Alice Schwarzer hört auf: Ohne sie wäre die Frauenbewegung nicht da, wo sie heute ist

Die feministische Journalistin Alice Schwarzer konnte irre nerven. Aber sie war eine Stimme für Frauen, und sie hat Frauen eine Stimme gegeben. Das trägt bis heute.
Foto: Stefan Boness
B ei aller berechtigter Kritik an Alice Schwarzer – ihre transfeindlichen Ansichten, ihre übertriebene Kopftuchkritik, ihre Härte gegenüber Prostitution und Pornografie, ihr scheinheiliges Friedensgefasel in Sachen Ukraine, ihr Steuerskandal – sie bleibt doch eine der bedeutendsten Personen der feministischen Zeitgeschichte. Es ist vor allem ihr und ihrem Magazin Emma zu verdanken, dass das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen dauerhaft thematisiert wurde – und die daraus folgenden Ungerechtigkeiten wie Lohnungleichheit, Rentenlücke, Abtreibungsverbot, Partnerschafts- und sexuelle Gewalt nicht nur im Diskurs blieben, sondern auch auf politischer Ebene verhandelt wurden, wenn auch mit unterschiedlichen Ergebnissen.
Schon klar, Alice Schwarzer konnte enorm nerven. Wenn sie in TV-Debatten nicht lockerließ und gnadenlos dazwischenquatschte – was gleichermaßen weibliche Selbstermächtigung und damit ein Novum in der öffentlichen Präsenz von Frauen war. Wenn sie sich immer wieder selbst in den Mittelpunkt rückte. Wenn sie schon vor Jahrzehnten versuchte, von Emma loszulassen, und von ihr selbst ausgewählte Nachfolgerinnen so schnell vergraulte, wie diese nicht mal schreiben konnten. Wenn sie zwar Frauensolidarität bekundete, aber Frauen verriet, sobald diese laut Kritik an ihr übten.
Gleichwohl machte sie das für Jahrzehnte zum Markenzeichen des Feminismus zunächst in Deutschland, später auch europaweit. Ohne Schwarzers Energie und ihren Einsatz für universelle Frauenrechte wäre die Gleichberechtigung heute nicht da, wo sie ist. Erinnert sei hier nur an ihre Dispute mit dem CDU-Politiker Heiner Geißler. Der stand als Konservativer für die klassische Familie aus Vater, Mutter, Kind(ern), Schwarzer wollte genau diese aufbrechen. Die beiden stritten öffentlich, nicht ohne Humor, denn den hat Schwarzer reichlich. Bis Geißler – unter anderem aufgrund eines Sexismusskandals auf einem CDU-Parteitag 1979 – seine Haltung änderte und einige Jahre später eine modernere Frauenpolitik forderte: Anerkennung von Erziehungszeiten in der Rente, Hilfen für Schwangere in Not, so was. Die CDU war erbost.
Was machte daraufhin Schwarzer? Sie überschrieb einen Text im Spiegel mit „Heiner Geißler hat recht“. Sie hatte damals schon erkannt, dass Feminismus und Gleichberechtigung nicht ohne Männer zu haben sind.
Emma hat viele Jahre vielen Frauen geholfen, sich in einer männerdominierten Welt zurechtzufinden und nicht an sich selbst zu verzweifeln, weil ihnen von Männern eingeredet wurde, nicht ebenbürtig zu sein. Schwarzer hat Frauen eine Stimme und nicht selten Rückhalt gegeben. Und den Mut, sich aus der Privatheit in die Öffentlichkeit zu begeben, sich aus „Männergefängnissen“ zu befreien.
Nur hat sie leider irgendwann die jüngeren Frauen und deren Blick auf die Welt nicht mehr verstanden – und sie gegen sich aufgebracht. Auch das mit der ihr eigenen Energie. Sodass sich Frauen, jüngere und ältere, von ihr abwandten. Jetzt verlassen Alice Schwarzer und Emma die öffentliche Bühne, das einzigartige Frauenmagazin wird nach 50 Jahren eingestellt. Schwarzers Zeit ist vorbei. Die für eine progressive Frauen- und Genderpolitik hingegen nicht.
Simone Schmollack Ressortleiterin Meinung
Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalistinnen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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