Notunterkünfte – Genf fehlen Plätze für Obdachlose

Mehr als 750 obdachlose Menschen leben in Genf, doch es gibt nur rund 500 Plätze in Notunterkünften. Begrenzte Aufenthalte und die wiederkehrende Rückkehr auf die Strasse prägen den Alltag vieler Betroffener, berichtet das Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS).
Wer in Genf einen Platz in einer Notunterkunft sucht, muss sich telefonisch melden. Drei mehrsprachige Mitarbeitende nehmen durchschnittlich 150 Anrufe pro Tag entgegen.
Doch die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich. «Gestern hatten wir nur zwei Plätze. An manchen Tagen haben wir gar keinen. Praktisch überall sind die Unterkünfte ausgelastet», erklärt die Sozialarbeiterin Gabriela.
Wie sich dieser Mangel auf Betroffene auswirkt, zeigt die Geschichte von Chris und Salomé. Die beiden gehören zu den Hunderten Menschen, die in Genf auf der Strasse leben. «Wenn du draussen schläfst, beginnst du, dich selbst abzuwerten. Du hast das Gefühl, nichts mehr wert zu sein», berichtet Salomé.
30 Nächte, dann zurück auf die Strasse
Wer einen Platz erhält, darf 30 Nächte in einer Notunterkunft bleiben. Danach folgt eine zweiwöchige Pause, bevor eine erneute Anmeldung möglich ist.
Die Zivilschutzunterkunft Richemond nimmt das ganze Jahr über jede Nacht 80 Menschen auf. Im unterirdischen Bunker erhalten sie ein Bett, eine Mahlzeit und Zugang zu Duschen. Doch morgens um 8 Uhr müssen sie die Unterkunft wieder verlassen und den Tag auf der Strasse verbringen.
«Es gibt Personen, die durch einen Schicksalsschlag aus der Bahn geraten sind, isolierte Menschen, die gesundheitliche Probleme haben, oder Menschen mit einer Suchterkrankung», sagt Lorenzo Maggio, der Leiter der Unterkunft.
Ein Hilfsnetz dank Freiwilligen
Zwischen den Aufenthalten in den Notunterkünften steht obdachlosen Menschen ein Netz von Hilfsorganisationen zur Seite. Im Point d'Eau bieten Freiwillige Duschen, kostenlose medizinische Versorgung und saubere Kleidung an.
Der freiwillig tätige Zahnarzt Sabry Sadfi behandelt dort regelmässig Menschen, deren Gesundheit unter dem Leben auf der Strasse gelitten hat. «Manche Kiefer sind stark geschädigt. Häufig geht es um die Vorderzähne», berichtet er. «Wenn man auf der Strasse lebt und Arbeit sucht, wird das schnell zum Problem.»
Wenn der rechtliche Status zum Hindernis wird
Für Sozialarbeiterinnen und -arbeiter sind die Möglichkeiten bei Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus oft begrenzt.
«Wenn jemand in der Schweiz keine entsprechenden Rechte hat, müssen wir der Person sagen, dass sie unter diesen Umständen hier nicht arbeiten darf», sagt der Sozialarbeiter Many Zola. «Das tut weh und ist frustrierend. Wir würden gerne mehr tun.»
Habou, ein junger Mann aus Mali, der in Richemond untergebracht ist, erlebt das zurzeit. «Es gibt viele Unternehmen, die uns einstellen würden», sagt er. «Aber ohne Bewilligung ist das unmöglich. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als auf der Strasse zu schlafen.»
Unterkunft für Chris und Salomé
Chris und Salomé haben doch noch einen Platz in der einzigen städtischen Unterkunft gefunden, die auch ihre Hündin Ruby aufnimmt. Dort können sie drei Monate bleiben.
«Jetzt lernen wir wieder zu leben, denn auf der Strasse geht es nur ums Überleben», sagt Chris. Die Sorge vor der Zukunft bleibt jedoch: «Ich habe immer noch Angst davor, wieder auf der Strasse zu landen.»
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