Diese Themen und Rennen entscheiden über Sieg oder Niederlage

- Die US-Midterms 2026 stehen an.
- Die Umfragen sehen einen klaren Sieg der Demokraten beim Repräsentantenhaus voraus.
- Das Rennen um den Senat wird in einigen wenigen Bundesstaaten entschieden.
- US-Experte Julien Labarre über die Ausgangslage, die wichtigsten Themen und die entscheidenden Rennen.
Die Ausgangslage
Julien Labarre, kurz vor der Wahl: Was sagen die neuesten Umfragen?
Bei der Frage, ob die Menschen eher einen Republikaner oder einen Demokraten wählen würden, haben die Demokraten auf nationaler Ebene derzeit neun Prozentpunkte Vorsprung. Das ist für sie eine gute Ausgangslage.
Die Umfragen lagen auch schon daneben. Kann man ihnen trauen?
Auf nationaler Ebene waren sie in den letzten Wahlzyklen bemerkenswert genau. Sowohl Präsidentschaftswahlen als auch Midterms werden aber in den Bundesstaaten entschieden, und dort kann die Umfragequalität tiefer sein. Seit 1998 haben die Umfragen die Demokraten tendenziell etwas öfter unterschätzt als die Republikaner, die Fehler um Trump waren einfach spektakulärer. Deshalb glauben viele, die Umfragefehler nützten immer den Republikanern. Das stimmt nicht.
Trump, die Preise und der Iran-Krieg
Wird die Wahl eine Abrechnung mit Trump, oder sind die lokalen Kandidaten entscheidend?
Die US-Politik ist in den letzten Jahrzehnten immer nationaler geworden. Die Midterms sind die einzige Gelegenheit zwischen den Präsidentschaftswahlen, Unzufriedenheit mit dem Präsidenten auszudrücken. Lokale Kandidaten und Themen zählen auch, aber viel weniger als früher. Und die Menschen wählen retrospektiv, heisst: Für sie ist entscheidend, wie sich die wirtschaftliche Lage in den letzten zwei Jahren verändert hat. Versprechen wie jenes von Trump, bei einem Sieg in beiden Kammern jedem 5000 Dollar zu geben, verfangen kaum.
Die Wirtschaftslage ist das zentrale Thema. Entscheiden teure Lebensmittel und Benzin diese Midterms?
Es ist klar das wichtigste Thema, ja. Viele werden gegen die Republikaner stimmen, weil sie die teuren Lebensmittel und hohen Benzinkosten direkt der Regierung zuschreiben und nicht einem äusseren Ereignis.
«Jedes Mal an der Zapfsäule werden die Amerikaner an den Iran-Krieg erinnert.»
Spielt der Iran-Krieg beim Wahlverhalten gar keine Rolle?
Die Aussenpolitik spielt bei US-Wahlen traditionell eine marginale Rolle. Beim Iran-Krieg ist es ein wenig anders, weil er handfeste wirtschaftliche Folgen hat. Jedes Mal an der Zapfsäule werden die Wählerinnen und Wähler an den Krieg erinnert. Dazu kommt, dass die Regierung nie glaubwürdig erklärt hat, warum es diesen Krieg braucht. Acht Monate, nachdem Trump sagte, die Atomkapazitäten des Iran seien vollständig zerstört worden, griffen die USA mit derselben Begründung erneut an. Die ständigen Lügen, dass der Krieg vorbei sei und ein Deal kurz bevorstünde, tragen zum Frust bei.
Die Wirtschaft ist eigentlich ein republikanisches Thema. Wieso profitieren sie nicht davon, dass es Wahlkampfthema Nummer 1 ist?
2024 hat Trump Zölle als Allheilmittel verkauft. Das war falsch, aber es war leicht zu verstehen: Zölle bringen viel Geld und senken die Preise. Jetzt sehen die Leute, dass diese Versprechen nichts gebracht haben. Trump hat die Zölle selbst zu seinem Spektakel gemacht, denken Sie an den sogenannten Liberation Day. Das bleibt hängen, und jetzt verbinden die Leute das, was sie auf ihrem Bankkonto sehen, direkt mit dem, was der Präsident getan hat.
Der Kampf um den Senat
Im Senat halten die Demokraten 47 Sitze, für die Mehrheit brauchen sie 51. Woher sollen die vier zusätzlichen Sitze kommen?
North Carolina werden sie sehr wahrscheinlich gewinnen. Die übrigen drei müssen aus einer Gruppe von sechs Staaten kommen: Texas, Alaska, Maine, Iowa, Kansas und Ohio. Manche reden inzwischen auch über South Carolina. Besonders wichtig sind aber Maine, Texas und Michigan – jeweils aus einem ganz anderen Grund.
Maine: Susan Collins (R) gegen Troy Jackson (D)

Was ist die Besonderheit an Maine?
Maine wählt bei Präsidentschaftswahlen verlässlich demokratisch, und trotzdem hat die republikanische Amtsinhaberin Susan Collins jede Wahl überstanden. Sie wurde immer wieder politisch totgesagt, aber ihr persönliches Image und ihre Marke haben sie getragen. Die Demokraten mussten ihren ursprünglichen Kandidaten ersetzen, nachdem online Vorwürfe wegen sexueller Gewalt gegen ihn aufgetaucht waren, die er bestreitet. Wenn es einen Staat gibt, der längst an die Demokraten hätte fallen müssen, dann Maine. Wir werden sehen, ob es dieses Jahr so weit ist.
Texas: Ken Paxton (R) gegen James Talarico (D)

Wieso ist Texas interessant?
Texas ist seit 2000 um rund acht Millionen Menschen gewachsen, getragen fast ausschliesslich von ethnischen Minderheiten, vor allem Latinos und Afroamerikanern. Diese Gruppen tendieren zu den Demokraten. Deshalb träumen die Demokraten seit Jahren davon, dass Texas kippt. Der Abstand ist zuletzt kleiner geworden, bisher haben die Demokraten einen Sieg aber immer klar verpasst.
«Ein Sieg in Texas würde für die Demokraten die Erwartung wecken, dass Texas auch bei den Präsidentschaftswahlen 2028 umkämpft wird.»
Jetzt haben sie mit James Talarico einen aussergewöhnlichen Kandidaten. Er führt eine hervorragende Kampagne, bricht Stereotype über Demokraten auf und hat sein eigenes Image erneuert. Die Republikaner dagegen haben wohl den schlechtesten Kandidaten aufgestellt. Hätten sie im Labor den schlechtesten Kandidaten züchten wollen, wäre wohl Ken Paxton herausgekommen.
Noch ist das mit Vorsicht zu geniessen, aber Texas ist auch im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2028 spannend. Ein Sieg würde die Erwartung wecken, dass Texas 2028 umkämpft ist. Und das ist entscheidend, denn ohne Texas können die Republikaner keine Präsidentschaftswahl gewinnen.
Michigan: Mike Rogers (R) gegen Abdul El-Sayed (D)

Wer steht sich in Michigan gegenüber?
In Michigan müssen die Demokraten einen eigenen Sitz verteidigen, doch es gibt einen Konflikt in der eigenen Partei. Die Demokraten in Michigan haben sich hinter Abdul El-Sayed gestellt, einen progressiven Kandidaten. Trump nennt ihn einen Sozialisten und einen «Dschihadisten». Stark vereinfacht stehen sich der progressive Bernie-Sanders-Flügel und der Flügel von Biden, Clinton und Obama gegenüber.
Die Progressiven haben bisher fast nur dort gewonnen, wo ohnehin demokratisch gewählt wird. Einen grossen Test in einem knappen Rennen hatten sie noch nie. Die grosse Sorge der Parteimitte ist, dass solche Kandidaten dort nicht gewinnen, wo es zählt. Die Forschung gibt ihr ein Stück weit recht: Kandidaten, die als radikal gelten, verlieren bis zu vier Prozentpunkte. Genau das sehen wir bei El-Sayed: Er schneidet schlechter ab als die Demokraten national. Er führt trotzdem, und wahrscheinlich gewinnt er den Sitz. Verliert er, wäre das ein Argument gegen einen progressiven Präsidentschaftskandidaten 2028.
Das Repräsentantenhaus und die Folgen
Viele halten den Sieg der Demokraten im Repräsentantenhaus für sicher. Zu Recht?
Ich sollte den üblichen Vorbehalt anbringen, dass alles passieren kann. Aber ehrlich gesagt sehe ich nicht, wie die Demokraten das Repräsentantenhaus nicht gewinnen sollen. Die Republikaner halten dort die knappste Mehrheit seit den 1930er-Jahren. Und die Partei des Präsidenten verliert bei den Midterms fast immer Sitze. Es gibt Berichte, wonach die Republikaner gar nicht mehr diskutieren, ob sie verlieren, sondern nur noch, wie hoch.
Was ändert sich, wenn die Demokraten gewinnen?
Im Repräsentantenhaus erhalten sie ein wichtiges Werkzeug: Sie können die Regierung untersuchen – Korruption, Machtmissbrauch, Behinderung der Justiz. Sie könnten auch ein Amtsenthebungsverfahren einleiten, wobei das nicht heisst, dass der Präsident abgesetzt wird. Zudem entscheidet der Kongress über das Geld. Historisch hat er so Militärinterventionen gestoppt, indem er die Mittel strich. Und beim Budget können die Demokraten dem Präsidenten Zugeständnisse abringen. Der Senat wiederum kann Nominationen des Präsidenten blockieren, auch für den Supreme Court.
Spielt es eine Rolle, wie gross die Mehrheit ist?
Im Alltag kaum, im Repräsentantenhaus reicht die einfache Mehrheit. Wichtig wird es bei einem Veto des Präsidenten: Um es zu überstimmen, braucht es in beiden Kammern eine Zweidrittelmehrheit. Das ist extrem unwahrscheinlich. Aber je grösser die Mehrheit, desto leichter lassen sich ein paar Republikaner gewinnen. Bei einem so brisanten Thema wie dem Iran-Krieg kann ich mir vorstellen, dass genug Republikaner mit den Demokraten stimmen.
Kommen dann grosse Reformen?
Nein. Die amerikanischen Institutionen sind derzeit enorm dysfunktional. Ein Hauptgrund ist der Filibuster im Senat: Für alles Wichtige braucht es 60 von 100 Stimmen. Keine Partei wird in absehbarer Zeit eine solche Mehrheit haben. Ohne Zusammenarbeit über die Parteigrenzen scheitern die meisten Vorlagen im Senat.
Die Prognose
Was erwarten Sie am Mittwochmorgen?
Das Repräsentantenhaus werden die Demokraten gewinnen. Wenn nicht gerade Marsmenschen landen oder ein Atomkrieg ausbricht, wird es da kaum Spannung geben. Im Senat ist eine knappe demokratische Mehrheit das wahrscheinlichste Szenario. Aber die Umfragen in den Bundesstaaten sind weniger genau, die Republikaner könnten in einigen Staaten unterschätzt sein. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass sie ihre Mehrheit halten. Bei einem Patt von 50 zu 50 entscheidet der Vizepräsident, und die Republikaner hätten faktisch die Mehrheit.
Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.
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