Female Rage – Der Zorn der Frauen – weshalb literarische Rachefantasien boomen

In Monika Kims Roman «Molka» hat Dahye genügend Gründe, wütend zu sein. Ohne ihr Wissen wird sie von ihrem Liebhaber beim Sex gefilmt. Als diese Aufnahme an die Öffentlichkeit gelangt, lässt er sie fallen. Doch statt sich selbst die Schuld zu geben und die emotionalen Folgen stillschweigend zu ertragen, instrumentalisiert Dahye ihre Wut. Sie startet einen Rachefeldzug gegen die Männer, die sie ausgenutzt und missbraucht haben.
Mordende Heldin
Auf Tiktok etwa werden Protagonistinnen wie Dahye als Heldinnen gefeiert. «Good for her», heisst es dann, wenn die Frau dem Mann ins Gesicht brüllt, überzogen von seinem Blut auf ihn einprügelt oder ihm sein liebstes Körperteil abtrennt. Hier wird keinem Male Gaze, keinem männlichen Blick also, mehr gefolgt.
Dass Frauen literarisch ihre Wut ausleben, trifft offenbar einen Nerv. Bestseller wie «Gone Girl» von Gillian Flynn, «Männer töten» von Eva Reisinger oder auch der mittlerweile verfilmte Thriller «The Housemaid» von Freida McFadden reihen sich in die Female-Rage-Literatur ein.
Was hinter «Molka» steckt: Realität und Roman
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Das sind «Molkas»
Auf Koreanisch bezeichnet «Molka» versteckte Kameras, mit denen voyeuristische Aufnahmen gemacht werden. In Südkorea häufen sich solche Fälle: Im Vergleich zu 2008 hat sich 2017 die Zahl der Strafverfahren wegen Sexualdelikten betreffend illegale Filmaufnahmen laut einem Bericht von Human Rights Watch verelffacht.
Die überwiegende Mehrheit der Opfer sind dabei Frauen, die Täter hingegen Männer. Sowohl Schutz- als auch Strafmassnahmen der Regierung hinken aber hinterher und viele Verfahren werden fallen gelassen. Das löste 2018 eine Protestwelle aus.
Der Roman «Molka»
Der Roman der amerikanisch-koreanischen Autorin Monika Kim seziert die tief verwurzelte Misogynie in der südkoreanischen Gesellschaft und hält dabei Lesenden auf aller Welt einen Spiegel vor.
Auf subtile Weise werden toxische Verhaltensweisen von Männern offengelegt. Kim verknüpft diese gesellschaftlichen Themen gekonnt mit Horrorelementen.
«Molka» ist keine Lektüre für Zartbesaitete. Es sind nicht die paranormalen Elemente, die für Schauer sorgen. Vielmehr sind es die bildhaften, brutalen Episoden, in denen die Protagonistin ihre Rache ausübt. Wer sich an dieses Buch heranwagt, sollte – zumindest literarisch – Blut sehen können.
Buchhinweis
Monika Kim: «Molka». Kiepenheuer & Witsch, 2026.
Gewalt wechselt die Seite
Ein Blick auf die Literaturgeschichte zeigt vor allem eines: wütende Männer, gewalttätige Männer – und weibliche Opfer. Gerade in Krimis werden überdurchschnittlich oft Frauen ermordet.
Das wird in Female-Rage-Romanen auf den Kopf gestellt: Hier geraten die Frauen in Rage, lassen ihrer Wut freien Lauf. Die Figur der wütenden Frau hat mit den Furien ein antikes Vorbild. Historisch wurde weibliche Wut aber oft als Hysterie abgetan und nicht ernst genommen. Doch seit #MeToo betonen Feministinnen, wie wichtig der Zorn der Frauen ist und dass sie jedes Recht haben, wütend zu sein. Unter dem Patriarchat wurden sie jahrhundertelang systematisch unterdrückt und misshandelt.
In Female-Rage-Büchern warten die Frauen nicht länger auf Gehör und Gerechtigkeit, sondern verschaffen sich diese – oft auch mit Gewalt. Denn Höflichkeit und Kompromissbereitschaft haben sich im Kampf gegen das Patriarchat oft als wenig hilfreich erwiesen – oder greifen schlicht nicht schnell genug.
Männerhass oder Systemkritik?
In «Molka» ist klar, wer moralisch im Recht ist: die Frau, die sexualisiert und missbraucht, von der Justiz aber im Stich gelassen wird. Rache erscheint als legitimer Weg – allerdings nicht als ausreichende Lösung: «Er verdiente, was ihm widerfahren war. Aber er war nur ein Symptom des Problems, eines von vielen Monstern, die beseitigt werden mussten.»
Die Wut der Female-Rage-Protagonistinnen ist somit nicht reiner Männerhass. Sie richtet sich auch gegen ein System, das Voyeure schützt, Gewalt an Frauen verharmlost und die weibliche Empörung darüber kleinredet. Die Werke bewegen sich in einer moralischen Grauzone.
Literarischer Frustabbau
Female Rage wird von Frauen für Frauen geschrieben: Die Geschichten bieten Leserinnen ein Ventil für Frustration und bestätigen sie in ihrer Wut über reale Ungerechtigkeiten. Rachefantasien können so zur Kraftquelle im anhaltenden Kampf gegen sexualisierte Gewalt werden.
Indem Frauen selbstbestimmt ihre Emotionen ausleben, holen sie sich die Hoheit über ihren Zorn zurück. Auch wenn Romane wie «Molka» letztlich das Problem der sexualisierten Gewalt nicht lösen, erweitern sie zumindest den Diskurs. Denn Literatur ist nicht nur von ihrer Umgebung inspiriert, sondern kann zugleich – in den Debatten – auf diese zurückwirken.
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