Nepal: Teurer Wiederaufbau nach Sturzflut
Fast drei Wochen nach den verheerenden Sturzfluten nahe der chinesischen Grenze verstärkt das Himalaya-Land seine Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen. Nach Angaben der nepalesischen Behörden wurden in fünf betroffenen Distrikten mindestens 1.386 Leichen geborgen, während mehr als 5.130 Menschen weiterhin vermisst werden.
Die Flutkatastrophe verwüstete ganze Ortschaften und riss mehr als ein Dutzend Wasserkraftanlagen mit sich. Während die Suchaktionen in den überfluteten Tunneln und entlang schlammiger Flussufer andauern, warten die Familien verzweifelt auf ein Lebenszeichen ihrer vermissten Angehörigen.
Trauerfeier ohne Leichnam
Das Ausmaß der Verluste an Menschenleben ist besonders gravierend im oberen Flusslauf, wo ganze Siedlungen innerhalb von Minuten verschwanden. An vielen Orten haben zerstörte Straßen und Brücken die Zugänge abgeschnitten, sodass Rettungs- und Hilfsteams auf Hubschrauber angewiesen sind, um lebenswichtige Hilfsgüter zu liefern.
Niranjan Paudyal, ein Bewohner des Dorfes Sole im nepalesischen Distrikt Nuwakot, verlor seine Eltern, seinen Onkel, seine Tante und seine Schwester. "Wir haben tagelang die Trümmer abgesucht, in der Hoffnung, Spuren meiner vermissten Eltern und meiner Familie zu finden", sagt er der DW. "Leider ließ uns die Katastrophe keine andere Wahl, als ihre Bestattungsriten ohne ihre Leichname durchzuführen."

Öffentliche Gebäude in der Berggemeinde Uttargaya im Distrikt Rasuwa wurden entweder weggespült oder sind nun nicht mehr betretbar. "Nach der Flut gibt es nicht einmal Grundstück für Friedhof, um die Verstorbenen zu beerdigen", erklärt Chameli Gurung, Dorfvorsteherin der Gemeinde, gegenüber der DW. "Angehörige müssen nach Pashupati Aryaghat in Kathmandu reisen."
Gurung zählte in ihrer Gemeinde mindestens 618 weggespülte Häuser. 877 Mitglieder der Dorfgemeinschaft werden weiterhin vermisst. Bislang konnten nur 12 Leichen geborgen werden. Die lokalen Behörden prüfen nach Angaben von Gurung die Möglichkeit, private Gebäude an anderer Stelle zu pachten, um Familien noch vor dem kalten Winter Unterkünfte zu bieten.
Nepals Kommunikationsminister Bikram Timilsina teilt im DW-Interview mit, dass die Betroffenen in der Nähe ihrer ursprünglichen Wohnorte neu angesiedelt werden könnten, sofern öffentliche oder private Grundstücke gesichert würden. Außerdem werde die Regierung entsprechend der Haushaltsgröße so lange finanzielle Unterstützung leisten, bis die Betroffenen wieder auf eigenen Beinen stehen.
Nepal steht vor enormen Wiederaufbaukosten
Eine Bewertung der nepalesischen Zivilschutzbehörde (RDNA) beziffert den Gesamtbedarf für den langfristigen Wiederaufbau auf 4,1 Milliarden Euro. Fast zwei Drittel der Mittel sollen in die Energie- und Verkehrsnetze sowie Schulen investiert werden. Dies entspricht etwa einem Zehntel des jährlichen Bruttoinlandsprodukts von Nepal.
Bisher war die Wasserkraft die wichtigste Einnahmequelle für den Haushalt in Nepal. Der erzeugte Strom wird in der Regenzeit an das energiehungrige Nachbarland Indien exportiert. Nun bestehen große Sorgen, wie Nepal den kostspieligen Wiederaufbau ohne diese Einnahmen finanzieren kann.
Am Montag (14.09.26) genehmigte Indien den Stromexport nach Nepal für 18 Stunden pro Tag bis mindestens zum Jahresende. "Wir werden versuchen, alle verfügbaren inländischen Ressourcen zu nutzen und internationale Unterstützung zu suchen, um die Finanzierungslücken zu schließen", sagt Kommunikationsminister Timilsina.
Werden Sturzfluten im Himalaya immer bedrohlicher?
Nepal will widerstandsfähiger werden
Nepal hat sich offiziell an die UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) mit Sitz in der deutschen Stadt Bonn gewandt. Diese UN-Behörde unterstützt mit Fonds bei der Bewältigung der Auswirkungen des Klimawandels, hat jedoch noch nicht mit der Verteilung der begrenzten Mittel begonnen.
"Angesichts unserer bisherigen Erfahrungen im Katastrophenmanagement kommt es vor allem darauf an, wie effektiv wir die Mittel einsetzen, um das Leben und die Lebensgrundlagen der Menschen wiederherzustellen und eine katastrophenresiliente Infrastruktur aufzubauen", erklärt Roshee Lamichhane, Professorin an der Universität Kathmandu, im DW-Interview.
Über die Finanzierung des Wiederaufbaus hinaus vertritt Nepal auf der internationalen Bühne ein umfassenderes Plädoyer für Klimagerechtigkeit. Nepals Premierminister Balendra Shah wird Ende September vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York sprechen. Dort wird er voraussichtlich zu globaler Verantwortung für die Eindämmung der Klimaauswirkungen aufrufen.

Obwohl Nepal weniger als 0,1 Prozent zu den weltweiten Treibhausgasemissionen beiträgt, ist das Land weiterhin äußerst anfällig für klimabedingte Gefahren. "Der Wiederaufbau soll als Chance genutzt werden, um eine klimaresiliente Infrastruktur zu errichten", erläutert Maheshwar Dhakal, Leiter der Abteilung für Klimawandelmanagement im nepalesischen Ministerium für Forstwirtschaft und Umwelt, gegenüber der DW. Sein Ministerium werde einen Leitfaden entwickeln.
Klimaforscher warnen zwar davor, einzelne Extremereignisse ohne detaillierte Studien ausschließlich der globalen Erwärmung zuzuschreiben, sind sich jedoch einig, dass steigende Temperaturen das Abschmelzen der Gletscher im gesamten Himalaya beschleunigen. Manjeet Dhakal, Direktor von Climate Analytics South Asia, betont, dass das Ausmaß der Katastrophe die zunehmenden Folgen der Erderwärmung verdeutliche. Nun habe die Welt allen Grund, sich für eine Senkung der weltweiten CO₂-Emissionen einzusetzen. "Auf wie viele weitere Katastrophen müssen wir noch warten, bevor es eine globale Reaktion gibt, um die Auswirkungen des Klimawandels anzugehen?", fragt er. Die Industriestaaten und andere führende Länder sollten gemeinsam mehr Verantwortung übernehmen.
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