Arbeiten auf der Chilbi – Schaustellerin: «Wir haben das alle im Blut»

Es ist Chilbi-Zeit. In Zürich steht am Wochenende mit dem Knabenschiessen eines der grössten Schweizer Volksfeste an. Auch die grossen und kleinen Herbstmessen lassen nicht mehr lange auf sich warten.
Für die vielen Schausteller und Schaustellerinnen hat die intensivste Zeit des Jahres begonnen. Hinter Chilbi-Lichtern und dem Duft gebrannter Mandeln steckt jede Menge harte Arbeit – und finanzielles Risiko.
Jane Lang
Schaustellerin
Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen
Jane Lang, geb. 1989, ist in der vierten Generation Schaustellerin. Die gelernte Kauffrau ist an der Chilbi dabei, seit sie denken kann. Nach zehn lehrreichen Ausbildungs- und Wanderjahren und einem Sprachaufenthalt in den USA verlagerte sie ihr berufliches Interesse hauptsächlich auf ihre Tätigkeit als Schaustellerin. Seit 2019 ist sie mit ihrer Schiessbude «East-West» auf grossen und kleinen Chilbi-Plätzen unterwegs. Sie hat einen Sohn und arbeitet mit einem 40-Prozent-Pensum ausserhalb der Chilbi als Kaufmännische Angestellte.
SRF: Sie sind Schaustellerin in der vierten Generation. Ist Ihnen das Leben auf der Chilbi in die Wiege gelegt worden?
Jane Lang: Absolut. Wir haben das alle im Blut, das kann man nicht einfach abstellen. Das hat man tief in sich drin. Ich bin praktisch auf dem Festplatz aufgewachsen. Seit ich 19 bin, toure ich mit meiner eigenen Schiessbude «East-West» durchs Land.
Ein Arbeitstag hat locker zwölf und mehr Stunden Präsenzzeit. Hinzu kommen noch der Auf- und Abbau.
Gerade ist Hochsaison. Wie sieht Ihr Alltag in dieser Zeit aus?
Es ist extrem anstrengend. Man zieht von Platz zu Platz und lebt viel im Wohnwagen. In den Monaten von Ostern bis Mitte November müssen wir die Finanzen für das ganze Jahr einspielen.
Viele denken, wir hätten im Winter ein halbes Jahr Ferien, aber das stimmt nicht. Da läuft die ganze Administration. Zudem tragen wir wegen des Wetters ein enormes finanzielles Risiko. Zu viel Hitze oder Regen schaden dem Geschäft.
Zählen Sie die Stunden, die Sie während einer Chilbi arbeiten?
Nein, wir rechnen die Stunden bewusst nicht. Wenn man das wie ein normaler Angestellter tun würde, bekäme man wohl einen grossen Schrecken.
Wir sind eine grosse Familie, Konkurrenz gibt es nicht.
Ein Arbeitstag hat locker zwölf und mehr Stunden Präsenzzeit. Hinzu kommen noch der Auf- und Abbau. Es ist die pure Leidenschaft und die Verbundenheit zur Tradition, die uns antreibt.
Sie sind selbstständig, Mutter eines Sohnes und arbeiten zusätzlich noch 40 Prozent als Kaufmännische Angestellte. Wie bewältigen Sie diesen Spagat?
Ich trage die Verantwortung für meinen Sohn. Nur vom Schaustellerberuf mit einer Schaubude zu leben, ist heute unglaublich schwierig geworden, wenn man alle Versicherungen und Kosten abzieht. Deshalb habe ich mich für diese Doppelbelastung entschieden.
Es ist hart, aber ich habe tolle Mitarbeitende und meine Familie, die mich unterstützen. Sonst würde es nicht gehen.
Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?
Dass alles teurer geworden ist und die Besucher ein Budget haben. Das spürt man auch auf der Chilbi. Zudem ist die Konkurrenz durch die digitale Unterhaltungsindustrie riesig. Früher war es das Kino, heute Netflix.
Am Ende ist die Chilbi ein Stück lebendige Tradition.
Trotzdem weigere ich mich, die Preise anzuheben. Ich will für Familien mit Kindern und jedes Portemonnaie attraktiv bleiben. Am Ende ist die Chilbi für viele eben immer noch ein Stück lebendige Tradition und ein Treffpunkt.
Wie steht es um die Konkurrenz auf dem Platz?
Wir haben keinen Einfluss auf die Anzahl der Schiessbuden, die auf einem Platz stehen. Wir bewerben uns und der Organisator entscheidet. Die Plätze werden jedes Jahr neu vergeben. Bei kleineren Festen bin ich mit meinem Schiessstand oft allein, bei grösseren wie dem Knabenschiessen gibt es noch andere.
Ich sage immer: Wir sind eine grosse Familie, Konkurrenz gibt es nicht. Man muss eine breite Schulter haben und sagen: Ich gönne es jedem.
Grösser, höher und mehr scheint bei den Bahnen angesagt zu sein. Kann da eine Schiessbude noch mithalten?
Für viele gehört der Besuch einer Schiessbude zur Tradition. Wir haben Erwachsene, die jetzt mit ihren Kindern oder sogar mit den Enkelkindern kommen. Viele sagen: «Das Schiessen habe ich früher auch am Knabenschiessen oder an der Chilbi gelernt.»
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.