Seit sechs Jahren in U-Haft: Ex-Wirecard-Chef Braun bereut seinen Umgang mit Marsalek

Seit sechs Jahren in U-HaftEx-Wirecard-Chef Braun bereut seinen Umgang mit Marsalek
22.10.2026, 13:40 Uhr
Seit mehr als sechs Jahren sitzt der frühere Wirecard-Chef Markus Braun in Untersuchungshaft, nun steht der Prozess vor dem Abschluss. Erstmals seit der Inhaftierung spricht er über Jan Marsalek, seine Kritik an der Justiz und das Leben nach einer möglichen Haftentlassung.
Der seit 2020 inhaftierte frühere Wirecard-Chef Markus Braun empfindet nach eigenen Worten keine Rache mehr gegenüber seinem ehemaligen Stellvertreter Jan Marsalek, der seit dem Zusammenbruch des Konzerns untergetaucht ist. Er habe einige Monate, möglicherweise ein Jahr gebraucht, um seine negativen Gefühle zu verarbeiten, sagte Braun dem "Spiegel" in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim. "Aber am Ende des Tages bringt einen Hass nicht weiter." Er wolle vor allem erfahren, was damals geschehen sei und welche Motive dahinterstanden.
Es ist Brauns erstes Interview seit seinem Haftantritt, bei dem ihn Reporter im Gefängnis befragen konnten. Dort sitzt er seit mehr als sechs Jahren; seit 2022 läuft der Prozess gegen ihn wegen des Verdachts des Bandenbetrugs, der Marktmanipulation, Bilanzfälschung sowie Untreue. Während Braun weiterhin darauf beharrt, er sei unschuldig und von Marsalek hintergangen worden, sieht die Staatsanwaltschaft beide als Köpfe einer Bande von Betrügern.
In wenigen Wochen dürfte das Urteil fallen. Braun drohen 10 bis 15 Jahre, möglicherweise die höchste Haftstrafe überhaupt in deutschen Wirtschaftsstrafverfahren. Die Untersuchungshaft würde allerdings angerechnet.
Braun hatte Wirecard jahrelang geführt, bis zum Kollaps des Unternehmens im Juni 2020, als das Management eine Luftbuchung einräumen musste: 1,9 Milliarden Euro, angeblich geparkt auf Treuhandkonten in Asien, fehlten. Kurz darauf war Wirecard pleite, Tausende Aktionäre und Gläubiger meldeten im Insolvenzverfahren Forderungen von mehr als 15 Milliarden Euro an. Braun, der zeitweise ein Aktienvermögen in Milliardenhöhe hatte, musste hinter Gitter.
Marsalek floh über Minsk nach Moskau und arbeitet dort offenbar für den russischen Geheimdienst. Dass er dort lebt, hatte der "Spiegel" 2025 enthüllt. Braun sagte, nach Marsalek in Russland fahnden wolle er nach seinem Haftende nicht. "Ich werde weder nach ihm suchen noch suchen lassen und auch nicht nach Moskau fahren, definitiv nicht." Allerdings hätte er, so Braun, "aus heutiger Sicht Jan Marsalek zehn Jahre früher hinauswerfen sollen".
Sechs Jahre U-Haft gerechtfertigt?
Scharf kritisierte Braun die Justiz. "Sechs Jahre Untersuchungshaft halte ich in keiner Weise für gerechtfertigt. Es sollte eine klare Beschränkung bei der Dauer von Untersuchungshaft geben, etwa maximal ein Jahr, zumindest wenn es nicht um ein schweres Gewaltverbrechen geht." Mit einem Freispruch rechnet er nicht. "Ich werde seit sechs Jahren in Untersuchungshaft gehalten, da ist es doch offensichtlich, dass das Gericht keinen Freispruch plant und von Anfang an nicht geplant hat."
Nach der Haft will Braun in seine Heimat Wien zurückkehren, wo seine Frau und seine kleine Tochter leben. Konkrete berufliche Zukunftspläne hat er indes nicht. "Künstliche Intelligenz ist eines der spannendsten Themen, ich beschäftige mich sehr stark damit. Überhaupt Technologie, von KI über Quantencomputer, Fusionsenergie bis zum Weltraum, das sind die großen Themenfelder. Aber der erste Schritt für mich ist es, wieder etwas Lebensraum zu haben."
Bei dem einstündigen Gespräch präsentierte sich Braun körperlich und mental in guter Verfassung, er habe "einen starken Kern", sagte er. Der "Spiegel" führte das Gespräch in Anwesenheit von Brauns Verteidigerin Theres Kraußlach, einem Gerichtssprecher sowie einem Polizisten.
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