«Offene Leitplanke war Hauptproblem»: Experte ordnet Bilder ein

Darum gehts
- Bilder des Busunglücks in Zernez zeigen, dass der verunfallte Car von der Leitplanke regelrecht aufgespiesst worden zu sein scheint.
- Hein Reber ist Bereichsleiter Unfallanalyse beim «Dynamic Test Center» und analysiert für 20 Minuten die Bilder.
- Er sagt, die Baustelle habe einen wesentlichen Einfluss auf den Unfallhergang gehabt.
- Denn aufgrund der Baustelle sei die Leitplanke nicht durchgehend fest verschraubt gewesen, was dazu geführt habe, dass der Bus überhaupt in diesem Winkel auf das Ende habe aufprallen können.
Am Donnerstag um 16.45 Uhr kam ein niederländischer Reisecar bei der Örtlichkeit Less zwischen Zernez und Susch in einem Baustellenbereich von der Strasse ab und kippte um. Fünf der 45 Erwachsenen an Bord starben. Drei Personen wurden schwer, sieben mittelschwer und 30 leicht verletzt. Die Unfallursache wird von der Staatsanwaltschaft und der Kantonspolizei Graubünden untersucht.
20 Minuten ist den Unfallort abgefahren. Die Bilder und Videos zeigen, dass eine Schutzplanke offenbar in den unteren Bereich des Cars eindrang. Heinz Reber, Bereichsleiter Unfallanalyse bei der DTC Dynamic Test Center AG, hat die öffentlich verfügbaren Aufnahmen für 20 Minuten analysiert. Er war nicht vor Ort und betont, dass sich der genaue Unfallablauf anhand der Bilder allein nicht rekonstruieren lässt.
Herr Reber, was können Sie auf den Bildern erkennen?
Auf der rechten Strassenseite ist ein Baustellenbereich zu sehen. Ein Stück der Fahrbahn scheint frisch asphaltiert beziehungsweise geteert worden zu sein. Die Strasse beschreibt dort vermutlich eine leichte Rechtskurve. An der Stelle, an der zuvor die Schutzplanke stand, scheint die Fahrbahn zudem einen Knick zurück zur bestehenden Strasse zu machen beziehungsweise eine Verengung aufzuweisen. Dieser Verlauf hätte eine entsprechende Lenkbewegung erfordert.

Daneben ist eine aufgeschüttete Rampe zu erkennen. Welchem Zweck sie diente, kann ich anhand der Bilder nicht beurteilen, das spielt aber auch keine grosse Rolle. Der Reisecar dürfte in einem relativ flachen Winkel auf die Schutzplanke getroffen sein. Dabei wurden deren Pfosten aus dem Boden gerissen respektive abgeknickt.
Was geschah danach?
Es sieht so aus, als wäre die fest installierte Schutzplanke, die da normalerweise steht, wegen der Baustelle teilweise abmontiert und durch eine mobile ersetzt worden. So kam es, dass der Car vorne auf den Anfang der fest installierten Schutzplanke aufgefahren ist und sie gewissermassen aufgegabelt hat. Ob die mobile Schutzvorrichtung im Baustellenbereich mit der fest installierten Schutzplanke verbunden war, lässt sich anhand der Bilder nicht sagen. Eine solche Verbindung wäre theoretisch möglich. Die mobile Vorrichtung wurde offenbar seitlich kaum verschoben.
Die Schutzplanke scheint von unten in den Car eingedrungen und durch den Gepäckraum wieder ausgetreten zu sein. Ist das technisch plausibel?
Ja, das ist gut möglich. Das Stahlband einer solchen Schutzplanke hat ein speziell geformtes Profil, das im Querschnitt ungefähr wie ein B aussieht. Auch wenn das Band nicht messerscharf ist, kann es bei den auftretenden Kräften in ein Fahrzeug eindringen. Erschwerend kam hier vermutlich hinzu, dass der Car direkt auf den Anfang der Schutzplanke traf. Dadurch besteht die Gefahr eines solchen Aufspiessens.

Sollte der Anfang einer Schutzplanke nicht speziell gesichert sein?
Üblicherweise wird das Ende einer fest installierten Schutzplanke in den Boden geführt und verankert. Ist dies nicht der Fall, verfügt es normalerweise über eine entsprechende Endkonstruktion beziehungsweise Kappe. Damit soll gerade verhindert werden, dass ein Fahrzeug die Planke aufgabelt.
Hier scheint die Situation wegen der Baustelle vorübergehend verändert worden zu sein. Ob die konkrete Ausführung vorschriftsgemäss war, kann ich anhand der Bilder allerdings nicht beurteilen.
«In Normalfall, wenn die Schutzplanke durchgehend ist, sollte diese einen seitlichen Anprall auffangen, abbremsen und wieder Richtung Fahrbahn lenken.»
Hat die Schutzplanke damit versagt?
Die sichtbare Verformung ist für sich allein nicht als Mangel zu betrachten. Entscheidend ist, wo und in welchem Winkel ein Fahrzeug auf das System trifft. Das Hauptproblem war hier vermutlich, dass der Car auf den Anfang der Schutzplanke auffuhr. Deshalb wurden die einzelnen Pfosten in seiner weiteren Fahrtrichtung umgelegt.
Im Normalfall, wenn die Schutzplanke durchgehend ist, sollte diese ein Fahrzeug bei einem seitlichen Anprall auffangen, abbremsen und wieder in Richtung Fahrbahn lenken. Weil der Car offenbar den offenen Anfang traf, konnte die Schutzplanke diese Funktion nicht oder nur sehr eingeschränkt erfüllen.
Welche Faktoren bestimmen, ob eine Schutzplanke einen Reisecar zurückhalten kann?
Entscheidend sind unter anderem die Geschwindigkeit, die Masse des Fahrzeugs, der Anprallwinkel, die Trefferhöhe und die konkrete Montage der Schutzplanke. Solche Systeme sind grundsätzlich auf einen seitlichen Anprall in einem relativ flachen Winkel ausgelegt – nicht auf einen rechtwinkligen Aufprall mit hoher Geschwindigkeit.

Was wäre vermutlich geschehen, wenn es dort keine Baustelle gegeben hätte?
Ohne die Baustelle wäre die Schutzplanke voraussichtlich durchgehend verschraubt gewesen. Wäre der Car an derselben Stelle in einem flachen Winkel auf eine durchgehende Schutzplanke getroffen, hätte diese ihre eigentliche Funktion vermutlich besser erfüllen und das Fahrzeug in einem flachen Winkel zurück auf die Strasse lenken können.
Man kann deshalb davon ausgehen, dass der Unfall bei einer durchgehenden Schutzplanke möglicherweise anders verlaufen wäre. Sicher sagen lässt sich das ohne eine vollständige Rekonstruktion aber nicht.
Der Experte

Heinz Reber ist Bereichsleiter Unfallanalyse bei der DTC Dynamic Test Center AG.
Lässt sich erkennen, wodurch die tödlichen Verletzungen entstanden sind?
Nein. Anhand der Bilder kann ich nicht beurteilen, in welcher Phase des Unfalls die schwersten Verletzungen entstanden. Denkbar ist, dass insbesondere das Umkippen und der anschliessende Absturz über die Begrenzung schwere Folgen hatten. Ob und welche Verletzungen unmittelbar durch die eingedrungene Schutzplanke verursacht wurden, muss die Untersuchung zeigen.
Was sollte man aus den Bildern nicht vorschnell schliessen?
Die Bilder zeigen zwar ein aussergewöhnliches Schadenbild. Sie beweisen aber für sich allein weder einen technischen Mangel noch einen bestimmten Unfallablauf. Dafür müssen die Untersuchungen abgewartet werden. Und zum Schluss noch folgende Anmerkung: Aus Gründen der Sicherheit ist es wichtig, dass man sich auch in Reisebussen immer korrekt mit dem Sicherheitsgurt anschnallt.
Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.
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