«Tunnelbauer ist einer der härtesten Jobs»

Die Spielzeug-Bagger und Mini-Kräne im Hauptgebäude von Implenia in Zürich-Opfikon sind noch etwas dreckig. Ein Überbleibsel vom Jubiläumsfest, als Kinder damit im Sand gespielt haben. Hat der CEO der grössten Schweizer Baufirma als Bub auch schon von einer Karriere auf dem Bau geträumt? «Nein, überhaupt nicht! Ich wollte Tennisspieler oder Arzt werden», sagt Jens Vollmar (42). «Bis zum Studium wusste ich noch nicht, was ich werden wollte. Dann kam ich zufällig zu den Wirtschaftswissenschaften – und später ebenso zufällig zu Implenia.»
Jens Vollmar: Am Anfang war ich mit der Bauindustrie nicht so vertraut. Aber je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr hat es mich gepackt. Man sieht unsere Produkte, kann den Fortschritt direkt messen und etwas erschaffen, was die Gesellschaft beeinflusst.
Implenia arbeitet am nördlichen Durchstich der zweiten Gotthard-Strassenröhre. Wie ist es, in diesem Tunnel zu stehen?
Wahnsinnig beeindruckend! Man sieht, was wir Menschen bewegen können. Der Gotthard steht für die technische Kompetenz der Mitarbeitenden von Implenia, für Verlässlichkeit und für den Zusammenhalt der Schweiz. Das macht mich stolz.
Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»
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Was kostet es, wenn die riesige Tunnelbohrmaschine ungeplant stillsteht?
Es sind sicher ein paar Tausend Franken pro Minute, aber eine genaue Zahl legen wir nicht offen.
Im Gotthard arbeiten Menschen, die auf der ganzen Welt von Tunnel zu Tunnel weiterziehen. Was sind das für Persönlichkeiten?
Sie führen ein spezielles Leben. Oft sind sie drei Wochen auf der Baustelle und sieben Tage zu Hause. Auf der Baustelle entsteht dadurch ein besonderer Zusammenhalt: Die Leute wohnen dort, kochen zusammen und verbringen auch ihre Freizeit miteinander. Fast wie eine Familie. Hochbauer sind dagegen weniger mobil. Im Tunnelbau gehört es dazu, dass der nächste Einsatz nicht vor der Haustür liegt. Man zieht weiter.
Was haben Sie von den Tunnelbauern über Arbeit gelernt?
Auf der Tunnelbohrmaschine zu arbeiten, ist für mich eine der härtesten Tätigkeiten überhaupt. Es ist heiss, dreckig, ölig, staubig, laut und eng. Dann kommen diese Leute nach Stunden aus dem Bohrkopf, verdreckt von Kopf bis Fuss, und bedanken sich dafür, dass sie diesen Job machen dürfen. Und einige von ihnen machen ihn seit 20 Jahren und noch länger. Das beeindruckt mich sehr!
Wird diese Knochenarbeit angemessen bezahlt?
Der Verdienst ist gut. Aber ich bin der Meinung, dass die Marge auf solchen Projekten viel zu tief ist. Die Leistung dieser Fachleute, die technische Kompetenz, die harte Arbeit und die Risiken, die man eingeht, werden viel zu schlecht vergütet. Es gibt ein Missverhältnis zwischen den Herausforderungen und dem, was dafür entschädigt wird.
Sie könnten die Löhne ja erhöhen! Der Bund gibt mehr als 2 Milliarden Franken für den Bau der zweiten Röhre aus.
Wir müssen wettbewerbsfähige Löhne zahlen, aber wir sind stark davon abhängig, was die Bauherrschaft bereit ist zu vergüten. Und wir haben auch Kosten wie Stahl und Beton, die wir nicht steuern können. Mit einer EBIT-Marge von nicht einmal 4 Prozent haben wir zwar eine verhältnismässig gute Marge in der Industrie, aber der Spielraum ist in diesem generell tiefmargigen Geschäft begrenzt.
Warum braucht es eine Schutzpatronin – die heilige Barbara – im Tunnel?
Es gab lange Zeit viele Unfälle und auch Todesfälle im Tunnelbau. Der Glaube an die schützende heilige Barbara ist aus der Vergangenheit überliefert und bis heute Bestandteil jeder Baustelle.
Wie gehen Sie mit Todesfällen um?
Ich fühle mich verantwortlich für die Sicherheit unserer Leute. Wenn jemand aus dem Team nicht mehr nach Hause zu seiner Familie kommt, trifft mich das sehr. Ich persönlich informiere dann die ganze Belegschaft. Und selbst wenn individuelles Fehlverhalten der Grund war, frage ich mich: Hätten wir noch mehr machen können?
Beim Bau gab es bereits Verzögerungen. Sind Sie zuversichtlich, dass die zweite Röhre wie geplant Ende 2029 fertig wird?
Am Nordportal machen wir uns wenig Sorgen. Beim Südportal sieht es anders aus, aber das konnte man ja bereits den Medien entnehmen.
Haben Sie privat schon mal gebaut?
Immer wieder, zu meinem Leidwesen (lacht). Meine Frau und ich sind jetzt gerade von Stein im Aargau nach Rheinfelden gezogen, wir haben dort ein 15-jähriges Haus gekauft. Wir dachten: ein bisschen Pinselsanierung, das geht schnell. Aber es hat sich wieder mal als viel aufwendiger erwiesen, alles zu organisieren, als wir angenommen hatten.
Was war das Mühsamste?
Die Verfügbarkeit der Unternehmer! Vom Gerüstbauer über den Spengler und den Schreiner bis zum Maler. Wenn ich frage, wann sie Zeit haben, heisst es: ‹Rufen Sie nächstes Jahr im März wieder an.› Meine Frau wird auch nicht immer ernst genommen. Ich habe bewusst keine Aufträge an Implenia vergeben, sondern wollte mit lokalen Handwerkern arbeiten. Aber wenn man keine Antwort bekommt, wird es schwierig.
Die Baubranche hat nicht den besten Ruf ...
... das ist teilweise leider so! Es gibt zu viel Arbeit und zu wenige gute Arbeitskräfte und verlässliche Firmen.
Warum ist das so?
Handwerkliche Berufe haben ein schlechtes Image. Viele Eltern sagen ihren Kindern, sie sollen studieren. Zu Unrecht! In der Branche sind die Löhne hoch, die Auftragslage ist gut, die Arbeit abwechslungsreich. Auch ich hätte meiner Tochter vor kurzem noch ein Jus-Studium empfohlen. Heute nicht mehr.
Was würden Sie ihr heute raten?
Durch künstliche Intelligenz verändert sich sehr viel. Wissen ist heute innerhalb von Sekunden verfügbar – für jeden und überall. Ich müsste wirklich gut darüber nachdenken, ob ich ihr überhaupt ein Studium empfehlen würde. Vielleicht Mathematik oder Physik ... Aber wahrscheinlich würde ich sagen, sie soll eine handwerkliche Ausbildung machen und dann ein eigenes Geschäft aufbauen. Gute Spengler oder Schreinerinnen sind heute überall gefragt.
Sie und Ihre Frau leben ein traditionelles Familienmodell. Wie kam es dazu?
Meine Frau leitete die Rechtsabteilung einer grossen Division bei Novartis. Sie hat dann entschieden, dass sie sich stärker um unsere Tochter kümmern möchte. Sie hatte das Gefühl, dass der Spagat zwischen einem 100-Prozent-Job und der Familie zu gross sei und sie weder dem einen noch dem anderen gerecht werde. Wenn man sich irgendwo in eine Abhängigkeit begibt und wichtige Berufsjahre verliert, ist das ein grosser Schritt.
Dann wurde Ihre Tochter schwer krank.
Ja, das war genau die Zeit, in der ich CEO von Implenia geworden bin. Unsere Tochter war mehrere Wochen im Spital, und wir wussten lange nicht, wie sich das entwickelt. Für mich war das eine schwierige Zeit. Dass sie in den besten Händen war und meine Frau sich um sie gekümmert hat, war eine enorme Erleichterung für mich. Heute geht es ihr Gott sei Dank wieder gut.
Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
Am Wochenende versuche ich, nicht mehr als einen halben Tag für Implenia zu arbeiten. Die vergangene Woche aufarbeiten oder die kommende vorbereiten. Den Rest plane ich mit der Familie. Wir gehen auf den Spielplatz, fahren Velo, bauen mit Lego, streichen alte Möbel oder kochen zusammen. Unsere Tochter ist viereinhalb und macht alles mit grossem Interesse mit.
Sie sind gebürtiger Deutscher und lassen sich gerade einbürgern. Wie läuft es?
Beim erleichterten Verfahren gibt es ein mündliches Gespräch mit der Gemeinde. Ich war mehr auf nationale Fragen vorbereitet, die Gemeinde hat mich aber unter anderem über kulturelle Veranstaltungen im Dorf befragt. Ich wusste ehrlicherweise nicht einmal, was wir dort für grosse Kulturveranstaltungen haben (lacht). Ich habe leider keine Zeit, mich stark ins Gemeindeleben einzubringen.
Und haben Sie bestanden?
Man hat mir gesagt, dass es gut gelaufen sei. Jetzt heisst es: abwarten.
Implenia wächst in Deutschland stark. Wie wichtig ist der Markt?
Wir sind in unserer DNA eine Schweizer Firma und werden das auch bleiben. Aber wir haben in den letzten zwölf Monaten unseren Auftragsbestand in Deutschland verdoppelt, denn Deutschland hat über die vergangenen Jahrzehnte viel weniger in Infrastruktur investiert als die Schweiz. Jetzt haben Brücken, Energieinfrastruktur, Rechenzentren und Verteidigung Nachholbedarf.
Apropos Verteidigungsinfrastruktur. Wo ziehen Sie da die ethische Grenze?
Wir schauen uns Kunden und Projekte genau an. Bei öffentlichen Auftraggebern, zum Beispiel in Deutschland, sehen wir grundsätzlich keinen ethischen Konflikt, wenn es um Verteidigungsinfrastruktur geht. Bei privaten Kunden schauen wir genauer hin. Eine Munitionsfabrik würden wir anders beurteilen als eine Kaserne oder eine Strasse für Militärfahrzeuge. In den näheren europäischen Märkten, in denen wir tätig sind, sind wir überzeugt, dass die Regierungen Verteidigung meinen, wenn sie von Verteidigung sprechen.
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