dieser Schlagzeile hat Locher in genialer Manier den Riesenslalom in Alta Badia gewonnen.» Abschliessend hält Züger fest, «dass Steve den spezielsten Charakter von all meinen Athleten hatte. Ein ganz lieber Kerl, aber enorm sensibel. Wenn ihm im Ausgang einer blöd gekommen ist, hats gekracht. Es tut mir weh, dass es diesem besonderen Menschen heute so schlecht geht.»
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.